
Gustav Sack
Brief an Paula Sack
31. XII. 1914, Nachmittag, im Graben von Hardécourt
Warum schreibst Du nicht, mein Lieb? […] nachdem es heute nacht gefroren hatte, pinkelt es jetzt wieder, so ekelhaft dünn und grau und endlos – zum Heulen traurig. Und überall stürzen die mühsam wieder ausgebesserten Grabenwände ein – Sumpf, Dreck, ein Schweinekoben. Regnet es noch lange, so wird es wieder durch unser ‚Dach‘ durchregnen, wir können dann suhlen wie die Säue. Weißt Du übrigens, daß diese Unterstände so niedrig sind, daß man, auf dem Boden sitzend, gerade noch aufrecht sitzen kann? Habe ich Dir auch schon geschrieben, daß vor unsere Stellungen schon vierzehn Tage lang ganze Reihen toter Franzosen liegen? Eben eingezogene, ganz junge, frische Bengel, vierzehn Tage in dem Dreck und Regen, kein Mensch begräbt sie, diese schwarzen, faulenden Klumpen. Heute nacht bringt uns eine Patrouille Sardinen und Konservenbüchsen mit, die man in den französischen Brotbeuteln reichlich findet. Die öffnet man dann halb seelenruhig, halb von Ekel geschüttelt, und futtert sie auf. […]

Patrouille
Die Steine feinden
Fenster grinst Verrat
Äste würgen
Berge Sträucher blättern raschlig
Gellen
Tod.
August Stramm
„Ganz wichtig: Langsamkeit. Die Möglichkeit haben. Das Gras wachsen zu sehen.“
Jutta Richter, Kinder- und Jugendbuchautorin
„Ich brauche Ruhe, meinen Computer oder Laptop, Pfefferminz und Ideen. Wörter sind für mich so was wie Steine im Steinbruch und die baue ich ja und drehe sie so, dass zwischen den Sätzen Sätze stehen, die nicht geschrieben sind. Das braucht Zeit. Und es ist für mich ein sehr autistischer Beruf in meinen Schreibphasen. Sonst bin ich wohl der Welt zugewandt, aber wenn ich in einer Geschichte lebe und sie aufschreibe, kann ich die Welt nicht gebrauchen, weil das ist die Wirklichkeit, die ich erfinde.“
„Ich schreibe nicht für Kinder, ich schreibe über Kindheit. Und für Kinder kann ich deshalb nicht schreiben, weil ich die Kinder nicht kenne, die mich lesen. Ich kann nicht zielgruppenorientiert arbeiten. Geht gar nicht. Von daher ist mir der Leser beim Schreiben fern und fremd und ich denke nicht an ihn.“
„Ich habe das Gefühl, ich möchte doch etwas vermitteln. Nämlich Weltbegreifen und die Solidarität zu erleben, indem man Dinge liest und erfährt, dass andere ähnlich denken, wie man selbst. Wenn das erreicht würde, dann ist das eine wunderbare Botschaft.“
Jutta Richter, geboren 1955 in Burgsteinfurt, Studium der Theologie, Germanistik und Publizistik, lebt heute auf Schloss Westerwinkel in Ascheberg. Die Kinder- und Jugendbuchautorin schreibt neben Romane und Erzählungen auch Gedichte, Hörspiele und Theaterstücke. Für ihre Bücher hat sie bereits zahlreiche Auszeichnungen und Preise erhalten.

Signal
Die Trommel stapft
Das Horn wächst auf
Und
Sterben stemmt
Das Haupt durch flattre Sterben
Sträubt
Gehen Gehen
Sträuben
Geht
Und geht und geht
Und geht und geht
Und geht und geht und geht und geht
Geht
Stapft
Geht.
