Was war!

Ein Aufklärer aus Westfalen

24. September 1738: Johann Moritz Schwager wird geboren. Wer war dieser Sohn eines Landwirts und Wagenbauers? Heute ist der wortmächtige Aufklärer kaum noch jemandem bekannt. Zu Unrecht. Seit 1768 war Schwager evangelischer Pfarrer in Jöllenbeck bei Bielefeld. Ein Landpfarrer also, der aber unerlässlich schriftstellerisch aktiv war; ein Workaholic, wie wir heute sagen würden: Das Werk Johann Moritz Schwagers umfasst Zehntausende von Druckseiten. Neben Predigten verfasste er regelmäßig journalistische Arbeiten, war Herausgeber von Zeitschriften und veröffentlichte zudem dick- leibige Romane und Reisebeschreibungen. Der beißende Spott dieser Texte ist heute noch ansteckend. Weshalb? Weil Schwager es sehr genau verstand, seine Botschaften unters Volk zu bringen; ein (Volks-)Aufklärer im eigentlichen Wortsinn also. Er hat „den Leuten aufs Maul geschaut“ (Frank Stückemann), zugleich aber die satirische Bloßstellung des heuchlerisch-frömmelnden Pietismus nie aus den Augen verloren.

Schwagers Anliegen? Ein Plädoyer für geistige und auch alltagsgelebte Toleranz und Aufgeschlossenheit, gerade auch in religiöser Hinsicht. Eine Botschaft, die heute kaum aktueller und dringlicher sein könnte. „Geistige Enge, Bildungsferne, Denkfaulheit konnte der Pfarrer, Freimaurer und Aufklärer Schwager nicht ertragen“, so Frank Stückemann, dessen Dissertation den Jöllenbecker Aufklärungstheologen und seine Schriften 2009 wieder in Erinnerung rief. Der Landpfarrer einer kleinen Gemeinde in Ostwestfalen war nicht nur als fleißiger Schreiber sowie vor Ort in praktizierter Zivilcourage aktiv, sondern stand zugleich mit bedeutenden Aufklärern und Schriftstellern seiner Zeit in Kontakt: Die Briefwechsel mit Justus Möser, Anton Matthias Sprickmann und Friedrich Nicolai beispielsweise zeigen uns Heutigen, wie universell und allgemeingültig Aufklärung auch und gerade in der Provinz verstanden und rege betrieben wurden.

2013 (heute in einem Jahr) jährt sich der 275. Geburtstag des Jöllenbecker Aufklärers. Grund genug, seine Person, vor allem aber auch sein Anliegen in den Fokus zu rücken. Dass sein Plädoyer für geistige Aufgeschlossenheit mit einer ungeheuer anregenden Polemik und parodistischen Vitalität einhergeht, wird ein Reprint seiner drei Romane dem heutigen Leser unter Beweis stellen. Wie lesbar und erfrischend frech diese Texte noch sind, ist dann in der Lektüre genussvoll zu erkunden. Eine Ausstellung hier in Nottbeck wird nicht nur Johann Moritz Schwagers Wirken würdigen, sondern auch die immer wieder geistige Aufhellung erstrebenden Ideen der Aufklärung ins Zentrum stellen. Aufklärung ist also nicht eine Epoche, sondern unablässige Aufforderung an uns selbst.

Arnold Maxwill

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