Was war!

„Die Welt braust“

1. September 1915: Beim Sturmangriff auf feindliche Stellungen am Dnjepr- Bug-Kanal in Weißrussland stirbt Haupt- mann August Stramm kurze Zeit nach einem Kopfschuss.

Der frühexpressionistische Dichter wird am folgenden Tag auf einem nahegelegenen Friedhof beerdigt. In Berlin schreibt Alfred Döblin am 21.  September an Herwarth Walden, den gemeinsamen Freund und Herausgeber der bedeutenden avantgar- distischen Zeitschrift Der Sturm, in einem Beileidschreiben: „Ich weiß keinen, der so, ohne zu spielen und Faxen zu machen, mit der deutschen Sprache gewaltsam umge- sprungen wäre, als mit einem Stoff, den er bezwang und der nicht ihn bezwang. Niemand war von so vorgetriebenen Expressionismus in der Litteratur; er drehte, hobelte, bohrte an der Sprache, bis sie ihm gerecht wurde.“

Döblins von einer gewissen Trauer getragene Rede über einen weiteren Gefallenen in der nicht knappen Liste der toten Dichter und Künstler 1914ff. ist dankbarerweise zugleich von analytischer Genauigkeit geprägt: „Das Formulierte, Formulierbare scheint seinem Gefühl ein Greuel gewesen zu sein; das Schwimmende des Gefühls und der Vorgänge drängte er so zu bringen, daß es schwimmend blieb; […].“

Auch wenn die Wassermetaphorik hier ein wenig in die Irre zu führen scheint (schließlich ist Stramm in diesem Sinne kein ‚flüssiger‘, kein leicht zugänglicher Autor ‚fließender‘ Texte): Die Dynamik und Intensität, mit welcher August Stramm das Sprachmaterial versieht bzw. bearbeitet, ist bei nahezu keinem anderen deutschsprachigen Autor dieser Jahre konzentrierter und eindringlicher anzutreffen. Die Verkürzung und Verwandlung von Substantiven und Adjektiven in Verben, in Infinitive verleiht insbesondere den Gedichten eine unüberbietbare Handlungsgewalt und Gegenwärtigkeit. Bekanntestes (doch nicht zwangsläufig reizvollstes, d.h. sperriges, aber erkenntnisförderndes) Beispiel für Stramms Verdichtungskünste ist die Patrouille:

 

Die Steine feinden

Fenster grinst Verrat

Äste würgen

Berge Sträucher blättern raschlig

Gellen

Tod.

 

Die neu- und fremdartigen Wortkombinationen erzielen hier, auch aufgrund der Sensibilität für die Plastizität der Vokale und Konsonanten, auf knappstem Raum eine ungemeine Präsenz des (Lese-)Moments. Dass dieses wie auch viele andere Gedichte thematisch im Kriegsgeschehen situiert sind, lässt sich nicht allein auf biografische Linien zurückführen; es bestehen auch poetische Wirkungs- zusammenhänge. Denn prominent und dominant waren für die Künstler im Sturm-Kreis zu dieser Zeit die adäquate Form der Darstellung sowie eine (vermeintliche) Ursprünglichkeit der eigenen Mittel – was in jedem Fall, so auch bei August Stramm, eine experimentelle Kreation des literarischen Sprechens evozierte. In den produktivsten anderthalb Jahren seines Schreibens (Frühling 1914 bis Herbst 1915) waren die Kriegserlebnisse somit auch dankbarer Erfahrungsfundus, um die Affektgeladenheit der Sprache, ihre nicht allein von mentalen Repräsentationen, sondern beispielsweise auch von Erfahrungen der Körperlichkeit dominierte Wirkmächtigkeit aufzuzeigen, im Text zu erproben.