August Stramm
„Mich reizt die Paradoxie, dass es ein gelungenes Scheitern gibt.“
Ulrich Horstmann – Literaturwissenschaftler und Literat
„Routine und Disziplin? Sehr wichtig. Man muss zur Verfügung stehen, man darf aber nichts erzwingen. Das heißt also, man sollte den Dienst antreten, zu einer ganz bestimmten Zeit am Schreibtisch und anfangen, den Papierkorb zu füttern.“
„Ich kann nur sagen, dass ich mich auch in meinem 61sten Lebensjahr noch nicht an diesen Planeten gewöhnt habe, dass ich das Gefühl habe: „Ich bin hier fehl am Platz“ – und dass ich mir auch sicher bin, ich sollte dieses Gefühl artikulieren, ich sollte dieses Gefühl aussprechen, ich sollte dieses Gefühl literarisieren, weil ich mir sicher bin, dass ich Gesinnungsgenossen habe und dass ich nicht der Einzige bin, der sich hier als Alien vorkommt.“
„Ich glaube, man sollte Denken nicht unbedingt auf Affektstaus zurückführen. Die mögen auslösende Wirkung haben, aber wenn Aphorismen einfach Explosionen sind, dann sind es schlechte Aphorismen. Es geht immer um Kontrolle, es geht immer um möglichst präzise und effektive Artikulation und ich hoffe doch, dass ich sehr, sehr wenig aus einem Gefühlsüberschwank heraus oder aus Abscheu heraus zu Papier gebracht habe. Denn dafür müsste ich mich im Nachhinein entschuldigen.“
„Ich habe gelernt, ohne Publikumsresonanz zu leben. Es wäre gelogen, zu behaupten, dass mir das leicht gefallen wäre, aber jetzt kann ich es.“
Ulrich Horstmann, geboren 1949 in Bünde, aufgewachsen unter beredten Büchern im mundfaulsten Teil Westfalens (Selbstaussage). Studium der Anglistik und Philosophie. Im Besitz der niederen und höheren akademischen Weihen, gleichwohl der literarischen Schwarzarbeit ergeben: Erzählungen, Lyrik, Theaterstücke, Hörspiele, Aphorismen, Romane. Zuletzt erschienen Kampfschweiger. Gedichte 1977-2007 (2011) und Abschreckungskunst. Zur Ehrenrettung der apokalyptischen Phantasie (2012).

Gustav Sack
Brief an Paula Sack
Göschenen, den 12. VIII. 1914
Mein liebes Kind,
[…] ich will über mein Leben selbst bestimmen […] weiter habe ich keine Lust, mich von übelriechenden Massensuggestionen unterkriegen zu lassen, ich habe kein Verlangen, mich dem beliebigsten Idioten gleichgestellt zu sehen als Vaterlandsverteidiger, von dessen Verteidigung Geschützfabriken und Spekulanten letzten Grundes den einzigen Vorteil haben; ich lasse mich nicht von dem beliebigsten Leutnant […] mit dem sonst, als Mensch, zu reden mir überhaupt nicht einfallen würde, als ein Stück willfähriges Fleisch behandeln, das keinen eigenen Willen mehr hat – ich bin kein Kanonenfutter! Ich würde eine Feigheit und Lüge gegen mich begehen, wenn ich für ein Vaterland, das ich nicht kenne, in den Krieg ginge, nur aus Angst, nicht als Deserteur oder Feigling zu gelten – das einzige, was mich dazu bringen könnte wären die praktischen Gesichtspunkte, aber die wiegen die anderen nicht auf. F. ist nicht Soldat gewesen und weiß nicht, was es heißt, ‚sich unterzuordnen‘, und nun gar noch für den ‚Staat‘, die liebe Mittelmäßigkeit, mich abschießen zu lassen, um nur nicht von dieser braven Mittelmäßigkeit als ‚Vaterlandsloser Geselle‘ gescholten zu werden. Ich habe schon vorher Dir gesagt, daß ich nicht in den Krieg ginge, und da mag reden wer will – ich weiß, was ich tue, und gebe eben keinem, auch nicht dem toll gewordenen Massengefühl, ein Recht über mich. […] Dieser vermaledeite Krieg! Du glaubst nicht, wie viele Patriotismen und ähnliche Gefühlchen in mir rumoren und jeden Augenblick loskommen – aber sie müssen herunter! Ich will nicht von einem Hurradusel fortgerissen werden! […]
Gustav

Welche literarische Bedeutung kommt Gustav Sack (1885–1916) zu?
