Allgemein

Sabrina Janesch – Sibir

Bücher

Thorsten Nagelschmidt – Nur für Mitglieder

„ICH BRAUCH DEFINITIV KEINE THERAPIE. ICH MUSS EINFACH NUR NACH GRAN CANARIA“ (S. 5) zitiert Nagelschmidt zu Beginn von Nur für Mitglieder den Druck eines Souvenir-T-Shirts und nimmt damit Teile des Inhalts ironisiert vorweg.

Der Protagonist von Thorsten Nagelschmidts Roman ist ein Thorsten Nagelschmidt, der wie Thorsten Nagelschmidt der Autor in Rheine aufgewachsen ist, aber in Berlin lebt, Mitglied der gleichen Band Muff Potter und überdies Autor mehrerer Romane ist. Er erträgt die Vorweihnachtszeit des fortschreitenden Dezembers nicht mehr und bucht im „Versuch seinem alljährlichen Unglück zu entkommen“ (Klappentext) 13 Tage in einem All-Inclusive-Hotel auf Gran Canaria. Um diese Zeit produktiv verbringen zu können, beschließt er, statt gewöhnliche touristische Aktivitäten zu unternehmen, alle 86 Folgen der Serie The Sopranos auf einem mitgebrachten DVD-Player allein im Hotelzimmer zu schauen. Damit möchte er nicht nur eine kulturelle Bildungslücke schließen, sondern möglicherweise auch ein neues Buch über diese Erfahrung schreiben. Er rechnet mit täglichen acht Stunden sogenannten Binge-Watchings, einem exzessiv-pausenlosen Zusehen, das damit gewissermaßen einem Vollzeit-Job gleicht.

 Nach einer Zeit etabliert sich eine Routine zwischen dem Konsum zahlreicher Episoden, dem Essen im ressorteigenen Restaurant La Palapa und den einzelnen wenigen Freizeitaktivitäten, die der Protagonist sich selbst zugesteht. Je näher das Weihnachtsfest rückt, desto häufiger wird diese Routine durch Reflexionen vergangener Weihnachten, der eigenen, fest damit verbundenen Familiengeschichte und den mentalen Folgeschäden durchbrochen. So wird berichtet, dass sich vor einem Jahr ein völliger Zusammenbruch ereignete, dem eine Therapie folgte.

Nie wieder Weihnachten in Deutschland hatte ich mir geschworen, als ich wieder halbwegs beieinander war, nie wieder Weihnachten ohne eine Aufgabe. Noch einmal würde ich einen solchen Zusammenbruch nicht wegstecken, und es gab schlicht keinen Grund, mich dieser für mich so schwierigen Zeit weiterhin Jahr für Jahr ungeschützt auszusetzen. (S.10)

Nur augenscheinlich geht es dem Roman um die Sopranos selbst, eigentlich nehmen diese eine überschaubare Rolle ein. Stattdessen werden Themen wie Einsamkeit und Depression ergründet und das Ganze immer vor einem autobiografischen Hintergrund. Das Weihnachtsfest ist dabei der alljährliche Auslöser, jedoch lassen sich die Depressionen des Protagonisten nicht darauf reduzieren.

Beim Hören oder Lesen der Nachrichten erfasste mich jedes Mal großer Weltschmerz, die Gesellschaft von Menschen war anstrengend geworden. Innere Unruhe und die ständige Angst, es könne jeden Moment etwas Schreckliches passieren. Unsicher war ich geworden und hypersensibel. Ich fühlte mich fett, dumm und alt, und langsam dämmerte mir, dass da etwas Größeres im Anmarsch war. (S. 193)

Depressionen sind komplexe, von zahlreichen Diskursen begleitete Phänomene, deren Darstellung in der Kunst und insbesondere in der Literatur immer wieder problematisiert und kritisiert wurde. Nagelschmidt gelingt jedoch eine nachvollziehbare und intime Darstellung, die das Krankheitsbild in seiner Dynamik erfasst und sich nicht mit überkommenen, banalen Klischees begnügt. Nur für Mitglieder lässt nicht die Depression wie von Zauberhand verschwinden, sondern zeigt eine realistische Umgangsform mit dieser – wenngleich 13 Tage The Sopranos auf Gran Canaria möglicherweise für die meisten Menschen nicht die optimale Strategie sein dürfte.

