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„Die Sekunde steht.“

In der Reihe roterfadenlyrik neu erschienen: J. Monika Walthers Gedichtband Windblüten Maschendraht. Seit 1976 arbeitet sie als freie Schriftstellerin zwischen dem Münsterland und den Niederlanden an Prosa, Hörspiel, Lyrik und erhielt zahlreiche Auszeichnungen und Stipendien. Wir präsentieren hier einen Auszug zwecks Verführung zur Lektüre:

Die Farbe Schwarz

Setze nicht voraus.

Fahrt in die Nacht

zwischen Sandhagen und

den Lichtungen im Gespensterwald.

Dem Kompass der Dinge folgen wir

bis der Narrenbaum gesetzt ist

mit leuchtenden Silberschellen.

Du kannst mir glauben

ich weiß nicht wo wir sind.

Als „Entrée“ ihres neuen Gedichtbandes zeigt dieser Text leitbildartig ein Motiv auf, das sich als Stimmung oder Grundierung (auch Schreibmotivation) in weiteren Texten J. Monika Walthers finden lässt: eine bleibende Bemühung um Orientierung, auch im Sinne einer biografischen Selbsterkundung. Poetische Sichtung und Besichtigung innerer und äußerer Landschaften. Nicht Kartierung und Verzeichnung eines konkreten Gebiets. Und weshalb? Weil „ich weiß nicht wo wir sind“, so schließt die lyrische Stimme. Aber diese Stimme hat keinen panischen, hektischen Klang; sie agiert mit einer wohltuenden Gelassenheit. Das Auge und die übrigen Sinne (ebenso die Erinnerung) vertrauen, aufmerksam und träumerisch wach, dem „Kompass der Dinge“, welcher durch die Wort- und Geschichtslandschaften zu lenken (und abzulenken) weiß.

Dass diese Wort- und Geschichtslandschaften bei J. Monika Walther, aufgewachsen in einer jüdisch-protestantischen Familie in Leipzig und Berlin, deutsche Landschaften sind, mit der entsprechenden Fülle, aber auch der Verantwortung und dem immer noch zu häufig Ausgeschwiegenem – es wird in ihren neuen Gedichten (einmal mehr) deutlich. Es ist das immer noch Nicht-zu-Verstehende der deutschen Vergangenheit, der Totalitarismen, das in mehreren Gedichten zum Tragen kommt. Nicht didaktisch, nicht mit ein- schüchterndem Begriffsmaterial. Es packt den Leser umso zwingender, umso (vermeintlich) beiläufiger durch einzelne Ortsnamen oder Sprachkompositionen Assoziationen aufgerufen werden – monolithische Erinnerungen (mit scharfen Kanten), welche nun lesend in die poetische Szene bzw. Stimmung integriert werden müssen.

Mit nur wenigen Worten gelingt hier lyrische Beschreibungskunst: die Orte der Vernichtung, der Trennung, Bedrängung, Ausgrenzung, auch deutsch-deutscher Drohgebärden – einer inneren, erinnernden Topografie bleiben sie präsent. Und müssen es auch, da das den Phänomenen häufig Zugrundeliegende allenfalls kurzfristig seinen Vornamen, sein Vokabular geändert hat. An einer Stelle heißt es: „Ich male den Weg auf / Links das Meer / Rechts / Unten oben / Nebenan / Regen Krieg Geld“ – und einige Zeilen weiter: „Vorbei an den Wortbergen / Daran vorbei“.

Den besonderen ästhetischen Reiz finden diese Gedichte letztlich in der zeilen- dramaturgisch gekonnt inszenierten Verwebung von innerer und äußerer Landschaft. Das lyrische Auge bringt in den Moment der Beobachtung, der sogleich auch ein Moment der Erinnerung wird, verschiedene Ebenen der (individuellen) Geschichte(n) ein und fixiert so Zeit und Raum für die Dauer eines Gedankens, einer visuellen oder emotionalen Erkenntnis: „Die Sekunde steht.“ In den Augen-Blick schleicht sich das Nicht-Gegenwärtige ein – das sich nicht vollständig ins  Vergangene zurückdrängen lassen will und darf (siehe auch der Titel des Bandes)…

Ansichtskarte See

Glitzert Raureif im Sonnenlicht

glitzert Schmutzgold in der Nacht

Am Tag Kletterrosen weiß

Backstein und Fachwerk

Kaffee und Kuchen

komm kommt schön hier

Fahrt über den See

quer nicht längs

komm kommt schön hier

Da drüben hinter dem See

weit weg jenseits der Himmelspforte

glitzert Raureif im Sonnenlicht

Ravensbrück hinterm Schilf

Keine Aussicht aufs Ende

Arnold Maxwill

J. Monika Walther: Windblüten Maschendraht. Gedichte. roterfadenlyrik Edition Haus Nottbeck 2012 (ISBN 978-3-943270-02-0). Zudem zuletzt erschienen: Sperlingssommer. Erzählungen. Geest-Verlag 2012 (ISBN 978-3-86685-351-5). Nicht alles, aber vieles Weitere findet sich auf J. Monika Walthers Homepage.

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