24. September 1738: Johann Moritz Schwager wird geboren. Wer war dieser Sohn eines Landwirts und Wagenbauers? Heute ist der wortmächtige Aufklärer kaum noch jemandem bekannt. Zu Unrecht. Seit 1768 war Schwager evangelischer Pfarrer in Jöllenbeck bei Bielefeld. Ein Landpfarrer also, der aber unerlässlich schriftstellerisch aktiv war; ein Workaholic, wie wir heute sagen würden: Das Werk Johann Moritz Schwagers umfasst Zehntausende von Druckseiten. Neben Predigten verfasste er regelmäßig journalistische Arbeiten, war Herausgeber von Zeitschriften und veröffentlichte zudem dick- leibige Romane und Reisebeschreibungen. Der beißende Spott dieser Texte ist heute noch ansteckend. Weshalb? Weil Schwager es sehr genau verstand, seine Botschaften unters Volk zu bringen; ein (Volks-)Aufklärer im eigentlichen Wortsinn also. Er hat „den Leuten aufs Maul geschaut“ (Frank Stückemann), zugleich aber die satirische Bloßstellung des heuchlerisch-frömmelnden Pietismus nie aus den Augen verloren. Weiterlesen…
Antonia Baum: Vollkommen leblos, bestenfalls tot
Vieles wurde über dieses Romandebüt bereits geschrieben. Der große Trubel um ihre Lesung bei den „Tagen der deutschsprachiger Literatur“ 2011 in Klagenfurt, besser bekannt als der Vorlesewettbewerb anlässlich des Bachmannpreises, wird vielleicht noch fern in Erinnerung sein. Genauer gesagt: Nicht Baums Lesung verursachte Trubel im feuilletonistischen Blätterwald, es war vielmehr die nahezu einhellige Kritik und Ablehnung seitens der Jury, welche der 27-Jährigen (unfreiwillig) zu Bekanntheit verhalf. Aber auch ein wortmächtiger Verriss kann ja in diesem Land die Verkaufszahlen befördern… Antonia Baums Retourkutsche, veröffentlicht in der FAZ, bescheinigte wiederum den Kritikerkörpern und -köpfen mit ihrem „literaturwissenschaftlichen Kalk“ vollkommene Leblosigkeit. Amüsante Geschichten aus dem Literaturbetrieb, die auf dem feuilletonistischen Dorfplatz natürlich inzwischen wiederum von ganz anderen Themen abgelöst wurden… Weiterlesen…
Zum Tod des Lyrikers und Freundes Arnold Leifert
Sein plötzlicher Tod am 6. September 2012 war für uns ein Schock. Arnold Leifert stand dem Haus Nottbeck und unserem Tun in besonderer Weise nahe. Er war mehrfach Gast des Hauses, trat hier mit der Akkordionistin Cathrin Pfeifer auf (ein unvergessener Abend), ja, er verfasste sogar – anlässlich der Eröffnung des Museums 2001 – ein Gedicht über das Haus, das eine Stimmung einfängt, die bestimmten Sommerabenden auf dem Kulturgut zu eigen ist:
Haus Nottbeck – Westfälisches Literaturmuseum
(für Julien – am 30. Juni 2001)
dass das Haus / Frösche hat / ringsherum in / der ersten Nacht / ein kleiner Mensch / schwimmt auf in den / ohrenschillernden / Quakblasen / Weiterlesen…
„Ich habe mal gesagt: In Deutschland leben, heißt knietief durch Kot waten… Knietief war möglicherweise etwas optimistisch.“
Wiglaf Droste. Ein Gespräch in Zitaten
„Routine ist heikel. Man braucht allerdings Routine und ist immer in der Gefahr, zu viel davon zu haben. So entsteht sehr viel von dem, was unser Literaturbetrieb so liebt: routinierte Mäßigkeit.“
„Das Wort ‚Projekt‘ war einer der Gründe, warum ich aus Berlin weggezogen bin. In Berlin hat jeder ein Projekt, das ist so was wie Latte Macchiato trinken. Ich habe keine Projekte. Ich ziehe es wirklich vor zu arbeiten.“
„Es ist nicht gut für das Privatleben, wenn man das Schreiben zu sehr in die Abendstunden dehnt. Man muss sich da wirklich die Disziplin auferlegen, aufzuhören. Dieses Bild des manisch ständig Schreibenden – das kann uns Günter Grass von mir aus erzählen.“
„Ich glaube schon, dass es eine Literatur gibt, deren Stärke darin besteht, das Leben, so wie es wirklich ist, zu erkennen, zu durchdringen und Menschen, so wie sie sind und wie sie sich verhalten, das wirklich auf den Punkt zu bringen und einzukochen und gültig aufzuschreiben.“
„Die systematische Unterforderung durchschnittlicher Zehnjähriger, die möchte ich nicht mitmachen. Das ist das, was einen im Fernsehen, in Zeitschriften, ja auch in der Literatur andauernd begegnet. Das wird einem als Unterhaltung definiert und verkauft. Das interessiert mich nicht.“
Wiglaf Droste, geboren in Herford, lebt heute in Leipzig. Der oft polemische Satiriker gilt manchen als der „Tucholsky unserer Tage“ (Willi Winkler). Aktuell: Sprichst du noch oder kommunizierst du schon? Neue Sprachglossen (2012).