Nagelschmidt hat mit diesem Roman nicht das autofiktionale Rad neu erfunden: So bestehen in der Ähnlichkeit des Protagonisten mit dem Autor Parallelen zu Eurotrash von Christian Kracht sowie In Plüschgewittern von Wolfgang Herrndorf, anderen Leser:innen mögen hier weitere Werke einfallen. Worin für mich aber eine markante Besonderheit Nagelschmidts besteht, ist die Bewältigung statt einer konsequenten Auserzählung von Tragik, die auf eben jene Bewältigung verzichten würde: Der Protagonist geht nicht an seiner anhaltenden Depression zugrunde, sondern es gelingt ihm – vor allem auch aufgrund der Unterstützung durch seine Freundin – mit dieser umgehen und leben zu können.

Ein großes Finale bleibt in der Erzählung aus. Dennoch ist im Epilog das Unterfangen des Protagonisten geglückt: Die (Vor-)Weihnachtszeit wurde bis auf einen gebrochenen Backenzahn unbeschadet überstanden und mit Nur für Mitglieder liegt nun auch der Roman eines Thorsten Nagelschmidts vor, der einen Binge-Marathon der Sopranos thematisiert.

Fazit: „Und das erstaunt mich immer wieder: dass man auch in solchen Phasen noch gute Momente haben und lachen oder sogar andere zum Lachen bringen kann“ (S. 194). Insgesamt ist Nur für Mitglieder ein Roman, der manchmal amüsant, manchmal bedrückend und manchmal auch hoffnungsvoll sein kann. Insbesondere die Entwicklung der Erzählung von einer fast zynischen Beschreibung des Alltags im Hotel zu einer intimen Betrachtung der eigenen Gefühlswelt, Krankheit und Einsamkeit hat mir sehr gefallen. Und auch für Leser:innen, die The Sopranos nicht gesehen haben, halte ich den Roman für sehr empfehlenswert.

Lutz Zimmermann

Bücher

Clara Ratzka – Familie Brake

In Clara Ratzkas „Familie Brake“ begleiten Leser*innen die namensgebende Familie, ihre Verwandten, Freunde und Nachbarn zu Familientreffen, Spaziergängen durch Münster und bei allerlei Alltäglichem. In dem Roman, den Clara Ratzka ihrer Heimatstadt gewidmet hat, treffen die verschiedensten Generationen der Brakes aufeinander – in der Liebe, im Konflikt, im Zusammenhalt und vor allem im wunderschönen alten Münster.

So finden sich zahlreiche detailverliebte Illustrationen des „alten“ Münsters:

„Die erleuchteten Fenster, ungleich, in Dunkel eingebettet, die wenigen Laternen, sie warfen warme Reflexe auf die ehrwürdigen und zugleich mit einer leichten Hand gezierten Häuser, und all das war doch nur der Vorhof zu dem einen Mächtigen, hoch hinauf Ragenden, zu diesem Triumph der Gotik, das den Markt abschloß: der Lambertikirche.“ (S.148)

Diese bilden jedoch nur die Bühne für eine Vielfalt verhandelter Themen: Konflikte zwischen den verschiedenen Generationen, komplexe und konträre Frauenbilder (rebellierende Frauen wie Mila Bruhn vs. pflichtbewusste Frauen wie Adeline Brake), das Älterwerden und damit verbundene gesellschaftliche Erwartungen, unbeschwerte junge Kinder und die Forderungen an sie, Liebe und wo sie hinfällt und letzten Endes auch: das Loslassen und Öffnen von neuen Türen.

Trotz der berührenden Themen wirkt der Roman nie drückend oder belastend: Charaktere wie Truta, die den Leser:innen münsterländisches Platt beibringt, sorgen mit ihrer herzlichen und ungehemmten Art für Leichtigkeit, Witz und eine vertraute Atmosphäre. Wer jedoch nicht aus Westfalen stammt, könnte vor einigen Problemen beim Lesen stehen: sowohl die sprachliche Eigenheit als auch die umfangreichen Ortsbeschreibungen können den Lesefluss hemmen. Sobald man aber die Sippschaft rund um die Brakes und die sprachlichen Eigenheiten von Truta und Co. gelernt hat, fällt das Lesen und Verstehen der verschiedenen Familienkonstellationen und dem damit verbundenen Tratsch und dem einen oder anderen Drama einfacher und man möchte das Buch gar nicht mehr weglegen.

