SJ Schmidts Erinnerungen an seine zwei Biografien. Da ist viel zu erzählen…
Im Frühjahr 2013 wird Siegfried Johannes Schmidt (geläufiger: SJ Schmidt) in Nottbeck im Rahmen einer kleinen Aus- stellung sein neues Buch präsentieren – wieder ein Künst- lerbuch, wieder erschienen im Bielefelder Aisthesis-Verlag und wieder in Kooperation mit der Bielefelder Galerie Jesse. Zuvor aber gilt es Schmidts neuestes Opus zu annoncieren: Lehren der Kontingenz. Eine Erinnerung an 40 Jahre Doppelleben, just erschienen im Münsterer Lit-Verlag. Die Veröffentlichung dokumentiert SJ Schmidts Abtritts-(statt Abschieds-)Vorlesung im Wintersemester 2005/2006 an der Universität Münster. Sie ist eigentlich eine verkappte Autobiografie. Eine Lebensrevision in 14 Lektionen im Spiegel von Wissenschaft und Kunst. Auf beiden Gebieten war der renommierte Literatur-, Medien- und Kommunikationswissenschaftler mit Hang zum Querdenkerischen und Experimentellen gleichermaßen erfolgreich. Parallel zur eigenen (wissenschaftlichen) Identitätsfindung lässt Schmidt die maßgeblichen Stationen der BRD-Wissenschafts- und Kulturgeschichte Revue passieren. Er erzählt aber auch – entspannt und augenzwinkernd – über Privates, selbst Anekdotisches. Beispielsweise, dass er Mitglieder einer Jazz-Combo war. Wie infiziert er von den frühen Schriften der „Beat Generation“ gewesen sei (Kerouac, Ginsberg). Undundund. Man hört gern zu. Und konzediert staunend, dass Schmidt hier – innovativ wie immer – eine neue Form der Biografieschreibung kreiert hat.
Im Rahmen des Projekts „Ich schreibe, weil…“ hatte SJ Schmidt ebenfalls Einblicke in seine Schreibwerkstätten als Wissenschaftler und Literat gewährt:
Sie sind vor gut fünf Jahren aus dem Universitätsbetrieb ausgeschieden, sind aber weiterhin im Wissenschaftsbetrieb und im Literarischen aktiv. Sind Sie ein Workaholic?
Ich würde sagen: Es gibt da eine starke Tendenz.
Hat sich nach Ihrer Emeritierung an diesem Verhältnis etwas geändert? Nimmt die literarische Beschäftigung heute mehr Raum ein?
Ich glaube, es hat sich insofern geändert, als ich es mir jetzt erlauben kann, bei literarischen Arbeiten ohne größere Unterbrechungen dranzubleiben. Das war früher einfach wegen der beruflichen Verpflichtungen nicht möglich. Also arbeite ich entspannter und länger entweder im Wissenschaftlichen oder am Literarischen.
Wenn Sie Präferenzen setzen müssten: Lägen diese auf wissenschaftlichem oder auch künstlerischem Gebiet?
Das ist für mich keine Alternative.
Würden Sie zustimmen: Wissenschaftliches Schreiben = Arbeit, Literarisches Schreiben = Spaß?
Beides ist Arbeit, und manchmal ist die Literatur sogar härtere Arbeit. Weil es sehr schwierig ist, Dinge, die man spontan sagen möchte, nach dem fünften Prüfen zu verwerfen.
Zu Ihrem 65. Geburtstag erschien Ihnen zu Ehren eine Internetfestschrift. Diese zeigt die große Wertschätzung Ihrer Person und Arbeit. Sind Sie Teil einer Künstlercommunity?
Ich war lange in gutem Kontakt mit Künstlern. Zunächst vor allem mit experimentellen Künstlern, dann im Rahmen des Bielefelder Kolloquiums „Neue Poesie“, was ich mitbegründet und -geleitet habe, im Kontakt eigentlich mit allen Varianten von moderner Literatur. Das hat mit dem Ende des Bielefelder Kolloquiums naturgemäß etwas nachgelassen, aber es gibt noch immer eine Reihe von Autoren, mit denen ich regelmäßig im Kontakt bin.
