Bücher

„Irgendwas mit Kunst“!

– kann es eine plausiblere Antwort auf die unheilschwangere Frage geben: „Und du, was willst du mal später mal machen?“

„Irgendwas mit Kunst!“ – das hätten auch die beiden Hauptprotagonisten aus Marc Degens Roman „Das kaputte Knie Gottes“ auf die Frage aller Fragen geantwortet. Beide sind Studenten an der Bochumer Ruhr-Uni (die offensichtlich ein gutes Pflaster für Literatur ist, siehe auch die Romane Oliver Uschmanns), beide schlagen sich irgendwie durchs Leben, lassen sich treiben, sind hin- und hergerissen zwischen Wünschen und Wollen. Das Studium wird eher halbherzig durchgezogen, man verbummelt seine Zeit mit Partys, Drogen, Frauengeschichten, tausenderlei anderen, teilweise obskuren Alltagsvergnügungen. Und irgendwie klappt es ja doch, irgendwie bekommt man, wie auch immer, das nötige Kleingeld fürs Überleben zusammen – und sei es als Kartenabreißer in einem Porno-Kino. Weiterlesen…

Bücher

Geister der Vergangenheit

An dieser Stelle möchten wir passend zum Bücherherbst neue Romane westfälischer Autoren vorstellen. Den Anfang macht der schon im letzten Jahr erschienene Roman „Katzenberge“ der in Münster lebenden Autorin Sabrina Janesch.

Es spukt in Sabrina Janeschs Debütroman „Katzenberge“. Gespenster allenthalben: im Dämmerlicht erobern sie die Lichtungen und Felder und tanzen den Großeltern der Erzählerin vor der Nase herum. Die Gegend der Katzenberge im ehemaligen Schlesien, in die es jene nach ihrer Vertreibung aus Galizien verschlug, strahlt eine unheimliche, beängstigende Atmosphäre aus. Bis klar wird, dass hier keine echten Kobolde und Geister hausen, drohen auch uns Lesern die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Geisterwelt auf beunruhigende Weise zu verschwimmen. Diese Erfahrung teilen wir mit den entwurzelten Großeltern, die verzweifelt im ostpolnischen Volkglauben die Erklärung für die übersinnlich anmutenden Erscheinungen suchen. Man übt sich in Exorzismen, nagelt Eulen an die Haustür, bedeckt die Dielen mit Kräutermischungen. Die Ursache für die rätselhaften Geschehnisse erweist sich schließlich als profaner, doch nicht weniger kompliziert. Es sind die sprichwörtlichen Geister einer unbewältigten Vergangenheit, die die Alten seit Jahrzehnten in Atem halten. Weiterlesen…

Lesungen, Was läuft?

Nottbeck City Limits Vol. I

Nottbeck City Limits“ heißt unser neues Show-Format. Klingt origineller als „Jauch will Plasberg“. Und ist es auch: Nach einer nervigen Flut von Initiativbewerbungen aus dem öffentlich-rechtlichen Medien- segment, die um unseren Talk- master-Job buhlten, haben wir mit Wiglaf Droste einem der letzten Freigeister der Republik offeriert, dem Kulturgut als Conférencier zu dienen. Natürlich hat der dann gleich zugesagt. Premiere feiern wir am Samstag, den 24.09. 2011. Was genau passieren wird, hat er uns mit noch keiner Silbe wissen lassen. Außer, dass er mit Harry Rowohlt, einem wahren „Kracher“, einen ersten Gast im Gepäck hat, der geradezu wunderbar zum Profil und Programm des Hauses passt. Uns freut das natürlich – denn wir geben’s zu, dass Harry Rowohlt eigentlich schon immer eine Wunschbesetzung war. Weiterlesen…

Was war!

Preview der Nottbecker Lyrikedition „Roter Faden“

Falls Sie den Eindruck bekommen haben sollten, dieser Blog wird von einem Arbeiter-Gedenkverein betrieben, der sich wöchentlich zu Lesungen in historischer „blue-collar“-Tracht und Grubenlampen-Ambiente trifft, dann liegen sie ganz falsch: denn am kommenden Sonntag wagen wir wieder einen Sprung in das „Gerade Eben Jetzt“ und spüren den „Schreibweisen der Gegenwart“ (Eckard Schumacher) im Ruhrgebiet nach. Das Ganze live auf dem Kulturgut und zum Nachlesen in unserem neuen editorischen Leuchtturmprojekt, der Lyrikedition „Roter Faden“. Lyrik erlebt eine Renaissance, das spiegelt sich an den vielen jungen Talenten wieder, die die Aufmerksamkeit der Feuilletons genießen. Ein Trend, der auch im Ruhrgebiet zu beobachten ist. Die Lyriker/Innen Ellen Widmaier, Katharina Bauer, Ralf Thenior und Thomas Kade sind Teil einer vitalen Poetry-Szene in Dortmund und bestreiten zusammen die ersten vier Bände der Edition. Weiterlesen…