Fazit: Wenn man offen und neugierig für das Kennenlernen Münsters ist und außerdem über ein gutes Gedächtnis für Namen verfügt, dann kann „Familie Brake“ als intimes und gemütliches Buch ans Herz gelegt werden: Leser*innen erfahren nicht nur das Zusammenleben verschiedener Generationen und Familienratschläge, sondern auch Bräuche, Feiertage und sogar Rezepte mit genauen Mengenangaben.

Tabea Paula Arnoldi

Bücher

Markus Berges – Irre Wolken

Zum Inhalt: Wir schreiben das Jahr 1986. Gegen den Willen seiner Eltern macht der schüchterne 19-jährige Protagonist seinen Zivildienst in der lokalen Frauenpsychiatrie. Bisher kennt er ‚die Hülle‘, wie die Einrichtung im Ort genannt wird, nur aus Erzählungen. Jetzt landet er mittendrin.

Weil auch Markus Berges, der Autor und Sänger der Band Erdmöbel, seinen Zivildienst in einer psychiatrischen Einrichtung absolviert hat, kommt hier eine interessante, autofiktionale Dimension ins Spiel; insbesondere, wenn der Protagonist in einem zweiten Erzählstrang Teil einer Band wird und auf dem Weg zum ersten Gig prompt mitten in den Niederlanden strandet.

Als sich der namenlose Zivildienstleistende zunehmend an die Herausforderungen des Pflegealltags gewöhnt, taucht eine neue Patientin auf: Anne Schmidt. Ein großer Teil ihrer Erkrankung besteht aus der Angst vor einer „Atommafia“. Er verliebt sich in die beinahe gleichaltrige Patientin, die bald auf dem Weg der Besserung ist. Doch vor dem Hintergrund der Katastrophe von Tschernobyl kippt die Situation: Anne lässt sich aus Selbstschutz erneut einweisen, ihr mentaler Zustand verschlechtert sich, dann will sie plötzlich fliehen. Der namenlose Protagonist verhilft ihr zur heimlichen Flucht – während im Radio immer wieder vor dem atomar verseuchten Regen gewarnt wird.

Zum Leseeindruck: Die Patientin Anne wird durch den in sie verliebten Protagonisten stark idealisiert. Auch wenn sie zunächst positiv auf ihn reagiert, ändert sich das im Laufe der Erzählung. Der Roman wird dadurch auf einem schmalen Grat platziert: Auf der einen Seite sind die unsicheren und oft unbedacht wirkenden Handlungen im Kontext des Erwachsenwerdens bis zu einem gewissen Grad verständlich, auf der anderen stehen die problematischen, teilweise strafbaren Handlungen.

Weil der Roman in zahlreichen Rezensionen in die Nähe von sog. „Boomer-Literatur“ gerückt wird, sei auch hier eine Einordnung gegeben: Jein. So werden Themen wie Atomangst und die Psychiatriereform beispielsweise nur gestreift. Typische popkulturelle Marker hingegen sind so subtil gesetzt, dass nicht Eingeweihte (oder das jüngere Publikum) sie schlicht übersehen.  Andererseits kann dieser verschleierte Einsatz auch ein Zeichen von handwerklichem Können und Raffinesse sein, wenn sie denn eben als solche erkannt werden.

Fazit: Irre Wolken ist sicher ein ergiebiges Buch für Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, für alle anderen eine Möglichkeit, sich mehr mit dieser Zeit zu beschäftigen. Mir hat im Text selbst vor allem am Ende eine Perspektive gefehlt, die vielschichtiger und kritischer ist, als bloß auf den Abschied von der ‚ersten Liebe‘ und den Wegzug zum Studium hinauszulaufen.

Linnea Gehlert

Bücher

Navid Kermani – Das Alphabet bis S

Ein Jahr lang führt die namenslose Erzählerin Tagebuch. Jeden Tag einen Eintrag über das, was sie sieht, was ihr auffällt, was sie beschäftigt. „Das Tagebuch ohne Datum, das ich mir vorgestellt habe, soll nicht um mich gehen, soll mich gar nicht erwähnen. Es soll ausschließlich notieren, was zwei Augen sehen, die zugegeben nun einmal meine eigenen sind, oder zwei Ohren hören.“

Gleich zu Beginn des Romans wird klar: Das wird keine leichte Lektüre. Der Roman beginnt am Grab der Mutter, die erst vor kurzem verstorben ist. Auch ist die Ehe der Erzählerin gerade erst in die Brüche gegangen. Und das neue Jahr verspricht auch nicht leichter zu werden. Das Alphabet bis S ist ein Roman über die Krankheit und den Tod, den Streit und den Krieg, über die Zweifel und das Scheitern.