Am 14. Februar 1915 schreibt er von der Westfront an Herwarth Walden: „Zum fürchten war alles zu furchtbar. Aber ein Grauen ist in mir ein Grauen ist um mich wallt wogt umher, erwürgt verstrickt, es ist nicht mehr rauszufinden. Entsetzlich. Ich habe kein Wort. Ich kenn kein Wort. Ich muß immer nur stieren, stieren um mich stumpf zu machen, um all das Gepeitsche niederzuhalten.“ Der Schrecken des Krieges, der Gewaltexzesse, der maschinellen Tötung – er ist deutlich spürbar in Briefen wie diesem. Und doch gelingt es Stramm in diesen Zeilen der Sprachlosigkeit, welche das Erlebte kaum noch in Worte fassen können (oder dieses Unvermögen als solches zumindest rhetorisch imposant ausstellen), eine Kunstform zu erschreiben. Das Unbenennbare des tagtäglichen Stellungskrieges findet gerade durch Stramms Form der Dynamisierung der Sprache doch noch einen Ausdruck, und zwar einen, wie er präziser, kraftvoller kaum sein könnte: „Die Welt braust. Mein Kopf mir ist alles platzt.“ In dieser Verkürzung und Stauchung des Ausdrucks kommt jene Gegenwärtigkeit und Drängung des Augenblicks zur Wirkung, wie sie wohl das (Über-)Leben in den Schützengräben prägte. Der Erste Weltkrieg war August Stramm somit nicht nur Verhinderung und Beeinträchtigung, sondern in seiner erfahrungsgebundenen Wahrnehmungssteigerung zugleich auch Katalysator und Inspirator seines Schreibens (auch an der Front bleibt Stramm literarisch unvermindert produktiv und publiziert). In den Briefen an Herwarth Walden wird dieser freudige Schrecken, die Faszination am Grauen und das Potential seiner künstlerischen Umsetzung deutlich.

Was hier zynisch und abgeklärt klingen mag, will Hinweis sein auf den Zusammenfall beider Erlebnisformen: der Literatur und des Schlachtfelds. Die Rasanz und Verknappung der kriegerischen Augenblicke intensiviert die hektische Dichte und radikale Kürze in Stramms Lyrik, seinen Einaktern sowie den wenigen Prosatexten. Nichtsdestotrotz – und dies unterscheidet ihn von der rabiaten Kriegsbegeisterung der italienischen Futuristen („diese einzige Hygiene der Welt“, wie es im Ersten Manifest von 1909 heißt) – ist Stramm keinesfalls ein glühender Verehrer der kriegerischen Schlachten. Was ihn, den Reserve-Offizier, dennoch am Kriegsdienst teilnehmen lässt, resultiert aus einer inneren Überzeugung, die sich am ehesten mit national-gemeinschaftlichem Pflichtbewusstsein umschreiben ließe.

Gemeinsamkeiten mit dem Futurismus eines Filippo Tommaso Marinetti gibt es aber, von den ideologischen Emotio- nalisierungen und heroischen Apotheosen einmal abgesehen, sehr wohl: die Zerstörung (weniger martialisch: die Über- windung) herkömmlicher Syntax und Wortstruktur; die Lust an Komposita, an Lautlichkeit und Rhythmik; die Reduktion des Sprachmaterials zugunsten des einzelnen Ausdrucks. Mag Stramm auch, von pflichtschuldigen Erwähnungen im Deutschunterricht à la „Wir lernen heute die Merkmale des Expressionismus kennen“ einmal abgesehen, heute mehr oder weniger vergessen sein – damals war seine Produktivität weniger Jahre Stimulation für Carl Einstein und Kurt Schwitters, in den 1950er/60ern für Arno Schmidt und Gerhard Rühm. Deren Lob auf Stramms Wortdynamisierung und Sprachintensivierung ist jedoch auch längst verklungen. In Angststurm lässt sich (beispielhaft) die Ursache ihrer Begeisterung lesend nachvollziehen:

 

Grausen

Ich und Ich und Ich und Ich

Grausen Brausen Rauschen Grausen

Träumen Splittern Branden Blenden

Sterneblenden Brausen Grausen

Rauschen

Grausen

Ich.

 

Herwarth Walden bündelte das Vorhaben der Expressionisten – und dabei wird er sicherlich auch besonders an August Stramm gedacht haben – im Vorwort einer 1932 erschienen Anthologie folgendermaßen: „Das Material der Dichtung ist das Wort. Die Form der Dichtung ist der Rhythmus.“ Was sich hier zunächst als unspezifischer Gemeinplatz lesen lässt, impliziert Ablehnungen gegenüber einer narrativen bzw. romantisch-subjektiven Lyrik. Die Strammsche Wortkunst ist zwar radikal subjektiv in ihrer Darstellung von Wahrnehmungs- und Empfin- dungsweisen, doch hierbei zugleich derart aufs Sprachmaterial bezogen, dass die Abstraktion, die Kunstform als Versuch einer Annäherung an einen lyrischen Jetzt-Stil, die punktgenaue Momenthaftigkeit im Vordergrund steht. Dass dies bei Stramm gelegentlich auch in einem kosmischen, leicht pantheistisch-mystischen Sinne zu lesen ist, sei hier nur kurz erwähnt. August Stramm ist hierin also Zeitgenosse der Jahrzehnte um 1900: Lebensreformen und Lebensphilosophien konkurrieren in bunter Zahl um Meinungs- und Geltungshoheit.