Sack war eher ein Außenseiter und Einzelgänger. Aber es gab zu allen Zeiten Kritiker und Literaten, die sein Werk gewürdigt und es in einem Atemzug mit dem Georg Heyms und Georg Trakls genannt haben; man hat sein Werk wegen der „immanenten Sprengkraft“ aber auch mit dem Büchners, Benns und Kafkas verglichen. Die Analogien reichen bis zu Autoren der Beat-Generation, zu Allen Ginsberg und Rolf Dieter Brinkmann – Sack war einer von vielen angry young man der Literatur. Am bekanntesten sind Sacks Romane, vor allem Ein verbummelter Student – ein absolut bodenloses Werk, das die Zerrissenheit der Zeit spiegelt und mehrere Auflagen erlebte, also den Nerv der Zeitgenossen traf. Aber auch Sacks Lyrik wurde in jüngerer Zeit wiederentdeckt – als Dokumente des Nihilismus, der Weltverachtung. Seine Lyrik zeichnet sich durch hohes Formbewusstsein aus. Sack aber auch ein Romantiker, der von einer tiefen Natursehnsucht beseelt war, eine zutiefst widersprüchliche Persönlichkeit also.
Welche Bedeutung spielt Sack heute?
Sack wurde gerade in den letzten Jahren wiederentdeckt. Es gibt eine neue Gesamtausgabe seiner Werke, es gab mehrere Ausstellungen über ihn, einen umfangreichen Begleitkatalog, ein Hörbuch. Weitere Aktivitäten sind zu seinem 100. Todestag 2016 geplant. All das hat dazu geführt, dass sein Name wieder häufiger im Zusammenhang mit dem literarischen Expressionismus fällt – aktuell auch im Zusammenhang mit einer großen Ausstellung im Deutschen Literaturarchiv in Marbach zum Ersten Weltkrieg. Dort wurde Sack zu einem Thema, wobei vor allem sein Kriegstagebuch In Ketten durch Rumänien Beachtung fand. Sack ist also ein rundum spannender Autor, auch heute noch.
Wie stand Sack zum Ersten Weltkrieg?
Sack nahm eine entschieden pazifistische Haltung ein. Bei Kriegsausbruch 1914 floh er in die Schweiz. Die finanzielle Misere zwang ihn jedoch, sich zu stellen. Er wurde sofort einberufen, kam an die Westfront und fiel schließlich in Rumänien.
Welche militärische Rolle spielte er im Krieg?
Sack war Leutnant der Reserve bei der Infanterie. Auch er war also ein sogenanntes „hohes Tier“. Aus seinen Briefen wissen wir jedoch, dass er sich abkapselte, ein Einzelgänger blieb und nichts mit seinen Mitsoldaten zu tun haben wollte. Er wollte immer nur schreiben, schreiben, schreiben. Der Krieg war für ihn ein großer nationaler „Quatsch“, mit dem sich die Industrie bereichern und Diplomaten großtun wollten. Das sah er sehr hellsichtig.