Bücher

Von Dichtern mit Staublungen

2011 ist das Jahr der Arbeiterliteratur und -dichtung. Nach der hier gezeigten Ausstellung zur Gruppe 61 und ihrer Erkundung eines untergegangenen Jahrzehnts, in denen Staublungen auf Farbfernsehen trafen und die Arbeit vor Kohle in den symbolischen Raum der Literatur abwanderte, hat die LWL-Literaturkommission nun noch einen Meilenstein der hiesigen Bergarbeiterdichtung aus den lichtlosen fünfziger Jahren ans Tageslicht befördert: Uwe-K. Ketelsen gibt die Neuauflage der Anthologie „Wir tragen ein Licht durch die Nacht“ von 1960 heraus. Der vorliegende Band wurde damals von einer pädagogisch-paternalistisch wirkenden, um hochkulturelle Bildung, bergbauliches Ethos und politische Mobilisierung bemühten Gewerkschaft initiiert.
Im Unterschied zur „modernen“, zeitkritischen Schreibe vieler Autoren der Gruppe 61, trifft man neben “Klassikern“ wie Paul Zech und Josef Winckler auch auf manch unbekannten jüngeren Autor und auf einen Untertage-Existentialismus, der tief in die erste Jahrhunderthälfte zurückweist. Weiterlesen…

Was war!

„Strange Kebab“

Ralf Thenior und Ralf Werner präsentieren klangvolle Minutengeschichten.

Nachdem uns Ralf Thenior am Jubiläumssamstag mit seinen balkanischen Impressionen beglückt hat, heißen wir den Dortmunder Schriftsteller schon diesen Donnerstagabend wieder willkommen. Im Team mit dem Cellisten und Komponisten Ralf Werner präsentiert er Auszüge aus seinem Story-Band „Strange Kebab“. Ein großes kleines Buch, voll poetischer Alltagsbeobachtungen im Minutenformat, das im Herbst im Aisthesis-Verlag erscheinen wird. Die Konzentration auf die Minutenlänge erlaubt kein Wort zu viel. Und fordert geradezu eine meisterhafte Pointierung. Anordnung und Varianz der Texte ergeben einen Reigen unterschiedlichster Spielformen, von der Selbstreflexion über hörspielartige Kurzszenen, direkte, oft gallige und spröde Humoresken und Grotesken bis hin zu „Familienarien“ und Texten, die vom Assoziativen und Wortspielerischen inspiriert sind. Weiterlesen…

Was war!

Ten Years After: Nottbeck feiert Geburtstag

Das Literatur auch outdoor geht, ist nun ein für allemal bewiesen. Beim zehnjährigen Jubiläum des Nottbecker Literaturmuseums hielten 30 westfälische Autoren und Künstler das alte Rittergut besetzt. In die weitläufige Gartenanlage waren Zelte und Bühnen gepflanzt. Wie indianische Wigwams ragten weiße Lesepavillons überall inmitten der Bäume und Rasenflächen auf. Eine sanftmütig-literarzistische Kolonialisation hatte stattgefunden. Von oben muss die Kulisse mal wie ein Lady Chatterly-, mal wie ein Winnetou-Set gewirkt haben. Die Dichter hatten es sich in ihren Pavillons bequem gemacht. Manche hatten Verstärkung und Equipment im Gepäck: Der Slammer Andreas Weber den DJ seines Vertrauens, der Dortmunder Beat-Poet Jürgen Wiersch seinen Sohn, den Bluesmusiker Rocco, Ralf Thenior den Cellisten und Soundtüftler Ralf Werner, der am Laptop balkanische Flusslandschaften im Nottbecker Park entstehen ließ. Weiterlesen…

Lesungen, Was läuft?

Literatur Live!

Markus Berges‘ liest am 16.7 in der Nottbecker Specs Op- Lounge aus seinem grandiosen Romandebüt

Wenn Musiker Bücher schreiben, geht das meist schief. Ganz anders bei Markus Berges, Gitarrist und Songschreiber der Band „Erdmöbel“. Für seinen ersten Roman „Ein langer Brief an September Nowak“ hat er sich viel Zeit gelassen – und alle Welt applaudiert. Zu Recht, denn Berges beweist, dass er nicht nur knappe Songlyrik schreiben kann, sondern auch den Atem für über 200 Buchseiten mitbringt.
„September Nowak“ erinnert auf den ersten Blick nicht an Erdmöbel-Songtexte. „Mit dem Buch wollte ich einfach etwas komplett anderes machen“, sagt Berges, „der Roman sollte auf keinen Fall erdmöbelig werden“. Also kein kalkulierter Pop-Roman, mit dem der Autor auf Nummer sicher ging. Was aber dann? Weiterlesen…

Lesungen, Museum, Was läuft?

Showtime!

