Autoren, Porträt

Die Freuden des Handwerks

Harald Hartung hat seit seinem ersten Gedichtband Hase und Hegel (1970) in über vierzig Jahren ein bemerkenswertes lyrisches Werk vorgelegt. Vor wenigen Tagen wurde er 80 Jahre alt.

 

Die Schönheit und die sprachlichen Finessen der Lyrik brachte Harald Hartung den Lesenden in dieser Republik immer auf zweierlei Weise nahe: als kundiger und kluger Essayist, umsichtig urteilender Rezensent und Hochschuldozent, auf sehr viel eindringlichere Weise jedoch als Schreibender. Dass hierbei eine produktive Verwebung stattfand, lässt sich nicht leugnen; dass sie störend aufträte, ist nicht zu behaupten. Es ist recht zutreffend, was Hartung vor Jahren im Gespräch mit Jürgen P. Wallmann einmal äußerte: „Meine Gelehrsamkeit halte ich lieber in den Formen und in den Hintergründen als im Vordergrund.“ Die fortlaufende Auseinandersetzung mit zeitgenössischen wie auch kanonischen Lyrikerinnen und Lyrikern ist den Gedichten somit angenehmerweise häufig nicht auf den ersten oder zweiten Blick anzumerken. Im Vordergrund der Gedichte Harald Hartungs (um bei dieser Differenzierung zu bleiben) steht vielmehr die schriftliche, also immer nachträgliche, aus der Distanz nochmals fokussierende Beschäftigung mit konkreten, sinnlich erfahrbaren Augenblicken. Für Hartung, Jahrgang 1932, bedeutet dies nicht zuletzt die Wiederannäherung an die eigene Vergangenheit, so beispielsweise in seinem letzten Gedichtband Wintermalerei (2010). In besagtem Interview konturiert Hartung seine Vorstellungen einer formbewusst-präzisen und zugleich anteilnehmenden Lyrik: „Die Reflexion, das Zurücktreten, das Träumen und eben auch das Schreiben sind Möglichkeiten, sich gegen die Angriffe des Lebens und gegen das Zerstörerische überhaupt zu wehren.“ Gerade im Gedicht findet er mittels der Aussparung, der Zuspitzung literarisch Möglichkeiten, sich bestimmter Wahrnehmungen, Erfahrungen und Eindrücke anzunehmen, die sonst allzu leicht und unbedacht oder, im Gegenteil, kaum sagbar sind. Der Titel seines Bandes Langsamer träumen (2002) ist somit programmatisch zu verstehen.

Lyrik ist ein Kunstprodukt – an Benns oft zitierter Feststellung hält Hartung unbedingt fest, fügt aber in diesem Kontext eine ihm bedeutsame These hinzu: „In jedem Gedicht, so artifiziell es sich gibt, ist auch ein Mensch verborgen.“ Damit ist jedoch weniger das individuelle Schicksal als produktiver Generator des Schreibens gemeint, sondern die jeweils subjektive Ausgestaltung einer eigenen Schreibhaltung, der Verortung im reichhaltigen Korpus der lyrischen Formen. Das ist: Lyrik als Handwerk. Nicht im Sinne eines fest umrissenen, erlernbaren Curriculums, sondern als „Werk der Hände“. Hartungs Formulierung klingt verlockend, auch, weil sie mit einer pragmatischen Offenheit und einem (vermeintlich) bescheidenen Anspruch daherkommt. Das „Werk der Hände“ – dies weist vor allem auf eine intensive Auseinandersetzung hin, mit einem Thema, mit Fragen der Darstellung und Textkomposition. Es ist auch eine bewusste Entschleunigung, Steigerung der Wahrnehmung und aufmerksame Findigkeit im Weinberg der eigenen Notizen. Das Schreiben der Gedichte geht – viele werden es aus eigener Erfahrung bestätigen können – mit einem Entstehenlassen der Gedichte einher. Ganz in diesem Sinne zitiert Harald Hartung in seinen „Erfahrungen beim Schreiben von Lyrik“ mit dem schönen und zugleich präzisen Titel Der Türke hinter dem Automaten oder Die verborgene Regel gleich mehrmals Novalis: Schönheit sei „ein Erzeugnis von Vernunft und Calcul“. Was in der Lektüre der Verse wirksam wird, muss nicht zwangsläufig bemerkbar sein. Zugleich generiert die sprachliche Konzentration in wenigen Versen eine vielseitige Mehrdeutigkeit; eine letztgültige Auslegung, eine Zusammenfassung ist glücklicherweise nicht möglich. Das Gedicht nötigt immer wieder neu zum Lektürevollzug:

 

Papier auf dem es schneit

Ich könnte stundenlang zusehn

wie es schneit

den Silben des Schneefalls

die Worte bilden und Sätze

und langsam die Bäume beschweren

bis alle Zeilen gefüllt sind

und das Papier wieder weiß

 

Weiß auf weiß schreiben. Ins Unscheinbare verschwindend und dennoch flächendeckend vorhanden. Ein vermeintlich bescheidener Rückzug der Schrift, die doch tatsächlich mächtig wirksam von ihrer Nicht-direkt-sofort-Sichtbarkeit profitiert. Das lesende Auge ist, so könnte man Hartungs Gedicht folgend assoziieren, stets ein ins Unscheinbare, auch Unüberschaubare schielendes. Diese Kunst der Ablenkung bringt eine ganz andere Form der Aufmerksamkeit hervor. So gewinnt die Literatur ihre mediale und imaginative Stärke weiterhin aus einer vordergründig-visuellen Kargheit. In Harald Hartungs lakonischer Lyrik findet sich hierfür ein vorbildliches Beispiel. Das ist teils nachdenklich, teils heiter. Letzteres beweisen auch seine „Aufzeichnungen“ Der Tag vor dem Abend (2012): Neben Reflexionen zur Endlichkeit – auch im Schreiben („Aufhören ist offenbar schwerer als anfangen“) – finden sich skeptisch-amüsierte Beobachtungen zur Gegenwart und Zukunft der Literatur: „Wieder einmal hat sich ein Kollege dafür bedankt, daß man zu seiner Lesung kam. Noch sind die Autoren nicht dazu übergegangen, in ihre Bücher in gewissen Abständen einen Dank fürs Lesen einzufügen. Er müßte von Kapitel zu Kapitel länger und inniger werden.“

 

Arnold Maxwill

 

Harald Hartung wurde am 29. Oktober 1932 in Herne als Sohn eines Bergmanns geboren. Er wuchs in Herne, Mülheim an der Ruhr und Prag auf. Nach dem Abitur 1954 studierte er Germanistik und Geschichte in Münster und München und machte 1960 sein Staatsexamen. Er arbeitete als Studienrat und Fachleiter an Höheren Schulen im Ruhrgebiet, zuletzt in Bochum. Seit 1971 Professor für Deutsche Sprache und Literatur an der Pädagogischen Hochschule Berlin. 1981-1998 Professor an der Technischen Universität Berlin. 1983-1986 als Nachfolger Walter Höllerers ehrenamtlicher Direktor des Literarischen Colloquiums Berlin. Harald Hartung ist Mitglied des P.E.N.-Clubs, der Akademie der Künste Berlin, der Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur und der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt. Zuletzt erhielt er den Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay (2009). Neben seinen literarischen Arbeiten ist er Herausgeber der beiden bemerkenswerten Lyrik-Anthologien Luftfracht. Internationale Poesie 1940 bis 1990 und Jahrhundertgedächtnis. Deutsche Lyrik im 20. Jahrhundert. — Das Gedicht „Papier auf dem es schneit“ ist dem Band Langsamer träumen (2002) entnommen.

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