Paul Zech (1881-1946) war einer der umtriebig-rastlosen Schriftsteller, dessen Werk sich im Nachhinein kaum als geschlossenes darstellen lässt. Zu komplex und vielschichtig ist seine literarische Produktion von knapp 40 Jahren; bedingt natürlich auch durch die Turbulenz des Lebenslaufs zwischen und inmitten zweier Weltkriege. Paul Zech hinterlässt 11 Romane, etwa 20 Novellenbände sowie knapp 30 Dramen und ebenso viele Gedichtbände. Hinzu kommen noch die zahllosen Essays Zechs sowie seine Nachdichtungen aus dem Französischen, insbesondere François Villons; bekannt ist dem heutigen Ohr hiervon allenfalls noch die Zeile „Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund“ – Klaus Kinski und seinen Vertonungen auf gleichnamiger CD sei Dank.
Paul Zech als der sogenannte „Arbeiterdichter“ bzw. „Industriedichter“, besonders er soll hier im Spotlight stehen. Die Darstellung seiner Biografie hingegen wäre beinahe schon ein Spielfeld für sich: Weiterlesen…
In der Reihe roterfadenlyrik neu erschienen: J. Monika Walthers Gedichtband Windblüten Maschendraht. Seit 1976 arbeitet sie als freie Schriftstellerin zwischen dem Münsterland und den Niederlanden an Prosa, Hörspiel, Lyrik und erhielt zahlreiche Auszeichnungen und Stipendien. Wir präsentieren hier einen Auszug zwecks Verführung zur Lektüre:
Die Farbe Schwarz
Setze nicht voraus.
Fahrt in die Nacht
zwischen Sandhagen und
den Lichtungen im Gespensterwald.
Dem Kompass der Dinge folgen wir
bis der Narrenbaum gesetzt ist
mit leuchtenden Silberschellen.
Du kannst mir glauben
ich weiß nicht wo wir sind. Weiterlesen…

Eine kurzweilige Feier der Handseife (und Hassrede auf Flüssigplastikseifen)
von Mirko Kussin
Manche Dinge verschwinden leise, still und heimlich. Grundlos manchmal. Kernseife ist so ein Ding. Oder, etwas genereller: Seife in fester Form. Diese sich ständig in ihrer Form verändernden Blöcke, die in früheren Zeiten auf unseren Waschbecken lagen und langsam kleiner wurden. Die irgendwie ein Eigenleben besaßen: Mal klebten sie nach dem Trocknen auf dem Porzellan fest, mal rutschten sie im nassen Zustand immer wieder ins Becken. Bis kluge Werbestrategen in den 1980er-Jahren uns bzw. unseren Eltern einzureden begannen, dass Seife in flüssiger Form viel hygienischer, praktischer und zeitgemäßer sei. Und sie schafften es tatsächlich uns weizumachen, dass ein Stück Kernseife auf dem Wasserbeckenrand eigentlich nur für soziale Randgruppen wie Handwerker und Senioren gemacht worden war.
