
Martin Becker hat mit Die Arbeiter einen beachtenswerten autofiktionalen Roman geschrieben, mit dem er die Leserinnen und Leser in seine Vergangenheit entführt, in das Aufwachsen in einer sauerländischen Kleinstadt und in eine Zeit, die geprägt war von harter Arbeit. Das Buch beginnt mit einem Prolog, in dem, auf eine beinahe schon trockene Weise, die Familiengeschichte bereits erzählt wird: „Da kommen wir her. Aus der Kleinstadt, aus dem Reihenhaus. Das sind wir…“. Doch dieses erste, sachliche Bild, das Becker von seiner Herkunft malt, ist nur der Auftakt zu einer Auseinandersetzung mit seiner Kindheit und Jugend, die mit jedem Kapitel, jeder Seite und jeder Zeile tiefgehender wird.
Becker gewährt uns einen ehrlichen und schonungslosen Einblick in das Leben einer Familie, in der Liebe eher in Taten, nicht in Worten ausgedrückt wird. „Bei uns Arbeitern war kein Platz für Gefühle. Erst recht nicht für Gespräche darüber“, sagt Becker an einer Stelle, und dennoch gelingt es ihm, mit seinem Roman genau diese Gefühle auf eine subtile, fast unsichtbare Weise ins Gespräch zu bringen. Seine Worte entblößen das, was in der Familie unter der Oberfläche liegt – die unausgesprochenen Wünsche, die kleinen und großen Enttäuschungen, die nie ausgesprochenen Hoffnungen und das ständige Streben nach einem besseren Leben. Er beschreibt vor allem das Leben seiner Eltern, das die Realität einer ganzen Generation widerspiegelt. Der Vater, der Tag für Tag malocht, um der Familie einmal im Jahr einen Kurzurlaub am Meer zu ermöglichen und den Kredit bei der Bank für das Reihenhaus abzubezahlen, das sie sich eigentlich nicht leisten können, und die Mutter, die er fast nur in ihrem geblümten Polyesterkittel kennt, sich um den Haushalt und die Kinder kümmert, das Familienkonstrukt zusammenhält und sich immer ein bisschen zu viele Sorgen macht. Doch trotz der Widrigkeiten, denen die Familie ausgesetzt ist, spürt man eine zärtliche Verbundenheit und Liebe, die über die alltäglichen Kämpfe hinausgeht.
Entgegen der düsteren, grauen Atmosphäre der Industrie im Sauerland der 1980er Jahre entfaltet Becker eine Sprache, die lebendig und eindringlich ist. Er schafft es, die innere Welt seiner Familie mit präzisen, bildhaften Beschreibungen zum Ausdruck zu bringen und lässt so die verborgenen Gefühle ans Licht kommen. Mit Die Arbeiter gelingt Martin Becker nicht nur eine Erinnerungsarbeit an eine Gesellschaftsklasse, die mit harter Arbeit und der Hoffnung auf ein besseres Leben kämpften. Er lässt uns teilhaben an einer Geschichte, die universell und doch zutiefst individuell ist, und die Fragen nach Familie, Heimat und Liebe aufwirft.
Luna Rawe



Ein tolles Buch. Lieben Dank für die Rezession!