1914

Gustav Sack. Der Flieger

Gustav Sack

 

Nachdem es vierunddreißig Stunden lang ununterbrochen geregnet hatte und es in unserem Graben ein knietiefes Waten war wie in einem dünnen Chokoladenpudding oder in einem noch zu wässerigen, noch nicht ganz backfertigen Kuchenteig, zerriß gegen Abend plötzlich der Wind den träufelnden Wolkenteppich und hastete die blaugrauen Fetzen in ungeheuren klobigen Brocken davon; und die Parke und Dörfer, die auf den Höhenrücken und in den Mulden dieser weichwelligen und verschlafenen Kreidelandschaft kauern, verloren mit einem Male ihr dunstiges Blau und standen nun da, schwarz, zerschossen und kahl. Am nächsten Morgen aber wiegte sich hoch in dem reingefegten Himmel ein feindlicher Flieger, blinkend, surrend, frech und über alle Maße schön in seiner koketten Unbekümmertheit um die rings um ihn in graziösen Wölkchen zerplatzenden Schrapnelle. Jetzt läßt er einen Regen goldener Kreuze niederregnen und verschwindet dann rasch mitten hinein in die Sonne – und nach einer halben Stunde fährt in dem Dorfe rechts hinter uns – Guillemont heißt sich dieses dreckige Dorf – eine Granate in eine zum Appell versammelte Kompagnie und reißt mit ihrer infernalischen Wucht fünfzig Ahnungslose, Unbekümmerte in einen bitteren Tod. […]

(1914/1916)

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