In meinem Bekanntenkreis benutzt niemand mehr ein einfaches Stück Seife, um sich die Hände damit zu waschen. Ich auch nicht. Seifenstücke werden als Dekomaterial genutzt, als gut riechende und gut ausschauende Eyecatcher. Weiterlesen…
SJ Schmidts Erinnerungen an seine zwei Biografien. Da ist viel zu erzählen…
Im Frühjahr 2013 wird Siegfried Johannes Schmidt (geläufiger: SJ Schmidt) in Nottbeck im Rahmen einer kleinen Aus- stellung sein neues Buch präsentieren – wieder ein Künst- lerbuch, wieder erschienen im Bielefelder Aisthesis-Verlag und wieder in Kooperation mit der Bielefelder Galerie Jesse. Zuvor aber gilt es Schmidts neuestes Opus zu annoncieren: Lehren der Kontingenz. Eine Erinnerung an 40 Jahre Doppelleben, just erschienen im Münsterer Lit-Verlag. Die Veröffentlichung dokumentiert SJ Schmidts Abtritts-(statt Abschieds-)Vorlesung im Wintersemester 2005/2006 an der Universität Münster. Sie ist eigentlich eine verkappte Autobiografie. Eine Lebensrevision in 14 Lektionen im Spiegel von Wissenschaft und Kunst. Auf beiden Gebieten war der renommierte Literatur-, Medien- und Kommunikationswissenschaftler mit Hang zum Querdenkerischen und Experimentellen gleichermaßen erfolgreich. Parallel zur eigenen (wissenschaftlichen) Identitätsfindung lässt Schmidt die maßgeblichen Stationen der BRD-Wissenschafts- und Kulturgeschichte Revue passieren. Er erzählt aber auch – entspannt und augenzwinkernd – über Privates, selbst Anekdotisches. Beispielsweise, dass er Mitglieder einer Jazz-Combo war. Wie infiziert er von den frühen Schriften der „Beat Generation“ gewesen sei (Kerouac, Ginsberg). Undundund. Man hört gern zu. Und konzediert staunend, dass Schmidt hier – innovativ wie immer – eine neue Form der Biografieschreibung kreiert hat. Weiterlesen…
1. September 1915: Beim Sturmangriff auf feindliche Stellungen am Dnjepr- Bug-Kanal in Weißrussland stirbt Haupt- mann August Stramm kurze Zeit nach einem Kopfschuss.
Der frühexpressionistische Dichter wird am folgenden Tag auf einem nahegelegenen Friedhof beerdigt. In Berlin schreibt Alfred Döblin am 21. September an Herwarth Walden, den gemeinsamen Freund und Herausgeber der bedeutenden avantgar- distischen Zeitschrift Der Sturm, in einem Beileidschreiben: „Ich weiß keinen, der so, ohne zu spielen und Faxen zu machen, mit der deutschen Sprache gewaltsam umge- sprungen wäre, als mit einem Stoff, den er bezwang und der nicht ihn bezwang. Niemand war von so vorgetriebenen Expressionismus in der Litteratur; er drehte, hobelte, bohrte an der Sprache, bis sie ihm gerecht wurde.“
Döblins von einer gewissen Trauer getragene Rede über einen weiteren Gefallenen in der nicht knappen Liste der toten Dichter und Künstler 1914ff. ist dankbarerweise zugleich von analytischer Genauigkeit geprägt: „Das Formulierte, Formulierbare scheint seinem Gefühl ein Greuel gewesen zu sein; das Schwimmende des Gefühls und der Vorgänge drängte er so zu bringen, daß es schwimmend blieb; […].“ Weiterlesen…
Lassen wir uns nieder, dort unter’m Apfelbaum… So oder so ähnlich darf man es sich vielleicht vorstellen: Vom 17. bis zum 19. August waren die niederländischen Dichter Bianca Boer, Tsead Bruinja und Menno Wigman sowie die flämische Dichterin Els Moors zu Gast auf dem Kulturgut Nottbeck. Bei sommerlichsten Temperaturen trafen sie sich mit den westfälischen LyrikerInnen Ellen Widmaier, Katharina Bauer, Thomas Kade und Ralf Thenior unter dem Motto „Dichter übersetzen Dichter / Poets Translate Poets“ zu einer gemeinsamen Übersetzerwerkstatt. Inmitten westfälischer Abgeschiedenheit fand man Gelegenheit zum Austausch, zur gemeinsamen Arbeit an Texten.
