Bücher, Ins Regal gegriffen

Sabrina Janesch – Sibir

Janesch - Sibirien. Cover

Was macht es mit einem Menschen, wenn er nie ankommen und sich nirgendwo heimisch fühlen kann?

Sabrina Janesch thematisiert in ihrem 2023 erschienen Roman Sibir die Erfahrungen sowjetischer Zivilgefangener und die weitreichenden Folgen dieses Traumas.

Als die Demenz ihres Vaters Josef fortschreitet, beschließt Leila seine Geschichte aufzuschreiben. Dabei beschreibt sie die Kindheit ihres Vaters (1945 in Sibirien) und stellt die Auswirkungen dieser auf ihre eigene Kindheit (1990 in Deutschland) dar: „Wofür mein Vater keine Worte fand, das kleidete er in Geschichten. Als Kind zehrte ich von ihnen, sie schienen mir beinahe spukhaft Auskunft zu geben über das, was mich und meine Freunde beschäftigte, was uns umtrieb. Wir bauten Hütten, horteten Proviant, kultivierten einen Fatalismus, der unseren Spielen Bedeutsamkeit verlieh. Die Geschichten meines Vaters waren wie ein Schlüssel zu alldem. Behutsam barg ich sie aus seiner Erinnerung und versuchte, einen Zusammenhang herzustellen zwischen seinem Leben und demjenigen all jener, die mit uns am Stadtrand wohnten.“ (S. 15).

Nach der sowjetischen Besetzung Galiziens 1939 floh Josefs Familie, bestehend aus seinem Bruder, seiner Mutter, seiner Tante und seinen Großeltern ins Wartheland, wo sie sechs Jahre in verlassenen Häusern lebte, da die ursprünglichen polnischen Bewohnenden durch die Nationalsozialisten vertrieben wurden. 1945, als Josef zehn Jahre alt war, wurde die Familie von der Roten Armee entdeckt, die das Gebiet einnahm und Deutsche deportierte. Sie wurden mit hunderten Menschen in einen Zug gequetscht und begaben sich auf eine wochenlange, schreckliche Reise nach Sibirien, die viele nicht überlebten. Schließlich wurden sie von einer deutschen Familie aufgenommen, die bereits vor Jahren in der Steppe ausgesetzt wurde, wie alle Bewohner des Dorfes: „Erst wesentlich später wurde ihm klar, dass die Tscherkessen, Armenier, Ukrainer, Polen, Esten, Finnen, Tschetschenen, Koreaner oder Kalmücken, die in Nowa Karlowka lebten, schon vor Jahren aus allen möglichen und unmöglichen Ecken des sowjetischen Imperiums zusammengetrieben worden waren und in die Steppe geschafft. Nichts davon war freiwillig geschehen, die bunte Dorfgemeinschaft war brutal erzwungen, und sie alle, alle waren Gefangene, zurückgehalten nicht von Mauern, sondern von Leere.“ (S. 84)

Die darauffolgende Zeit war für Josef von Angst, Verunsicherung, Fremdheit und Diskriminierung geprägt. Unter anderem deshalb, weil man die Verschleppten aufgrund ihrer deutschen Herkunft schnell für Faschisten hielt. Doch es gab auch hilfsbereite Menschen. Zum Beispiel den Lehrer, der Josef nach der Schule unterrichtete und die Familie aufnahm, als sie von ihrer eigentlichen Aufnahmefamilie rausgeschmissen wurden oder Josefs kasachischen Freund Tawachi, der Josef bei verschiedenen Problemen half.

Auch als die Familie Sibirien nach zehn Jahren verlassen kann und zusammen mit den anderen deutschen Verschleppten in eine deutsche Kleinstadt zieht, werden die „Rückkehrer“ am Stadtrand angesiedelt und gelten weiterhin als Fremde und Außenseiter, was Leila anhand ihrer Kindheitserfahrungen schildert. Aus ihrer kindlichen Perspektive beschreibt sie das ungewöhnliche Verhalten ihres Vaters, zum Beispiel als er bei einer Schulveranstaltung in Panik gerät: „Da wurde aber nichts angehoben, da wurde weiter geklopft, nun noch fordernder, eindringlicher. Noch bevor jemand die Tür von innen öffnen konnte, stand mein Vater auf, warf dabei seinen Stuhl um, öffnete hektisch das Fenster neben uns und sprang hinaus. […] Peinlich berührt, räusperte ich mich und sagte: Mein Papa erschrickt leicht. Er ist als Kind mit seiner Familie nach Sibirien verschleppt worden. Stille im Klassenzimmer. Dann hörte ich, wie sich einer der anderen Väter auf seinem Stuhl bewegte und murmelte: … und das wird sicher seine Gründe gehabt haben.“ (S. 38 f.).  Als nach dem Zerfall der Sowjetunion „Neuankömmlinge“ (Russlanddeutsche Aussiedler aus Kasachstan) in die Kleinstadt ziehen, wird Josef von seiner Vergangenheit eingeholt.

Zentrale Themen des Romans sind der Umgang mit traumatischen Erfahrungen und dem Gefühl des Fremdseins. Sabrina Janesch bietet einen detaillierten und mitreißenden Einblick in das Schicksal derer, die 1945 nach Sibirien deportiert wurden. Der Roman ist sprachlich herausragend und bringt einem die Geschichte der Zivilgefangenen näher. Zwischenzeitig war ich verwirrt, weil mir das geschichtliche Hintergrundwissen fehlte, doch hier bildet der Roman eine gute Brücke, um sich anschließend intensiver mit dem Thema auseinanderzusetzen.

Sibir ist ein empfehlenswerter Roman, auch wenn, oder besonders wenn man mit dem Schicksal der Zivilgefangenen noch nicht vertraut ist.

Ina Swoboda

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