Hinzu kommen die Stimmen von zahlreichen Schriftsteller:innen. Von A bis Z geht die Erzählerin nämlich durch ihr Bücherregal, will für jeden Buchstaben eine:n Autor:in lesen. Für A zum Beispiel liest sie Peter Altenberg, außerdem liest sie Emily Dickinson, Julien Green, Peter Nadas. Und immer wieder tritt die Erzählerin sich selbst reflektierend in den Dialog mit ihrem Lesestoff.

Wer nach einem herkömmlichen Roman sucht, ist hier falsch. Eine stringente Handlung gibt es nicht. Oft muss man als Leser selbst die Lücken auffüllen: Wo sind wir? Um wen geht es? Was genau ist passiert? Viel mehr ist der Roman eine Sammlung an Essays, an Zitaten aus anderer Literatur und einzelnen Gedanken der Erzählerin.  

Immer wieder stößt man dabei auf interessante Überlegungen, die einen auch noch nach Weglegen der Lektüre verfolgen. Trotzdem: Ganz überzeugt hat mich der Roman nicht. Für jeden inspirierenden Eintrag gibt es eben auch Abschnitte die zäh und langwierig sind, durch welche man sich durchkämpfen muss.  Auch die Erzählerin blieb mir nach den 600 Seiten Lektüre immer noch verschlossen und nie wurde Ich ganz warm mit ihr. Manchmal hätte etwas mehr Kontext zum Geschehen dem Roman eben doch gut getan, damit die Leser besser in die Welt der Erzählerin eintauchen und mitfühlen können.

Fazit: Strandlektüre ist Das Alphabet bis S sicherlich nicht, eher würde Ich es empfehlen für ein verregnetes Wochenende auf dem Sofa. Wer sich dann mit viel Begeisterung für Literatur und vielleicht auch etwas Geduld auf den Roman einlässt, der wird fündig.

Hannah Steinberg


Allgemein, Bücher

Morgen mehr von Tilmann Rammstedt

„Von all dem will ich erzählen, aber nicht hier, in einer anderen Geschichte, später, viel später, denn vorher gibt es noch das eine, kleine Problem: Ich bin noch nicht geboren.“

Mit diesem Satz endet das erste Kapitel des Romans „Morgen mehr“ von Tilmann Rammstedt einem literarischen Unikat aus Westfalen, denn ich habe noch kein vergleichbares Buch gelesen.

Es handelt sich um eine Geschichte, die in den 70er Jahren, sowohl in Deutschland als auch in Frankreich spielt. In beiden Ländern findet die Handlung an mehreren Orten statt. Wir werden von dem Ich-Erzähler, der, wie bereits erwähnt, noch nicht geboren ist, durch diese amüsante und vielleicht auch etwas wahnwitzige Geschichte gelenkt. Währenddessen schwebt die erzählende Instanz über dem Geschehen und versucht irgendwie, die Figuren und das Geschehen zu lenken, was ihm nicht wirklich gelingt. Denn die Mission des ungeborenen Kindes ist es, seine beiden Eltern, die sich zu diesem Zeitpunkt weder kennen, noch sich im gleichen Land aufhalten, zusammenzubringen – innerhalb von sehr kurzer Zeit. Während der Erzähler also versucht, seine Eltern zusammenzuführen, treffen diese eine Menge an komischen und interessanten Charakteren, die meisten davon werden eher unfreiwillig Teil der Reise. Auf der Reise wird der Vater von einem möchtegern Unterweltboss begleitet, die beiden wiederum werden von drei Männern im Pelz verfolgt, die einen geheimnisvollen Koffer jagen, der sich im Kofferraum des Autos befindet, in dem der Vater des Ich-Erzählers zusammen mit dem Unterweltboss unterwegs ist. Somit beginnt eine chaotische Verfolgungsjagd durch Teile Europas. Dann begegnen sie einem kleinen und seltsamen Jungen, der sich nachts ganz allein an einer Tankstelle aufhält. Auf dem Weg nach Frankreich wird noch ein frisch getrautes Ehepaar, gegen ihren Willen, Teil der eigenartigen Reisegruppe. Während die Mutter des Ich-Erzählers in Frankreich versucht, eine To-Do Liste ihrer toten Schwester abzuarbeiten, was jedoch unmöglich scheint. Und natürlich stellt sich die ganze Zeit die große Frage, werden die beiden Eltern rechtzeitig zusammentreffen und erkennen, dass sie gemeinsam Eltern werden wollen? Was ich zu Beginn erwartet habe, kann ich nicht sagen, aber das war es jedenfalls nicht. Das Buch hat mich auf die positivste Art absolut überrascht.