Und es gibt, das soll nicht unerwähnt bleiben, auch einen anderen August Stramm, d.h. Facetten, die sich in die bisherige Darlegung nicht sogleich harmonisch integrieren lassen: Da ist beispielsweise die provinzielle Herkunft, welcher sich der gebürtige Münsteraner allerdings möglichst rasch (erfolgreich) zu entledigen versucht – freilich zum Preis, nun (auf Wunsch des Vaters) als Postsekretär, später als Postinspektor eine Beamtenlaufbahn einschlagen zu ‚dürfen‘. Stramm ist hier jedoch, ebenso wie in seiner Karriere als Reserveoffizier, von bürgerlicher Pflichterfüllung und Selbstdisziplin geprägt. 1909 promoviert er an der Universität Halle mit einer Arbeit zum Welteinheitsporto. Historische, kritische und finanzpolitische Untersuchungen (…). Stramm, Jahrgang 1874, gehört zudem keineswegs zu den jungen Wilden der Expressionisten-Generation; seine schriftstellerischen Erfolge sind nicht ohne seine Freundschaft zu Herwarth Walden, die hieraus resultierenden Kontakte zum Sturm-Kreis zu denken. Was nun wie die despektierliche Bloßstellung eines zuspätgekommenen Tele- grammdichters, der im Schrapnellgewitter 1914 zu poetischer Radikalität findet, wirken mag, will eben diese biografische Diskrepanz vielmehr als ‚Gewinn‘ ausstellen. Stramms lyrisch überzeugenden Bemühungen, den „Sprachbrei in Gärung“ (Döblin) zu versetzen – jetzt (noch immer) nachzulesen beim Buchhändler Ihres Vertrauens. Oder auch in der Online-Edition.

 

Arnold Maxwill

August Stramm

 

1. September 1915: Beim Sturmangriff auf die feindlichen Stellungen am Dnjepr-Bug-Kanal in Weißrussland stirbt Hauptmann August Stramm nach einem Kopfschuss. Der frühexpressionistische Dichter wird am folgenden Tag auf einem nahegelegenen Friedhof beerdigt. In Berlin schreibt Alfred Döblin Mitte September an Herwarth Walden, den gemeinsamen Freund und Herausgeber der bedeutenden avantgardistischen Zeitschrift Der Sturm, in einem Beileidschreiben: „Ich weiß keinen, der so, ohne zu spielen und Faxen zu machen, mit der deutschen Sprache gewaltsam umgesprungen wäre, als mit einem Stoff, den er bezwang und der nicht ihn bezwang. Niemand war von so vorgetriebenen Expressionismus in der Litteratur; er drehte, hobelte, bohrte an der Sprache, bis sie ihm gerecht wurde.“

Döblins von einer gewissen Trauer getragene Rede über einen weiteren Gefallenen in der nicht knappen Liste der toten Dichter und Künstler 1914ff. ist dankbarerweise zugleich von analytischer Genauigkeit geprägt: „Das Formulierte, Formulierbare scheint seinem Gefühl ein Greuel gewesen zu sein; das Schwimmende des Gefühls und der Vorgänge drängte er so zu bringen, daß es schwimmend blieb; […].“

Auch wenn die Wassermetaphorik hier ein wenig in die Irre zu führen scheint (schließlich ist Stramm in diesem Sinne kein flüssiger, kein leicht zugänglicher Autor fließender Texte): Die Dynamik und Intensität, mit welcher August Stramm das Sprachmaterial versieht bzw. bearbeitet, ist bei nahezu keinem anderen deutschsprachigen Autor dieser Jahre konzentrierter und eindringlicher anzutreffen. Die Verkürzung und Verwandlung von Substantiven und Adjektiven in Verben, in Infinitive verleiht insbesondere den Gedichten eine unüberbietbare Handlungsgewalt und Gegenwärtigkeit. Bekanntestes (doch nicht zwangsläufig reizvollstes, d.h. sperriges, aber erkenntnisförderndes) Beispiel für Stramms Verdichtungskünste ist die Patrouille:

 

Die Steine feinden

Fenster grinst Verrat

Äste würgen

Berge Sträucher blättern raschlig

Gellen

Tod.