Drei Tage lang übersetzen die Dichter, die Tandem-Paare gebildet hatten (s.u.), gemeinsam ihre Gedichte ins Niederländische bzw. Deutsche. Die Ergebnisse werden als Sonderausgabe der Reihe roterfadenlyrik (vier Stimmen aus den Niederlanden bzw. aus Flandern) und als Buchproduktion des Literair Productiehuis Wintertuin (vier Stimmen aus Westfalen) erscheinen. Nach intensiver Tagesarbeit saß man am Abend unter hohem Himmel bei einem Glas Wein auf dem Hof, genoss die Stille und Dämmerung und tauschte sich über Probleme der Poesie und des Alltags in beiden Ländern aus. Weiterlesen…
Harald Hartungs neues Buch Der Tag vor dem Abend ist kein Tagebuch im herkömmlichen Sinn, das Tag für Tag Revue passieren lässt. Aber es hat eine tagebuchähnliche Struktur und hält, nach Jahren sortiert, jene Mosaiksteinchen fest, in denen sich Alltag auch manifestieren kann: In kleinen, streiflichtartigen, vielleicht unscheinbaren Begegnungen, in Assoziationen, die, woher auch immer, plötzlich da sind, in unerwarteten Lese- früchten, in Beobachtungen bei Autorenlesungen und Preisvergaben, unverhofften Begegnungen mit Meisterwerken der bildenden Kunst. Und hin und wieder beschenkt der Alltag den, der danach sucht, mit jenen edlen Momenten, in denen die Profanität transzendiert wird vom glänzenden Schein der Poesie – und dem Lyriker ein vielleicht besonderer Vers gelingt. So betrachtet, mag man in dem von Hartung offerierten Memorabilien-Steinbruch das Material, den Urstoff vieler seiner Gedichte erkennen. Bestätigt wird diese Vermutung im Falle von „Langsamer Träumen“ aus dem gleichnamigen Band (2002 erschienen). Dort heißt es:
Im Frühlicht sehe ich die zwei Maschinen / die eine plump die andere schlanker / pathetisch steigen: richtig feierlich / Da wären Bomben ordinär und gegen / die Abmachung des Traums / Doch fallen schon / die Eier aus der Legehenne während / die andere (durchaus kein Tier) / etwas verliert wie ein Torpedo / und den obszönen Gegenstand / (ganz Dame) übersieht und ihren Kurs hält / Fragen des Stils die Sache von Sekunden / zu kurz um das Geschehen zu verbessern / Langsamer träumen! denke ich und sehe / mich nach Deckung um Weiterlesen…
Rückzug in die Natur, ins ländliche Idyll, mitten ins Grüne, weit weg von jeglicher Zivilisation. So stellt man sich die Arbeit der großen Dichter der Vergangenheit vor. Was zunächst nach altmodisch-romantischer Genie- ästhetik klingt, ist tatsächlich gar nicht so antiquiert und unzeitgemäß, wie es auf den ersten Blick scheint.
Der aus Hamm in Westfalen stammende Autor und Verleger der Literaturzeitschrift [SIC], Christoph Wenzel, entschied sich, wie schon voriges Jahr, eine Woche zurückgezogen auf dem Kulturgut Haus Nottbeck zu verbringen und sich ganz der Lyrik zu widmen. Anders als in den sogenannten Aufenthaltsstipendien, welche Künstlern nach vorangegangener Bewerbung für mehrere Monate die Möglichkeit bieten, sich intensiv mit einem Projekt zu beschäftigen, arbeitete der heute in Aachen lebende „Exilwestfale“ auf Einladung von Walter Gödden ein paar Tage auf dem Kulturgut.
Diesmal ohne ein konkretes Projekt, sondern in der Absicht, Ordnung in Skizzen und unfertige Projekte zu bringen. Um sich einfach mal Zeit zu nehmen und die Dinge aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten, „ohne den brotberuflichen Kontext als Filter“ mit sich herum zu tragen. Gemeint sind damit Wenzels Anstellung an der Universität Aachen und seine Tätigkeit als Verleger. Für die eigene Lyrik bleiben da meist nur die Abendstunden. Weiterlesen…