Ich habe beim Lesen die ganze Zeit mitgefiebert, denn da wir die Geschichte von dem allwissenden Erzähler berichtet bekommen, sehen wir, was an den verschiedenen Orten passiert, was die Figuren denken und wissen, dass es nur auf ein heilloses Durcheinander hinauslaufen kann.  Es hat mir unfassbar viel Spaß gemacht, dieses Buch zu lesen und in die bunte Welt der 70er Jahre, aber auch in die der Figuren entführt zu werden. Neben dem großartigen Setting des Romans, machen vor allem die Charaktere und deren Vielfalt diesen Lesespaß, oder eher, das Lesechaos perfekt. Dieser Roman hat mich zum Lachen gebracht, aber auch zum Nachdenken, allem voran hat er mich aber zu einem Fan von Tilmann Rammstedt gemacht.

Hannah Schulte

Aus dem Museum

Geisterjagd auf dem Kulturgut

Jason Dark – Foto: Thomas Kleinert

Seit dem 22. Februar läuft im Museum für westfälische Literatur eine neue Ausstellung. „Der Gruselklassiker – Fünf Jahrzehnte John Sinclair“ ist noch bis zum 29. Juni zu sehen. Viele Menschen kennen sie: die schwarzen Hefte mit dem gelben Horrorschriftzug, die bis heute in fast allen Zeitschriftenläden und Bahnhofsbuchhandlungen zu finden sind. Schon seit 1973 jagt Oberinspektor John Sinclair von Scotland Yard übernatürliche Wesen – Zombies, Ghouls, Vampire und vieles andere. Bis heute sind fast 2500 Hefte und mehr als 400 Taschenbücher mit dem blonden Helden erschienen.

Hinter dem Phänomen steht ein Autor aus dem Ruhrgebiet – Jason Dark alias Helmut Rellergerd, der in Dortmund aufgewachsen ist. Unsere Ausstellung feiert ihn mit einer Gesamtauflage von über 300 Millionen Exemplaren als den wohl erfolgreichsten Autoren in der Geschichte Westfalens. Sein 80. Geburtstag war der Anlass für unsere Ausstellung. In der von Museumsleiter Stefan Höppner kuratierten Schau sind nicht nur Hefte zu sehen, sondern das ganze Multimedia-Universum, das sich in den vergangenen fünfzig Jahren entwickelt hat – von den Hörspielen, die schon lange Kultcharakter haben, über Kartenspiele und DVDs bis hin zu seltenen Figuren vom Künstler und Sinclair-Fan Jörg Bromm. Viele Exponate stammen aus der Privatsammlung von Jason Dark. Gestalter Jeremias H. Vondrlik verwandelte den Ausstellungsraum kongenial in eine Gruselhöhle, die die Exponate wortwörtlich ins richtige Licht rückt.

Ausstellungsraum auf dem Kulturgut Haus Nottbeck – Foto: Lisa Uphaus

Zur Eröffnung gab es ein besonderes Highlight – einen Abend mit Jason Dark und Dietmar Wunder, der den Geisterjäger seit zehn Jahren in den populären Hörspielen spricht. Wunder ist auch Synchronsprecher, unter anderem für Adam Sandler und Daniel Craig, den bisher letzten James Bond. Mit Stefan Höppner sprachen beide begeistert über ihre Arbeit, außerdem las Dietmar Wunder Ausschnitte aus dem Sinclair-Abenteuer „Der Alptraum beginnt“ – und das so gekonnt, dass die Figuren vor dem inneren Auge des Publikums lebendig wurden.

In der Pause gab es außerdem ein weiteres Novum für Nottbeck: Die Schlange vor der Ausstellung war so lang, dass sie bis auf den Hof reichte.