 

Die neu- und fremdartigen Wortkombinationen erzielen hier, auch aufgrund der Sensibilität für die Plastizität der Vokale und Konsonanten, auf knappstem Raum eine ungemeine Präsenz des (Lese-)Moments. Dass dieses wie auch viele andere Gedichte thematisch im Kriegsgeschehen situiert sind, lässt sich nicht allein auf biografische Linien zurückführen; es bestehen auch poetische Wirkungszusammenhänge. Denn prominent und dominant waren für die Künstler im Sturm-Kreis zu dieser Zeit die adäquate Form der Darstellung sowie eine (vermeintliche) Ursprünglichkeit der eigenen Mittel – was in jedem Fall, so auch bei August Stramm, eine experimentelle Kreation des literarischen Sprechens evozierte. In den anderthalb Jahren seines der Nachwelt erhaltenen Schreibens (Frühling 1914 bis Herbst 1915) waren die Kriegserlebnisse somit auch dankbarer Erfahrungsfundus, um die Affektgeladenheit der Sprache, ihre nicht allein von mentalen Repräsentationen, sondern beispielsweise auch von Erfahrungen der Körperlichkeit dominierte Wirkmächtigkeit aufzuzeigen, im Text zu erproben.

Am 14. Februar 1915 schreibt er von der Westfront an Herwarth Walden: „Zum fürchten war alles zu furchtbar. Aber ein Grauen ist in mir ein Grauen ist um mich wallt wogt umher, erwürgt verstrickt, es ist nicht mehr rauszufinden. Entsetzlich. Ich habe kein Wort. Ich kenn kein Wort. Ich muß immer nur stieren, stieren um mich stumpf zu machen, um all das Gepeitsche niederzuhalten.“ Der Schrecken des Krieges, der Gewaltexzesse, der maschinellen Tötung – er ist deutlich spürbar in Briefen wie diesem. Und doch gelingt es Stramm in diesen Zeilen der Sprachlosigkeit, welche das Erlebte kaum noch in Worte fassen können (oder dieses Unvermögen als solches zumindest rhetorisch imposant ausstellen), eine Kunstform zu erschreiben. Das Unbenennbare des tagtäglichen Stellungskrieges findet gerade durch Stramms Form der Dynamisierung der Sprache doch noch einen Ausdruck, und zwar einen, wie er präziser, kraftvoller kaum sein könnte: „Die Welt braust. Mein Kopf mir ist alles platzt.“ In dieser Verkürzung und Stauchung des Ausdrucks kommt jene Gegenwärtigkeit und Drängung des Augenblicks zur Wirkung, wie sie wohl das (Über-)Leben in den Schützengräben prägte. Der Erste Weltkrieg war August Stramm somit nicht nur Verhinderung und Beeinträchtigung, sondern in seiner erfahrungsgebundenen Wahrnehmungssteigerung zugleich auch Katalysator und Inspirator seines Schreibens (auch an der Front bleibt Stramm literarisch unvermindert produktiv und publiziert). In den Briefen an Herwarth Walden wird dieser freudige Schrecken, die Faszination am Grauen und das Potential seiner künstlerischen Umsetzung deutlich.

Was hier zynisch und abgeklärt klingen mag, will Hinweis sein auf den Zusammenfall beider Erlebnisformen: der Literatur und des Schlachtfelds. Die Rasanz und Verknappung der kriegerischen Augenblicke intensiviert die hektische Dichte und radikale Kürze in Stramms Lyrik, seinen Einaktern sowie den wenigen Prosatexten. Nichtsdestotrotz – und dies unterscheidet ihn von der rabiaten Kriegsbegeisterung der italienischen Futuristen („diese einzige Hygiene der Welt“, wie es im Ersten Manifest von 1909 heißt) – ist Stramm keinesfalls ein glühender Verehrer der kriegerischen Schlachten. Was ihn, den Reserve-Offizier, dennoch am Kriegsdienst teilnehmen lässt, resultiert aus einer inneren Überzeugung, die sich am ehesten mit national-gemeinschaftlichem Pflichtbewusstsein umschreiben ließe.