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He! da oben! lachen! ich lache! drei Tage stürzen! brüllen! drei Tage Jahre Ewigkeiten! und bist noch nicht zerstürzt! verfluchter Himmel! Blaubalg! pafft Zigarren und stiebt Asche. alles zusammen. den Graben. Schützengraben. Schutz. Grab. die Stellung wird gehalten bis zum letzten Mann! vorwärts Jungens. das Blaugespenst klimmt rote Augen auf. rot. feuerrot. verschlafen. der Tag hält nicht aus. so oder so! schießt! schießt! der Wald! ja. in den Wald! Schädel. Wolken. lustig! der beste Schütze darf. ja. darf zuerst schlafen. Teufel! schlafen. Mord Müdigkeit Rasen Wut! He ! Bursche! Bursche da vorn! willst du? willst du schießen?! du? ja? der Kopf zwischen die Beine geklatscht? Drückeberger! schießen! knallen! seht! sie kommen aus dem Wald. raus aus dem Lauf! die Backe gesetzt! brav! brav! Schnellfeuer! Blaue Bohnen! Bohnen! Blaue Augen! mein Schatz hat blaue Augen. haha! drauf! drauf! sie laufen. Korn nehmen. Zielscheiben. laufen. Mädchenbeine. ich beiße. beiße. verflucht. Küsse scharfe. drauf gehalten! Standvisier Aug in Auge! […] Verstärkung. hört ihr? Verstärkung kommt. Feind nicht ranlassen! die Flinten vor! Teufel! totsein ist Schande! seht! ich schieße. schieße. Verstärkung. hört! Trommeln. Hörner. tata trrr! eilt da hinten! eilt! Muttertränen. Vaterbrünste. Dreck! drei Tage Dreck! Menschen! meine Mutter hat mich immer so sorgsam gewaschen. Grab. Hölle. Teufel. mein Arm schießt. Finger ladet. Auge trifft. hurrah! hurrah! die Beine in die Hand! hurrah! Tod und Leben! hurrah! Eisen! hurrah! drauf! Mein Kopf! Kopf! wo ist mein Kopf? voran. fliegt. kollert. brav. Bursche! in den Feind! beißen beißen! Säbel! ha! weich der Vaterbauch. weich. Mutter. wo bist? Mutter. seh dich nicht? Mutter du küßt. Mutter. rauh. halte mich. ich falle doch. Mutter ich falle. Mutter.

Nachdem es vierunddreißig Stunden lang ununterbrochen geregnet hatte und es in unserem Graben ein knietiefes Waten war wie in einem dünnen Chokoladenpudding oder in einem noch zu wässerigen, noch nicht ganz backfertigen Kuchenteig, zerriß gegen Abend plötzlich der Wind den träufelnden Wolkenteppich und hastete die blaugrauen Fetzen in ungeheuren klobigen Brocken davon; und die Parke und Dörfer, die auf den Höhenrücken und in den Mulden dieser weichwelligen und verschlafenen Kreidelandschaft kauern, verloren mit einem Male ihr dunstiges Blau und standen nun da, schwarz, zerschossen und kahl. Am nächsten Morgen aber wiegte sich hoch in dem reingefegten Himmel ein feindlicher Flieger, blinkend, surrend, frech und über alle Maße schön in seiner koketten Unbekümmertheit um die rings um ihn in graziösen Wölkchen zerplatzenden Schrapnelle. Jetzt läßt er einen Regen goldener Kreuze niederregnen und verschwindet dann rasch mitten hinein in die Sonne – und nach einer halben Stunde fährt in dem Dorfe rechts hinter uns – Guillemont heißt sich dieses dreckige Dorf – eine Granate in eine zum Appell versammelte Kompagnie und reißt mit ihrer infernalischen Wucht fünfzig Ahnungslose, Unbekümmerte in einen bitteren Tod. […]
(1914/1916)
„Ohne Disziplin geht gar nichts. Dabei ist meine Disziplin gar nicht übertrieben.
Ich versuche sozusagen, jeden Tag etwas zu machen.