Nur noch vier Wochen. Der Countdown läuft: Am 16./17. Juli feiern wir mit Ihnen das zehnjährige Bestehen des Museum für westfälische Literatur. Das Jubiläumsprogramm ist reich an Highlights: Mit einem Kinderfest am Samstagnachmittag geht’s los; ab 18 Uhr übernehmen westfälische Schriftsteller- und Künstlerfreunde das Kommando und verwandeln das Kulturgut in eine 5000 Quadratmeter-große Performance-Bühne. Anschließend sind Kommando Elektrolyrik und Erdmöbel mit ihrem verschroben-poetischen Deutschpop am Start. Eine Literatur-Lounge lädt zum Tanzen und Verweilen ein.
Am Sonntag geht’s superlativisch weiter: die multimediale Ausstellung »Ich schreibe, weil…« wird eröffnet. Der Bestseller-Autor Oliver Uschmann präsentiert in einer Literaturshow mehr als 20 Schriftsteller und Schriftstellerinnen. Geboten wird ein kurzweiliger, musikalisch untermalter Lese-Marathon.
26 Tage noch: Haben wir auch an alles gedacht? Wir glauben schon!
Hier schon mal ein filmischer Teaser:

 

Was war!

Yoga-los und froh dabei

Marc Degens auf Lit-Fest in Nottbeck

Als „kafkaisch-joyceanischer Strindberg der Generation X für Beckettleser, die gerne comiclesend fernsehen“, hat Dietmar Dath den Autor Marc Degens charakterisiert und damit ganz Dath-typisch ins Schwarze getroffen. Die Generation X gibt es zwar nicht mehr, in den Texten von Marc Degens aber hat sie glücklicherweise überlebt. Degens-Helden zappen in Schlafanzügen durch nachmittägliche Fernsehprogramme, flanieren in Vorortzügen durch Ruhrstadtperipherien und trinken in Eckkneipen Bier aus großen Gläsern. Hierbei besitzen sie ein beneidenswert yogaloses inneres Gleichgewicht. In Zeiten grassierender Burn-out-Symptomatik bringt sie nichts aus der Ruhe. Arbeitende Menschen tauchen in Degens Büchern gar nicht erst auf, ein eichendörffisches Hohelied über die Arbeitslosigkeit schon: Weiterlesen…

Was war!

Blow-Up im Ruhgebiet

Im vorigen Blog sind wir mit der kapitalistischen Trümmer-Literatur Max von der Grüns tief in die depressiven Restaurationsjahre abgetaucht. Doch die Gruppe 61 bestand nicht nur aus leidgeprüften älteren Männern in grauen Anzügen. Ab Mitte der sechziger Jahre traf man auf den Gruppentreffen vermehrt auf junge zornige Protagonisten mit langen Haaren, im Gammler-Look. Trotz aller habituellen Differenzen erkannten linke Weltverbesserer wie Peter Paul Zahl, F.C. Delius und Wolfgang Körner in der Gruppe 61 einen ernstzunehmenden Ort literarischer Protestkultur in der Bundesrepublik. Sie wurden warmherzig aufgenommen – von generationellen und einem kulturellen Clash gibt‘s in der Frühphase nicht viel zu berichten. Die neuen Autoren sorgten für literarisches Tauwetter. Roher Realismus hier, bunter Pop, Montage und Doku-Fiction dort koexistierten nun in den Gruppenanthologien friedlich nebeneinander. Die Klammer lautete Engagement und Protest.
Ihr grellstes Literatur-Erzeugnis verdankt die Gruppe 61 dem Dortmunder Schriftsteller Wolfgang Körner. Weiterlesen…

Bücher, Was war!

„Irrlicht und Feuer“

In der Gattung der Schwarz-Weiß-Literatur, soviel ist sicher, hätte sich Max von der Grün ebenso wie als Arbeiterschriftsteller einen Klassikerstatus redlich verdient. Seine Bücher wirken, als sei die Farbschriftstellerei erst lange nach ihnen erfunden worden. Aber ähnlich wie die Meister des Schwarz-Weiß-Films wusste er gekonnt mit der Farbreduktion umzugehen und entdeckte sie als Stilmittel für seine hyperrealistische und protestlerische Arbeiterliteratur. In seinem Roman „Irrlicht und Feuer“ von 1962, der jüngst in einer verdienstvollen neuen Max von der Grün-Werkausgabe des Pendragon-Verlags erschienen ist, kommt von der Grün ganz ohne Farben aus. Virtuos bespielt er hingegen die Klaviatur der Grautöne und entwirft eine desillusionierende Innenansicht der industriellen Arbeitswelt der frühen sechziger Jahre. Die konsequent schmutzige Grauzeichnung der Gesichter, des Himmel, der Siedlungen, Fabrikhallen und Bäume, die Anknüpfung an einen kompromisslosen Realismus mit Mut zur Hässlichkeit war ein literarisches Störfeuer; sein illusionslos-verloren wirkender Held Fohrmann ein Wiedergänger des Borchert‘schen Beckmanns in Wirtschaftswunderzeiten. Weiterlesen…