Das Bielefelder Kolloquium „Neue Poesie“ erscheint aus der Rückschau wie ein Mythos. Wie ist Ihre Einschätzung?
Wenn man es schafft, für Lesungen experimenteller Literatur fast ebenso viel Publikum zusammenzukriegen wie für ein Spiel von Arminia Bielefeld, dann ist die Bezeichnung Mythos gerechtfertigt.
Wie würden Sie heutigen Lesern das Charakteristische dieser Treffen beschreiben? Und machen solche Treffen heute noch oder wieder Sinn?
Bleiben wir beim ersten Teil der Frage. Das Charakteristische war, dass sehr unterschiedliche Charaktere in seltener Einmütigkeit miteinander diskutiert haben, sich Texte vorgelesen haben und dergleichen. Die Einmütigkeit war nicht zuletzt deshalb gegeben, weil wir klugerweise die Presse und den Hörfunk ausgeschlossen haben. Denn als die noch dabei waren, konnte man deutlich sehen, dass einige Kolleginnen und Kollegen für die Kamera geschrieben und gearbeitet haben. In dem Moment, wo die Treffen intern wurden, war die Atmosphäre sehr viel offener. Natürlich gab es (ich will mal sagen:) Gruppierungen. Die österreichischen Autoren bildeten schon einen ziemlichen Block, rein zahlenmäßig und dann auch von den äußerst intensiven Kontakten, die in einem kleinen Land wie Österreich möglich sind. Das war bei den deutschen Autoren lange nicht so intensiv. Und dazu kamen ja Autoren aus der Tschechoslowakei, aus Frankreich, aus den USA, aus Großbritannien, aus Italien. (…) Für die Zeit des Bielefelder Kolloquiums war dieses Kolloquium glaube ich äußerst wichtig, vor allem was die Außendarstellung experimenteller Literatur anging. Sie müssen sich vorstellen, das war in den sechziger Jahren eine Schreib- und Druckmaschinenliteratur, kein Verlag interessierte sich dafür. In dem Augenblick, als die Autoren über das Bielefelder Kolloquium bekannt wurden, wuchs eben auch das Interesse bei großen Verlagen. (…). Und ein dritter Punkt, der mir immer sehr wichtig vorkam: Für die jüngeren Autoren, die wir eingeladen haben, war das entweder eine Startmöglichkeit oder eine Niederlage, die nur schwer zu verdauen war. Wer in Bielefeld durchgefallen war – nicht beim Publikum, sondern bei den Kolleginnen und Kollegen – hatte keinen ganz so leichten Stand mehr. Wer in Bielefeld reüssiert hatte und dann regelmäßig eingeladen wurde, war sozusagen durch.
Sie haben sich einmal als neugierigen Menschen beschrieben. Was weckt Ihre Neugierde? Ist es vorrangig die bildende Kunst, Musik oder sind es andere Kulturen oder ist es der Alltag?
Auch hier muss ich sagen: Alles zusammen. Es gibt im Alltag immer noch Dinge, die einen neugierig machen können, auch in der Wissenschaft, in der Kultur, in den Medien… Ich will mal sagen: Immer dann, wenn die Routine unterbrochen wird, dann kann man anfangen, neugierig zu werden. Ob es sich immer lohnt, ist eine andere Sache. Aber das ist die Vorbedingung. Und da sehe ich eigentlich nicht die Gefahr der Mediengesellschaft und die Langweiligkeit der Mediengesellschaft, dass die Routinen einfach überhand nehmen könnten. In allen Bereichen. Und deswegen fällt jede kleinste Routineunterbrechung auf. Ein kleines Beispiel: Gestern Abend war ein Film im Fernsehen, wo die Personen ganz selten gesprochen haben und der ganze Film von einer Stimme aus dem Off kommentiert wurde. Das ist eine Art der Inszenierung, die völlig aus der Mode gekommen ist. Die ist bei den Courths-Mahler-Filmen glaube ich zum ersten Mal verwendet worden. Und die war jetzt bei einem nicht-kitschigen Film so auffällig, dass ich mir den Film wirklich ganz angeguckt habe, obwohl ich sonst kein besonders großer Film- und Kinofreund bin.
Walter Gödden



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