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Markus Berges – Irre Wolken

Zum Inhalt: Wir schreiben das Jahr 1986. Gegen den Willen seiner Eltern macht der schüchterne 19-jährige Protagonist seinen Zivildienst in der lokalen Frauenpsychiatrie. Bisher kennt er ‚die Hülle‘, wie die Einrichtung im Ort genannt wird, nur aus Erzählungen. Jetzt landet er mittendrin.

Weil auch Markus Berges, der Autor und Sänger der Band Erdmöbel, seinen Zivildienst in einer psychiatrischen Einrichtung absolviert hat, kommt hier eine interessante, autofiktionale Dimension ins Spiel; insbesondere, wenn der Protagonist in einem zweiten Erzählstrang Teil einer Band wird und auf dem Weg zum ersten Gig prompt mitten in den Niederlanden strandet.

Als sich der namenlose Zivildienstleistende zunehmend an die Herausforderungen des Pflegealltags gewöhnt, taucht eine neue Patientin auf: Anne Schmidt. Ein großer Teil ihrer Erkrankung besteht aus der Angst vor einer „Atommafia“. Er verliebt sich in die beinahe gleichaltrige Patientin, die bald auf dem Weg der Besserung ist. Doch vor dem Hintergrund der Katastrophe von Tschernobyl kippt die Situation: Anne lässt sich aus Selbstschutz erneut einweisen, ihr mentaler Zustand verschlechtert sich, dann will sie plötzlich fliehen. Der namenlose Protagonist verhilft ihr zur heimlichen Flucht – während im Radio immer wieder vor dem atomar verseuchten Regen gewarnt wird.

Zum Leseeindruck: Die Patientin Anne wird durch den in sie verliebten Protagonisten stark idealisiert. Auch wenn sie zunächst positiv auf ihn reagiert, ändert sich das im Laufe der Erzählung. Der Roman wird dadurch auf einem schmalen Grat platziert: Auf der einen Seite sind die unsicheren und oft unbedacht wirkenden Handlungen im Kontext des Erwachsenwerdens bis zu einem gewissen Grad verständlich, auf der anderen stehen die problematischen, teilweise strafbaren Handlungen.

Weil der Roman in zahlreichen Rezensionen in die Nähe von sog. „Boomer-Literatur“ gerückt wird, sei auch hier eine Einordnung gegeben: Jein. So werden Themen wie Atomangst und die Psychiatriereform beispielsweise nur gestreift. Typische popkulturelle Marker hingegen sind so subtil gesetzt, dass nicht Eingeweihte (oder das jüngere Publikum) sie schlicht übersehen.  Andererseits kann dieser verschleierte Einsatz auch ein Zeichen von handwerklichem Können und Raffinesse sein, wenn sie denn eben als solche erkannt werden.

Fazit: Irre Wolken ist sicher ein ergiebiges Buch für Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, für alle anderen eine Möglichkeit, sich mehr mit dieser Zeit zu beschäftigen. Mir hat im Text selbst vor allem am Ende eine Perspektive gefehlt, die vielschichtiger und kritischer ist, als bloß auf den Abschied von der ‚ersten Liebe‘ und den Wegzug zum Studium hinauszulaufen.

Linnea Gehlert

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