Im Alter muss man sich nicht dazu zwingen.“
Harald Hartung – Lyriker, Essayist und Literaturwissenschaftler
„Es gibt Momente der Anstrengung beim Schreiben, aber man kann es sozusagen nicht willentlich erzwingen. Wenn sozusagen der Gedankenapparat nicht frei läuft, sozusagen von selbst sich abspult, hilft alle Anstrengung nichts. Arbeit, jedenfalls intellektuelle Arbeit oder geistige Arbeit, ist eigentlich keine Anstrengung, sondern ist die Kanalisierung von spontanen Dingen, die dann unter dem kritischen Blick zu einem Resultat werden.“
„Man sollte den Mythos der Verzweiflung etwas zurücknehmen. Wenn die Leute wirklich verzweifelt sind, schreiben sie nicht. Schreiben ist aber möglicherweise der Reflex auf ein Faktum der Verzweiflung. Wenn der Schmerz nachlässt, um es ganz volkstümlich zu sagen, dann kann man auch über den Schmerz schreiben. Mitten im Schmerz kann man nicht schreiben.“
„Mein erstes Buch hieß Hase und Hegel. Da muss man beide Komponenten betrachten, nämlich das Philosophische und das Existentielle – also die Angst des Hasen, gefangen oder erschossen zu werden. Diese Angst, wenn man so will, ist ein Antrieb aller Poesie. Von Rilke gibt es den schönen Satz: ‚Dinge machen aus Angst‘. Das würde auch ungefähr für mich gelten, als jemand, der aus einer Generation kommt, in der ja die Angst, jedenfalls für die Kriegszeit, durchaus vorhanden war, obwohl man andererseits gesagt als Kind erstaunlich robust ist, auch gegenüber Situationen, in denen Angst vorkommt.“
„Mein Ehrgeiz ist eigentlich ganz einfach. Ich möchte Dinge machen, die auf den ersten Blick ganz einfach sind, die auch von jedem, der lesen kann, nach ein- oder zweimaliger – ich bin anspruchsvoll –, meinetwegen auch dreimaliger Lektüre aufgefasst werden. Aber der Text selbst soll nicht ambitioniert wirken. Die Ambition ist in der Sache drin. Die Ambition ist sozusagen so einfach wie möglich und so komplex wie möglich zugleich.“
Harald Hartung wurde am 29. Oktober 1932 in Herne als Sohn eines Bergmanns geboren. Er studierte Germanistik und Geschichte in Münster und München. Ab 1971 Professor für Deutsche Sprache und Literatur an der PH Berlin. 1981-1998 Professor an der TU Berlin. 1983-1986 als Nachfolger Walter Höllerers Direktor des Literarischen Colloquiums Berlin. Neben seinen literarischen Arbeiten ist er Herausgeber der beiden lesenswerten Lyrik-Anthologien Luftfracht. Internationale Poesie 1940 bis 1990 und Jahrhundertgedächtnis. Deutsche Lyrik im 20. Jahrhundert. Ein Porträt zum 80. Geburtstag im Herbst 2012 findet sich hier.

In Ketten durch Rumänien. Andeutungen (1916)
Am Abend weiter, die Füße wie schwere Eisklumpen in dem tiefen mit Schneewasser gemischten Straßenschlamm, aber der Schnee hat das schwache Geäst der Pflaumen- und Weidenbäume am Weg mit dem Gewicht seiner drei Finger dicken Kruste niedergebeugt, so, daß wir in unseren schwarzen Reihn hinmarschieren wie in einem Park riesiger weißer Palmen und Farne – Kolonnen, lange Trupps Gefangener, Autos, vormarschierende Truppen, Meldereiter – Lagerfeuer allerorts – fröhliche (nach dem Erfolg) Stimmung überall –, sie werfen auf die weißen Palm- und Farnwedel über ihnen und auf die bewaldeten Höhn rosige Lichter und seltsam märchenartige Reflexe. Das Artilleriegedröhn und Maschinengewehrgeknatter, das uns die schwarzen Reihen der Gefangenen gebracht hat, hat aufgehört und durch die Nebeldecke, die den Tag