Bücher, Was war!

100 Dinge: Die Kernseife

Eine kurzweilige Feier der Handseife (und Hassrede auf Flüssigplastikseifen)

von Mirko Kussin

Manche Dinge verschwinden leise, still und heimlich. Grundlos manchmal. Kernseife ist so ein Ding. Oder, etwas genereller: Seife in fester Form. Diese sich ständig in ihrer Form verändernden Blöcke, die in früheren Zeiten auf unseren Waschbecken lagen und langsam kleiner wurden. Die irgendwie ein Eigenleben besaßen: Mal klebten sie nach dem Trocknen auf dem Porzellan fest, mal rutschten sie im nassen Zustand immer wieder ins Becken. Bis kluge Werbestrategen in den 1980er-Jahren uns bzw. unseren Eltern einzureden begannen, dass Seife in flüssiger Form viel hygienischer, praktischer und zeitgemäßer sei. Und sie schafften es tatsächlich uns weizumachen, dass ein Stück Kernseife auf dem Wasserbeckenrand eigentlich nur für soziale Randgruppen wie Handwerker und Senioren gemacht worden war.

In meinem Bekanntenkreis benutzt niemand mehr ein einfaches Stück Seife, um sich die Hände damit zu waschen. Ich auch nicht. Seifenstücke werden als Dekomaterial genutzt, als gut riechende und gut ausschauende Eyecatcher. Sie werden in Porzellanschälchen zwischen ein paar Duft-Teelichten drapiert. Sie stauben in Räumen vor sich hin, die früher einmal Badezimmer oder Toilette genannt wurden und die Tine Wittler zu Wellnessoasen aufsteigen ließ. Auf den Waschbeckenablagen dieser Oasen stehen immer Plastik-Seifenspender von Balea, Dove, Sebamed oder irgendeinem anderen Flüssigscheißhersteller. Abenteuerliche Duftnuancen wie Jasmin-Vanille, Lavendel-Kornblume oder Kokos-Papaya sind die Regel in Wellnessoasen.

Manchmal vermisse ich die Haptik eines Seifenstückes. Seine Ecken und Kanten. Ein neues Stück Seife liegt wie ein Fremdkörper in der Hand. Aber mit jeder Benutzung werden die harten Kanten weicher, mit jedem Waschen passt sich das Stück ein wenig mehr dem Benutzer an. Bis es irgendwann zu einem wirklichen Handschmeichler wird und schließlich, abgenutzt und nur ein wenig größer und dicker als eine Briefmarke, auf ein neues kantiges Seifenstück gepappt wird. Ein Stück Handseife ist etwas Sinnliches. Ein Stück Handseife ist etwas Einfaches.

Mag sein, dass Autobahnraststätten und Bahnhofstoiletten ein berechtigtes Interesse an Flüssigseife aus Spendern haben. Weil es an diesen Orten im Idealfall tatsächlich auf die Hygiene ankommt. Aber in den eigenen vier Wänden sollte sich die Anzahl der Badezimmerbenutzer in einem überschaubaren und somit hygienisch unbedenklichen Rahmen bewegen. Vielleicht werde ich mir demnächst einmal wieder ein ehrliches Stück Handseife kaufen und es auf die Waschbeckenecke legen. Ich werde es mehrmals täglich benutzen. Meine Hände werden es formen, verändern und verbrauchen. Es wird einen Wert bekommen. Für mich.

 

99 weitere Dinge gibt es hier: Mirko Kussin | Tobias Wimbauer: Hundert Dinge. Eisenhut Verlag 2012, 144 Seiten, 14,90 €

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