Gemeinsamkeiten mit dem Futurismus eines Filippo Tommaso Marinetti gibt es aber, von den ideologischen Emotionalisierungen und heroischen Apotheosen einmal abgesehen, sehr wohl: die Zerstörung (weniger martialisch: die Überwindung) herkömmlicher Syntax und Wortstruktur; die Lust an Komposita, an Lautlichkeit und Rhythmik; die Reduktion des Sprachmaterials zugunsten des einzelnen Ausdrucks. Mag Stramm auch, von pflichtschuldigen Erwähnungen im Deutschunterricht à la „Wir lernen heute die Merkmale des Expressionismus kennen“ einmal abgesehen, heute mehr oder weniger vergessen sein – damals war seine Produktivität weniger Jahre Stimulation für Carl Einstein und Kurt Schwitters, in den 1950er/60ern für Arno Schmidt und Gerhard Rühm. Deren Lob auf Stramms Wortdynamisierung und Sprachintensivierung ist jedoch auch längst verklungen. In Angststurm lässt sich (beispielhaft) die Ursache ihrer Begeisterung lesend nachvollziehen:

 

Grausen

Ich und Ich und Ich und Ich

Grausen Brausen Rauschen Grausen

Träumen Splittern Branden Blenden

Sterneblenden Brausen Grausen

Rauschen

Grausen

Ich.

Herwarth Walden bündelte das Vorhaben der Expressionisten – und dabei wird er sicherlich auch besonders an August Stramm gedacht haben – im Vorwort einer 1932 erschienen Anthologie folgendermaßen: „Das Material der Dichtung ist das Wort. Die Form der Dichtung ist der Rhythmus.“ Was sich hier zunächst als unspezifischer Gemeinplatz lesen lässt, impliziert Ablehnungen gegenüber einer narrativen bzw. romantisch-subjektiven Lyrik. Die Strammsche Wortkunst ist zwar radikal subjektiv in ihrer Darstellung von Wahrnehmungs- und Empfindungsweisen, doch hierbei zugleich derart aufs Sprachmaterial bezogen, dass die Abstraktion, die Kunstform als Versuch einer Annäherung an einen lyrischen Jetzt-Stil, die punktgenaue Momenthaftigkeit im Vordergrund steht. Dass dies bei Stramm gelegentlich auch in einem kosmischen, leicht pantheistisch-mystischen Sinne zu lesen ist, sei hier nur kurz erwähnt, da es in seinen Briefen sehr viel deutlicher zum Tragen kommt als in seinen literarischen Verknappungen. August Stramm ist diesen Belangen also Zeitgenosse der Jahrzehnte um 1900: Lebensreformen und Lebensphilosophien konkurrieren in bunter Zahl um Meinungs- und Geltungshoheit.

Und es gibt, das soll nicht unerwähnt bleiben, auch einen anderen August Stramm, d.h. Facetten, die sich in die bisherige Darlegung nicht sogleich harmonisch integrieren lassen: Da ist beispielsweise die provinzielle Herkunft, welcher sich der gebürtige Münsteraner allerdings möglichst rasch (erfolgreich) zu entledigen versucht – freilich zum Preis, nun (auf Wunsch des Vaters) als Postsekretär, später als Postinspektor eine Beamtenlaufbahn einschlagen zu dürfen. Stramm ist hier jedoch, ebenso wie in seiner Karriere als Reserveoffizier, von bürgerlicher Pflichterfüllung und Selbstdisziplin geprägt (siehe Foto). 1909 promoviert er an der Universität Halle mit einer Arbeit zum Welteinheitsporto. Historische, kritische und finanzpolitische Untersuchungen über die Briefpostgebührensätze (…). Stramm, Jahrgang 1974, gehört zudem keineswegs zu den jungen Wilden der Expressionisten-Generation; seine schriftstellerischen Erfolge sind nicht ohne seine Freundschaft zu Herwarth Walden, die hieraus resultierenden Kontakte zum Sturm-Kreis zu denken. Was nun wie die despektierliche Bloßstellung eines zuspätgekommenen Telegrammdichters, der im Schrapnellgewitter 1914 zu poetischer Radikalität findet, wirken mag, will eben diese biografische Diskrepanz vielmehr als Gewinn‘ ausstellen. Stramms lyrisch überzeugenden Bemühungen, den „Sprachbrei in Gärung“ (Döblin) zu versetzen – jetzt (noch immer) nachzulesen beim Buchhändler Ihres Vertrauens. Oder auch in der Online-Edition.

Arnold Maxwill

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