über den Schnee auf uns geworfen hat, bricht ein einzelner Stern, klar und scharf – nun wird es frieren die Nacht, Schnee hart – Knirschen. Bei einer Sägemühle, im Süden zwischen den Berghängen ein drohend roter zuckender Schein („wie eine Blutwelle schlägt rhythmisch der Glutschein durch den tödlichen Dunst“), der sich, heller und rosig werdend über den ganzen Süden verbreitet – brennendes Dorf. Als ich in der Nacht durch einen Traum (Verwundung), verursacht durch den Abschuß der nahen Haubitzen, aufwachte, – hart und kalt die Sterne. Am nächsten Tag der Schnee gefroren, Marsch durch die Kälte, in Stellung, Angriff über weites verschneites Gelände – Flankenfeuer – im Maschinengewehrfeuer – Aufschläge rings um mich – seltsames Wehen der Maschinengewehr-Garben über mir – das feindliche Sperrfeuer mitten in die Schützenlinie – drei, vier bleiben nach einer Granate liegen – Abends auf einem von Pflaumenbäumen bestandenen Höhenrücken – schneit wieder. Dreckige Hütten – Hunde, Katzen, ein paar übrig gebliebene Hühner und Schweine – Schieße selber mit. […]
Gustav Sack
Am 5. März waren sie zum zweiten Mal in Nottbeck zu Gast, die Sprechduettisten/-duellisten/-artisten Julia Trompeter und Xaver Römer. Und zeigten es dem Publikum und auch sich selbst. Wie in einem Wettstreit: Du, nein ich, nein du… ja, wer hat denn nun das Sagen? Wie im wirklichen Leben also, wo es ja auch schon mal zu Hahnen-, Hennen-oder sonstwelchen Kämpfen kommen kann. Oder ganz einträchtig im Zwiegespräche, eins plus eins, sich zu ungeahnten Höhen aufschaukelnd. Nicht Lesung, nicht Performance àla Poetry-Slam, nicht ganz, aber doch dreiviertel Dada, nicht dies oder das, sondern ganz pur, konzeptionell und originell.
Im vorletzten Jahr waren Julia Trompeter und Xaver Römer Gäste des Wortfestivals laut & luise. Wobei der Titel laut und luise ja schon alles sagt: Es ging ums Sprachspielerische, um ungewöhnliche Literatur, ungewöhnliche Performances und auch um ungewöhnliche Leseorte überall auf dem Nottbeck-Campus, in der Obstwiese zum Beispiel, im Gewölbekeller, in kleinen Lesepavillons überall auf dem Gelände. Und es war damals gleich unser aller Wunsch: Mehr davon, auf jeden Fall mehr Sprechduette, sie können geradezu süchtig machen… Das Treffen des Fördervereins (mit über 120 Teilnehmern!) schien da genau das richtige Forum.
Julia Trompeter wurde in Siegburg geboren. Sie ist Mitarbeiterin der Uni Bochum und beschäftigt sich zurzeit mit ihrer Promotion, nein, nicht im Bereich der Literatur, sondern der antiken Philosophie. Sie schreibt Lyrik und Prosa und trägt diese seit gut zehn Jahren zwischen Stuttgart und Berlin vor, mit allseits großem Erfolg. So war sie beispielsweise Finalistin beim „Open Mike“ Lesebühnen-Wettstreit und erhielt 2012 das ebenso begehrte Rolf-Dieter-Brinkmann-Stipendium der Stadt Köln. Im Herbst dieses Jahres erscheint ihr erster Roman.
Xaver Römer steht ihr in nichts nach. Auch er schreibt höchst erfolgreich Lyrik und Prosa, auch er mit einem zweiten, außerliterarischen Leben – er hat nämlich auch musikalische Wurzeln, hat Jazzgitarre in Rotterdam studiert.
Als Sprechduo sind beide seit 2009 unterwegs, wobei sie sich und ihr Programm immer wieder neu erfinden. Denn wie wir alle wissen: Die Sprache stirbt zuletzt und treibt immer wieder neue Blüten, in unser aller Alltag, im Internet, im Sprichwörtlichen, wo immer man genauer hinhört.
Walter Gödden