Stefan Höppner

Stefan Höppner, Dietmar Wunder und Jason Dark – Foto: Dirk Bogdanski

Bücher

„Letzte Spur Ostsee. Ein Fall für Journalistin Arnold“ von Karen Kliewe

Semesterferien: für Journalistik-Studentin Johanna heißt das raus aus Paderborn, weg von Vorlesungen und Hausarbeiten und auf nach Rerik, an die Ostsee, auf Besuch zu ihrer Oma.

Doch als sie in einem alten Zeitungsartikel ein Bild eines Mädchens entdeckt, das ihr wie aus dem Gesicht geschnitten ist, ist es vorbei mit dem ruhigen Besuch. Johanna, schon ganz in ihrem Element als Journalistin, möchte unbedingt herausfinden, wer dieses Mädchen ist. Es stellt sich heraus, dass ihr vermeintlicher Zwilling eine Urlauberin aus Schweden war, die vor 12 Jahren spurlos verschwunden ist. Mit ihren Recherchen setzt Johanna eine gefährliche Kaskade in Gang, durch die alle, die mit dem Fall in Verbindung stehen, in Gefahr geraten. Begleitet bei ihren Ermittlungen wird Johanna über Skype durch ihre Mitbewohnerin Marie, durch einen krankgeschriebenen Polizisten und durch die seltsame Stimme in ihrem Kopf, die immer wieder gehässige oder sarkastische Kommentare abgibt.

Zwischenzeitlich hatte ich beim Lesen das Gefühl, es passiert unglaublich viel und dann doch wieder nichts. Schon nach der Hälfte des Buches wurde auf beinahe alle Beteiligten ein Mordanschlag verübt und es sah aus, als ob der Täter offensichtlich sein müsse. Doch die Ermittlungen liefen trotzdem auf der Stelle und ich fragte mich, was in der zweiten Hälfte nun noch passieren sollte.

Die Antwort: noch mehr Tote und eine zunehmend verwirrende Lage, immer mehr Beteiligte, die im Rerik der Vergangenheit und der Gegenwart in die Geschichte verwickelt sind. Und wie sollte es anders kommen, natürlich gerät auch Johanna selbst durch ihre Ermittlungen in Gefahr, genau wie man es von einem Kriminalroman eben erwartet.

Insgesamt ist der Roman genau das: was man von einem Ostseekrimi erwarten kann. Viele Morde,  undurchsichtige Charaktere und komplizierte Verbindungen, eine Ermittlerin die vor nichts zurückschreckt. Gemischt mit dem Ostseefeeling ein gutes Buch für einen langen Strandtag in den Semesterferien.

Aliza Bergmann

Bücher

„Die Arbeiter“ von Martin Becker

Martin Becker hat mit Die Arbeiter einen beachtenswerten autofiktionalen Roman geschrieben, mit dem er die Leserinnen und Leser in seine Vergangenheit entführt, in das Aufwachsen in einer sauerländischen Kleinstadt und in eine Zeit, die geprägt war von harter Arbeit. Das Buch beginnt mit einem Prolog, in dem, auf eine beinahe schon trockene Weise, die Familiengeschichte bereits erzählt wird: „Da kommen wir her. Aus der Kleinstadt, aus dem Reihenhaus. Das sind wir…“. Doch dieses erste, sachliche Bild, das Becker von seiner Herkunft malt, ist nur der Auftakt zu einer Auseinandersetzung mit seiner Kindheit und Jugend, die mit jedem Kapitel, jeder Seite und jeder Zeile tiefgehender wird.

Becker gewährt uns einen ehrlichen und schonungslosen Einblick in das Leben einer Familie, in der Liebe eher in Taten, nicht in Worten ausgedrückt wird. „Bei uns Arbeitern war kein Platz für Gefühle. Erst recht nicht für Gespräche darüber“, sagt Becker an einer Stelle, und dennoch gelingt es ihm, mit seinem Roman genau diese Gefühle auf eine subtile, fast unsichtbare Weise ins Gespräch zu bringen. Seine Worte entblößen das, was in der Familie unter der Oberfläche liegt – die unausgesprochenen Wünsche, die kleinen und großen Enttäuschungen, die nie ausgesprochenen Hoffnungen und das ständige Streben nach einem besseren Leben.  Er beschreibt vor allem das Leben seiner Eltern, das die Realität einer ganzen Generation widerspiegelt. Der Vater, der Tag für Tag malocht, um der Familie einmal im Jahr einen Kurzurlaub am Meer zu ermöglichen und den Kredit bei der Bank für das Reihenhaus abzubezahlen, das sie sich eigentlich nicht leisten können, und die Mutter, die er fast nur in ihrem geblümten Polyesterkittel kennt, sich um den Haushalt und die Kinder kümmert, das Familienkonstrukt zusammenhält und sich immer ein bisschen zu viele Sorgen macht. Doch trotz der Widrigkeiten, denen die Familie ausgesetzt ist, spürt man eine zärtliche Verbundenheit und Liebe, die über die alltäglichen Kämpfe hinausgeht.

