Harald Hartungs neues Buch Der Tag vor dem Abend ist kein Tagebuch im herkömmlichen Sinn, das Tag für Tag Revue passieren lässt. Aber es hat eine tagebuchähnliche Struktur und hält, nach Jahren sortiert, jene Mosaiksteinchen fest, in denen sich Alltag auch manifestieren kann: In kleinen, streiflichtartigen, vielleicht unscheinbaren Begegnungen, in Assoziationen, die, woher auch immer, plötzlich da sind, in unerwarteten Lese- früchten, in Beobachtungen bei Autorenlesungen und Preisvergaben, unverhofften Begegnungen mit Meisterwerken der bildenden Kunst. Und hin und wieder beschenkt der Alltag den, der danach sucht, mit jenen edlen Momenten, in denen die Profanität transzendiert wird vom glänzenden Schein der Poesie – und dem Lyriker ein vielleicht besonderer Vers gelingt. So betrachtet, mag man in dem von Hartung offerierten Memorabilien-Steinbruch das Material, den Urstoff vieler seiner Gedichte erkennen. Bestätigt wird diese Vermutung im Falle von „Langsamer Träumen“ aus dem gleichnamigen Band (2002 erschienen). Dort heißt es:
Im Frühlicht sehe ich die zwei Maschinen / die eine plump die andere schlanker / pathetisch steigen: richtig feierlich / Da wären Bomben ordinär und gegen / die Abmachung des Traums / Doch fallen schon / die Eier aus der Legehenne während / die andere (durchaus kein Tier) / etwas verliert wie ein Torpedo / und den obszönen Gegenstand / (ganz Dame) übersieht und ihren Kurs hält / Fragen des Stils die Sache von Sekunden / zu kurz um das Geschehen zu verbessern / Langsamer träumen! denke ich und sehe / mich nach Deckung um
In Der Tag vor dem Abend finden wir hierzu die folgende Notation: „Langsamer träumen. Am stählernen Himmel zwei langsam und tief fliegende Flugzeuge. Groß und mit eckigen Flügeln. Nicht unbedingt bedrohlich. Deshalb überrascht es mich, daß sie Bomben fallen lassen. Das erste eine Handvoll kleiner, rundlicher Sprengkörper, das andere eine Rakete oder eher ein Torpedo, das für Momente mit dem Flugzeug mitfliegt. Mein Erstaunen ist groß und ruhig, jedenfalls größer als die Angst. Noch keine Detonationen. Doch sehe ich mich nach Deckung um.“
Im Autorengespräch hat Hartung dazu bemerkt: „Es ist ein Traum von zwei Flugzeugen, die Flugkörper fallen lassen, Bomben und Torpedos. Und das Ich träumt diesen Traum von diesen fallenden Bomben und versucht sich in Deckung zu bringen. Das Wort Traum darf man nicht so nehmen, dass es Träumerei ist, die keine Substanz hat, sondern die Träume, die ich meine, sind Träume, die immer mit der Wirklichkeit zu tun haben. Ein Stück Wirklichkeit. Denn diese Situation ist ja vorstellbar, hat man vielleicht sogar mal erlebt.“
Jemandem, der den Zweiten Weltkrieg miterlebt hat (Hartung ist Jahrgang 1932), sind solche Traumata ebenso unauslöschlich ins Gedächtnis eingeschrieben wie bestimmte Bilder aus Kindheit und Jugend. Auch hierüber lesen wir in Der Tag vor dem Abend: „All die Jahre danach blieb mir eine Szene aus dem Frühjahr 1944 im Gedächtnis. Sie spielt in einer etwas dämmerigen Halle, die trotz der vielen in ihr gelagerten Gegenstände eigentümlich leer wirkte. Zwischen dem aufgereihten Mobiliar gingen Leute umher und bezeichneten die gewünschten Objekte, worauf diese von Arbeitern abtransportiert wurden. Die Eltern hatten mich zu den Spielsachen geschickt, die am Ende der Halle in einem Winkel angehäuft waren. Da gab es Eisenbahnen, Autos, Kreisel, Teddybären, Puppen und Puppenstuben. Von allem war so viel vorhanden, daß es mir schwergefallen wäre, etwas Bestimmtes zu wünschen. Ich blätterte in den Miniaturbüchern, die in einer Ecke lagen – groß wie meine Handfläche oder winzig wie Streichholzschachteln, manche in fremdartigen Lettern gedruckt, hebräischen, wie ich wußte. Ich wußte auch daß alles, was es hier angehäuft war, den Juden gehört hatte. Das Klavier und der Lackschrank im Wohnzimmer – auch sie stammten aus dieser Halle. Es war die Maisel-Synagoge. Ich erkannte sie wieder an ihren Bögen und Säulen.“
