
„ICH BRAUCH DEFINITIV KEINE THERAPIE. ICH MUSS EINFACH NUR NACH GRAN CANARIA“ (S. 5) zitiert Nagelschmidt zu Beginn von Nur für Mitglieder den Druck eines Souvenir-T-Shirts und nimmt damit Teile des Inhalts ironisiert vorweg.
Der Protagonist von Thorsten Nagelschmidts Roman ist ein Thorsten Nagelschmidt, der wie Thorsten Nagelschmidt der Autor in Rheine aufgewachsen ist, aber in Berlin lebt, Mitglied der gleichen Band Muff Potter und überdies Autor mehrerer Romane ist. Er erträgt die Vorweihnachtszeit des fortschreitenden Dezembers nicht mehr und bucht im „Versuch seinem alljährlichen Unglück zu entkommen“ (Klappentext) 13 Tage in einem All-Inclusive-Hotel auf Gran Canaria. Um diese Zeit produktiv verbringen zu können, beschließt er, statt gewöhnliche touristische Aktivitäten zu unternehmen, alle 86 Folgen der Serie The Sopranos auf einem mitgebrachten DVD-Player allein im Hotelzimmer zu schauen. Damit möchte er nicht nur eine kulturelle Bildungslücke schließen, sondern möglicherweise auch ein neues Buch über diese Erfahrung schreiben. Er rechnet mit täglichen acht Stunden sogenannten Binge-Watchings, einem exzessiv-pausenlosen Zusehen, das damit gewissermaßen einem Vollzeit-Job gleicht.
Nach einer Zeit etabliert sich eine Routine zwischen dem Konsum zahlreicher Episoden, dem Essen im ressorteigenen Restaurant La Palapa und den einzelnen wenigen Freizeitaktivitäten, die der Protagonist sich selbst zugesteht. Je näher das Weihnachtsfest rückt, desto häufiger wird diese Routine durch Reflexionen vergangener Weihnachten, der eigenen, fest damit verbundenen Familiengeschichte und den mentalen Folgeschäden durchbrochen. So wird berichtet, dass sich vor einem Jahr ein völliger Zusammenbruch ereignete, dem eine Therapie folgte.
Nie wieder Weihnachten in Deutschland hatte ich mir geschworen, als ich wieder halbwegs beieinander war, nie wieder Weihnachten ohne eine Aufgabe. Noch einmal würde ich einen solchen Zusammenbruch nicht wegstecken, und es gab schlicht keinen Grund, mich dieser für mich so schwierigen Zeit weiterhin Jahr für Jahr ungeschützt auszusetzen. (S.10)
Nur augenscheinlich geht es dem Roman um die Sopranos selbst, eigentlich nehmen diese eine überschaubare Rolle ein. Stattdessen werden Themen wie Einsamkeit und Depression ergründet und das Ganze immer vor einem autobiografischen Hintergrund. Das Weihnachtsfest ist dabei der alljährliche Auslöser, jedoch lassen sich die Depressionen des Protagonisten nicht darauf reduzieren.
Beim Hören oder Lesen der Nachrichten erfasste mich jedes Mal großer Weltschmerz, die Gesellschaft von Menschen war anstrengend geworden. Innere Unruhe und die ständige Angst, es könne jeden Moment etwas Schreckliches passieren. Unsicher war ich geworden und hypersensibel. Ich fühlte mich fett, dumm und alt, und langsam dämmerte mir, dass da etwas Größeres im Anmarsch war. (S. 193)
Depressionen sind komplexe, von zahlreichen Diskursen begleitete Phänomene, deren Darstellung in der Kunst und insbesondere in der Literatur immer wieder problematisiert und kritisiert wurde. Nagelschmidt gelingt jedoch eine nachvollziehbare und intime Darstellung, die das Krankheitsbild in seiner Dynamik erfasst und sich nicht mit überkommenen, banalen Klischees begnügt. Nur für Mitglieder lässt nicht die Depression wie von Zauberhand verschwinden, sondern zeigt eine realistische Umgangsform mit dieser – wenngleich 13 Tage The Sopranos auf Gran Canaria möglicherweise für die meisten Menschen nicht die optimale Strategie sein dürfte.
Nagelschmidt hat mit diesem Roman nicht das autofiktionale Rad neu erfunden: So bestehen in der Ähnlichkeit des Protagonisten mit dem Autor Parallelen zu Eurotrash von Christian Kracht sowie In Plüschgewittern von Wolfgang Herrndorf, anderen Leser:innen mögen hier weitere Werke einfallen. Worin für mich aber eine markante Besonderheit Nagelschmidts besteht, ist die Bewältigung statt einer konsequenten Auserzählung von Tragik, die auf eben jene Bewältigung verzichten würde: Der Protagonist geht nicht an seiner anhaltenden Depression zugrunde, sondern es gelingt ihm – vor allem auch aufgrund der Unterstützung durch seine Freundin – mit dieser umgehen und leben zu können.
Ein großes Finale bleibt in der Erzählung aus. Dennoch ist im Epilog das Unterfangen des Protagonisten geglückt: Die (Vor-)Weihnachtszeit wurde bis auf einen gebrochenen Backenzahn unbeschadet überstanden und mit Nur für Mitglieder liegt nun auch der Roman eines Thorsten Nagelschmidts vor, der einen Binge-Marathon der Sopranos thematisiert.
Fazit: „Und das erstaunt mich immer wieder: dass man auch in solchen Phasen noch gute Momente haben und lachen oder sogar andere zum Lachen bringen kann“ (S. 194). Insgesamt ist Nur für Mitglieder ein Roman, der manchmal amüsant, manchmal bedrückend und manchmal auch hoffnungsvoll sein kann. Insbesondere die Entwicklung der Erzählung von einer fast zynischen Beschreibung des Alltags im Hotel zu einer intimen Betrachtung der eigenen Gefühlswelt, Krankheit und Einsamkeit hat mir sehr gefallen. Und auch für Leser:innen, die The Sopranos nicht gesehen haben, halte ich den Roman für sehr empfehlenswert.
Lutz Zimmermann



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