Entgegen der düsteren, grauen Atmosphäre der Industrie im Sauerland der 1980er Jahre entfaltet Becker eine Sprache, die lebendig und eindringlich ist. Er schafft es, die innere Welt seiner Familie mit präzisen, bildhaften Beschreibungen zum Ausdruck zu bringen und lässt so die verborgenen Gefühle ans Licht kommen. Mit Die Arbeiter gelingt Martin Becker nicht nur eine Erinnerungsarbeit an eine Gesellschaftsklasse, die mit harter Arbeit und der Hoffnung auf ein besseres Leben kämpften. Er lässt uns teilhaben an einer Geschichte, die universell und doch zutiefst individuell ist, und die Fragen nach Familie, Heimat und Liebe aufwirft.

Luna Rawe

Bücher

Kaiserstraße

„Alle Geschichten, dachte Böwe in dem Moment wieder, alle Geschichten gehören irgendwie zusammen.“ (S. 274)

Der Roman Kaiserstraße von Judith Kuckart hat mich nicht nur auf eine Reise durch fast fünf Jahrzehnte der Geschichte der Familie Böwe und der deutschen Geschichte mitgenommen, sondern auch auf meine persönliche Lesereise, die ursprünglich das Ziel hatte, den Roman – wie man es denn so macht – in ein bekanntes Schema einzufügen. Während ich mich zu Beginn noch siegessicher an den Klappentext klammerte, der mir sagte, es ginge um die Obsession Leo Böwes für den Mord an der Edelprostituierten Rosemarie Nitribitt, war ich mir bei der Hälfte schon nicht mehr sicher, ob es überhaupt ein Thema geschweige denn einen roten Faden gibt. Zeitsprünge und Perspektivwechsel warfen mich kurzzeitig aus der Bahn und ich zweifelte an meinen Fähigkeiten, das Konzept des Buches, dessen besonderer, ehrlicher und direkter Schreibstil mich sofort überzeugt hatte, im Ganzen zu verstehen. Bis ich schließlich beschloss, mein Ziel außer Acht zu lassen und die Reise zu genießen.

Am Ende blicke ich nun zurück auf einen Roman voller Weisheiten, kleiner und großer Geschichten des Lebens und ein Netz aus Verbindungen, das vielleicht erst – aber dann völlig – deutlich wird, wenn man einen Schritt zurücktritt. Ich habe nicht nur gelernt, dass ein Verkauf erst beginnt, wenn der/die Kund:in nein sagt, sondern wurde ebenso daran erinnert, dass es auch Literatur geben muss, die nein zu einem bestimmten Schema sagt und ihren eigenen Weg geht.

Ich bin irgendwie doch angekommen.

Maresa Lathen

Bücher

Brotjobs & Literatur

Choose a major you love and you’ll never work a day in your life because that field probably isn’t hiring“. Dieser Satz, der bei uns im LiKo-Büro hängt, schwirrte mir während der Lektüre von Brotjobs & Literatur immer wieder durch den Kopf. Denn genau diese Thematik greift der Sammelband auf, indem verschiedene Personen davon berichten, wie sie harte „Brotjobs“ verrichten, um sich ihrer Passion, dem „major they love“, hingeben zu können. Brotjobs & Literatur lässt uns hautnah miterleben, wie Autor*innen neben ihrer Leidenschaft – dem Schreiben – Tätigkeiten verrichten, die vom Lkw-Fahren, der Arbeit im Callcenter, dem Spülen in Großküchen bis hin zum tatsächlichen Brotbacken reichen.