Blende, Szenenwechsel: Har- tungs – so der Untertitel – „Aufzeichnungen“ besitzen auch ganz andere Seiten. Eine davon ist die, nach der wir, Hand aufs Herz, immer und gern Ausschau halten: Nach dem Insiderblick ins Metier des Literaturbetriebs, dem Hartung als Autor, Kritiker und Herausgeber jahrzehnte- lang angehörte. In Der Tag vor dem Abend konnte sich der Grandseigneur des „guten Tons“ einige Bissigkeiten denn doch nicht verkneifen: „Münster, Lyrikertreffen. Überall aufmerksames Publikum. Man kann die sprichwörtliche Nadel fallen hören. Freilich auch bei den schlechten Geschichten.“ / „Kurz nach den Politikern und Journalisten haben auch die Intellektuellen die Sprache wiedergefunden (allen voran Susan Sontag und Hans Magnus Enzensberger). Sie wollen offenbar beweisen, daß ihre Denkapparate noch intakt und ihre Begriffe angemessen sind. Der Kampf der Gehirne um die sogenannte Deutungshoheit geht weiter. Auch Durs Grünbein darf nicht fehlen. Er veröffentlicht Blätter aus einem Tagebuch. Am Tag nach der Katastrophe notiert er: „Total arbeitsunfähig. Die Nachricht hat mich im Kern getroffen.“ Dann aber schreibt er weiter, fließend und ohne erkennbare Stockung.“ / „Alles nahm sie mit (Schreyan, Schöppingen, Amsterdam, Wiepersdorf, Villa Massimo), all die Namen für Stipendien-Aufenthalte; und über jeden Ort hat sie Gedichte gemacht, die ewige Stipendiatin, die inzwischen auf die Sechzig zugeht und trotz aller Stipendien nie ein wirkliches Gedicht schreiben wird. Aber das weiß sie nicht, wird sie nicht wissen, darf sie nicht wissen.“
In summa: Der Tag vor dem Abend ist eine Einladung zum kultivierten Zwiegespräch. Hartungs Notate sind so wohltuend unaufdringlich wie die Gedichte dieses Autors, die sich durch ein hohes Maß an stiller, niemals plakativ ausgestellter Meisterschaft auszeichnen. In diesem Zusammenhang ist in der Kritik von seiner „unauffälligen formalistischen Perfektion“ gesprochen worden bzw. von einer „Schönheit, die sich beinahe verlegen ins Unauffällige“ kleide. Hartung findet sich in einer solchen Charakterisierung wieder: „Ich will nur selbst ergänzen: mein Ehrgeiz ist eigentlich ganz einfach, ich möchte Dinge machen, die auf den ersten Blick ganz einfach sind, die auch von jedem, der lesen kann, nach ein- oder zwei- – ich bin anspruchsvoll –, meinetwegen dreimaliger Lektüre aufgefasst werden. Einige Dinge werden diesem einfachen Leser verborgen bleiben. Es gibt sicher Leser, die, sagen wir, mehr aus den Texten herausholen, was auch angelegt ist. Aber der Text selbst soll nicht ambitioniert wirken. Die Ambition ist in der Sache drin. Die Ambition ist, sozusagen, so einfach wie möglich und so komplex wie möglich zugleich.“
In Der Tag vor dem Abend hat er dieses poetische Verfahren in einer für ihn neuen Form kultiviert. Seine Beobachtungen aus 14 Jahren (1998-2012) bewegen sich, wie alles bei diesem Autor, auf einem unübertroffenen Niveau.
Walter Gödden



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