1914

Roh, direkt, rücksichtslos

Blick in die Ausstellung (12)

Welche literarische Bedeutung kommt Gustav Sack (1885–1916) zu?

Sack war eher ein Außenseiter und Einzelgänger. Aber es gab zu allen Zeiten Kritiker und Literaten, die sein Werk gewürdigt und es in einem Atemzug mit dem Georg Heyms und Georg Trakls genannt haben; man hat sein Werk wegen der „immanenten Sprengkraft“ aber auch mit dem Büchners, Benns und Kafkas verglichen. Die Analogien reichen bis zu Autoren der Beat-Generation, zu Allen Ginsberg und Rolf Dieter Brinkmann – Sack war einer von vielen angry young man der Literatur. Am bekanntesten sind Sacks Romane, vor allem Ein verbummelter Student – ein absolut bodenloses Werk, das die Zerrissenheit der Zeit spiegelt und mehrere Auflagen erlebte, also den Nerv der Zeitgenossen traf. Aber auch Sacks Lyrik wurde in jüngerer Zeit wiederentdeckt – als Dokumente des Nihilismus, der Weltverachtung. Seine Lyrik zeichnet sich durch hohes Formbewusstsein aus. Sack aber auch ein Romantiker, der von einer tiefen Natursehnsucht beseelt war, eine zutiefst widersprüchliche Persönlichkeit also.

Welche Bedeutung spielt Sack heute?

Sack wurde gerade in den letzten Jahren wiederentdeckt. Es gibt eine neue Gesamtausgabe seiner Werke, es gab mehrere Ausstellungen über ihn, einen umfangreichen Begleitkatalog, ein Hörbuch. Weitere Aktivitäten sind zu seinem 100. Todestag 2016 geplant. All das hat dazu geführt, dass sein Name wieder häufiger im Zusammenhang mit dem literarischen Expressionismus fällt – aktuell auch im Zusammenhang mit einer großen Ausstellung im Deutschen Literaturarchiv in Marbach zum Ersten Weltkrieg. Dort wurde Sack zu einem Thema, wobei vor allem sein Kriegstagebuch In Ketten durch Rumänien Beachtung fand. Sack ist also ein rundum spannender Autor, auch heute noch.

Wie stand Sack zum Ersten Weltkrieg?

Sack nahm eine entschieden pazifistische Haltung ein. Bei Kriegsausbruch 1914 floh er in die Schweiz. Die finanzielle Misere zwang ihn jedoch, sich zu stellen. Er wurde sofort einberufen, kam an die Westfront und fiel schließlich in Rumänien.

Welche militärische Rolle spielte er im Krieg?

Sack war Leutnant der Reserve bei der Infanterie. Auch er war also ein sogenanntes „hohes Tier“. Aus seinen Briefen wissen wir jedoch, dass er sich abkapselte, ein Einzelgänger blieb und nichts mit seinen Mitsoldaten zu tun haben wollte. Er wollte immer nur schreiben, schreiben, schreiben. Der Krieg war für ihn ein großer nationaler „Quatsch“, mit dem sich die Industrie bereichern und Diplomaten großtun wollten. Das sah er sehr hellsichtig.

Während seines Kriegsdienstes entstanden Novellen wie „Hinter der Front“. Wie ästhetisiert Sack seine Kriegserfahrungen?

Sacks Prosa ist roh, direkt, sexuell aufgeladen – Sack ist dem Leser gegenüber so rücksichtslos, wie er auch sich selbst und dem Leben gegenüber rücksichtslos war. Und daneben war er ein zartfühlender großer Romantiker. Das schimmert immer wieder durch. Seine Erzählungen und Romane sind durchsetzt von ellenlangen, feinsinnigen Naturschilderungen. Sie waren das Gegengewicht zu einer Welt, die ihm in jeder Hinsicht verhasst war, auch, weil sie seine literarischen Werke ablehnte.

Wie reflektiert Sack den Krieg in Briefen?

Nicht anders als andere Autoren auch. Er schildert ihn von seiner realistischen, grausamen Seite her. Er selbst wäre am liebsten geflohen, hätte alles hingeschmissen. Aber was hätte er tun sollen? Er hatte keinen Beruf gelernt, sein Studium geschmissen, es blieb ihm keine andere Wahl, als Soldat zu bleiben.

Ein Interview mit Walter Gödden im Rahmen der aktuellen Ausstellung. Die Fragen stellte Thomas Frank (WDR) im Rahmen eines Beitrags, der in den “Resonanzen” und “Mosaik” (jeweils WDR 3) lief.

Die Ausstellung „1914: text und krieg – krieg und text“ läuft noch bis Mitte Mai.

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