Die Welt der Brotjobs
All diese Berufe haben etwas gemeinsam: Sie fordern von den Autor*innen nur wenig geistige Ressourcen. Denn das Letzte, was man will, ist, dass einem der Brotjob auch in der wortwörtlich hart erarbeiteten (Frei-)Zeit zum Schreiben im Kopf herumspukt. Die Ansichten der Autor*innen zu ihren Brotjobs sind jedoch vielfältig: Während die meisten lieber auf den Brotjob verzichten würden, um sich vollkommen dem Schreiben widmen zu können, berichten einige auch von wertvollen Routinen und Inspirationen, die sie in diesen Jobs finden und die wiederum in ihre – oft preisgekrönten – Geschichten einfließen.

Das finanzielle Dilemma des Schreibens
Eins macht das Buch allerdings unmissverständlich klar: Das Leben als Autor*in ist kein Zuckerschlecken. Es ist geprägt von Geldsorgen, einer enormen Frustrationsgrenze, einer ständigen Anspannung sowie einer sofortigen Habachtstellung, wenn man erwähnt, dass man „Schriftsteller*in“ sei. Die häufigste Frage, die eine Schriftsteller*in hört, lautet: „Und? Kannst du davon leben?“. Welche Schlagkraft dieser Satz hat, wird in Brotjobs & Literatur deutlich. Für die Literaturwelt müsste der Satz im Büro also eher heißen: „Choose a major you love and you’ll always have to work, because that field probably isn’t paying enough“.

Patriarchale und kapitalistische Herausforderungen
Brotjobs & Literatur zeigt auch den zusätzlichen mentalen Druck, den speziell Autor*innen aus diskriminierten Gruppen empfinden. In einer patriarchalen und kapitalistischen Welt müssen sie nicht nur finanzielle, sondern auch soziale Hürden überwinden. Sie schreiben für ein Publikum, das oft bestimmte Denkmuster mitbringt, und sind dabei teilweise darauf angewiesen, die Erwartungen der Leser*innen an den Text ihren eigenen Denkmustern überzuordnen.

Fazit
Das Buch und die verschiedenen Eindrücke der zu Wort kommenden öffnen einem die Augen dafür, wie hingebungsvoll Schreiber*innen sich ihren Texten zuwenden und wie hart und unfair die Buchbranche ist. Brotjobs & Literatur lädt dazu ein, sich die Frage zu stellen, wie viel Idealismus es braucht, um trotz widriger Umstände weiterzuschreiben.

Nele Nentwich

Bücher

Grenzenlos und unverschämt von May Ayim

May Ayims 1997 veröffentliche Sammlung von Aufsätzen, Reden und Interviews führt nicht nur durch Ayims eigene Biographie – von ihrer Kindheit, über ihr Studium, zu ihrer Zeit in Berlin, sondern zeigt auch, wie ihre Erfahrungen mit Rassismus ihr Leben als Afro-Deutsche sowie ihren Aktivismus und Feminismus prägten.

Die Texte dokumentieren eindrücklich den Stress des Rassismus, der jede Situation in Ayims Alltag beeinflusste. Ihre Erfahrungen in einer weißen Pflegefamilie, einem Logopädie-Studium, in dem nicht der Umgang mit Personen gelehrt wird, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, und ein Leben in einer Gesellschaft, die Rassismus nicht als Problem anerkennen möchte, werden von Ayim in verschiedenen Texten verarbeitet. Die unterschiedlichen Textarten, von einem Brief an den „1. gemeinsame Kongress ausländischer und deutscher Frauen“ zu einem Eintrag im Lexikon „Ethnische Minderheiten in der Bundesrepublik Deutschland“ zeigen eindrücklich die Vielseitigkeit von Ayims Aktivismus und wie ausgiebig sich Ayim mit der Realität Schwarzer Deutscher auseinandersetzte.

Die ständige Frage, wo sie hingehört, begleitete Ayim durch ihr Leben und somit auch durch das Buch. Auch wenn Ayim nie eine passende Antwort auf diese Frage gefunden hat, ist diese Sammlung eine gute Auseinandersetzung mit der Frage, was es bedeutet als Schwarze Teil der Deutschen Gesellschaft zu sein. Die Beobachtungen, die Ayim in Worte fasste, sind auch 27 Jahre später immer noch von Bedeutung. Das Vorwort von Josephine Apraku sowie ein biographischer Essay von Silke Mertens tragen weiter dazu bei, dass das Buch auch heute noch aktuell ist.

Theresa Tenger