Was war!

Ten Years After: Nottbeck feiert Geburtstag

Das Literatur auch outdoor geht, ist nun ein für allemal bewiesen. Beim zehnjährigen Jubiläum des Nottbecker Literaturmuseums hielten 30 westfälische Autoren und Künstler das alte Rittergut besetzt. In die weitläufige Gartenanlage waren Zelte und Bühnen gepflanzt. Wie indianische Wigwams ragten weiße Lesepavillons überall inmitten der Bäume und Rasenflächen auf. Eine sanftmütig-literarzistische Kolonialisation hatte stattgefunden. Von oben muss die Kulisse mal wie ein Lady Chatterly-, mal wie ein Winnetou-Set gewirkt haben. Die Dichter hatten es sich in ihren Pavillons bequem gemacht. Manche hatten Verstärkung und Equipment im Gepäck: Der Slammer Andreas Weber den DJ seines Vertrauens, der Dortmunder Beat-Poet Jürgen Wiersch seinen Sohn, den Bluesmusiker Rocco, Ralf Thenior den Cellisten und Soundtüftler Ralf Werner, der am Laptop balkanische Flusslandschaften im Nottbecker Park entstehen ließ.

Über zwanzig Dichter, Performer, Avantgardisten und Slam-Poeten waren am Start. Man las mal parallel, mal zeitversetzt, mal im Apfelgarten, mal an der Gräfte, in einer Gartenlounge, im Museum. Ein Programmheft sorgte für den notwendigen Überblick. Ein bisschen Pfandfindertum und Entdeckergeist schadete aber auch nicht. Mal wehte der Jazz von der Jan Klare-Band ums Haus, mal die Lyrik Christoph Wenzels. Die Besucher flanierten in lockeren Grüppchen von Ort zu Ort, eifrig in Gespräche vertieft und gruppierten sich um die Dichter, die sich – um im Bild zu bleiben – wie indianische Zeremonienmeister in ihren Wigwams die Ehre gaben.

Eingeläutet wurde das Festival von Erwin Grosche, dem Paderborner Kleinkünstler mit chaplinesken Äußerem. Mit seiner „Flamingo“-Band unterhielt er nicht nur die Kids, sondern auch deren erwachsenen Anhang mit munteren Sprachspielen, poetisch-verschrobenen Liedern und rockigen Riffs auf der E-Gitarre. Das Hauptprogramm wurde von Ulrich Straeter, dem Essener Reiseschriftsteller, eröffnet. Seiner Profession gemäß stach er mit einem Ruderboot in See. Gedichte deklamierend erkundete er auf „Hannelore I“ die ritterliche Gräfte. Sein nautischer Aufbruch erschloss zwar geografisch keine neuen Welten, dafür aber ästhetische, zeigte er doch, dass Lyrik und Bootfahren bestens zusammengehen. Ein paar Meter weiter führten die Dortmunder Ralf Thenior und Ralf Werner ein hörenswertes literarisches Reisefeature auf: vertont wird eine Schiffsreise in ein bulgarisches Flussdelta. Schilderungen der postsozialistischen Sommerlandschaft Bulgariens unterlegt mit den Klangfarben und fremden Stimmen der Orte, zwischendrin Cello und elektronische Sounds. Man bekam Fernweh.

Dieses verflog aber schnell, wenn man das Kulturgut weiter erkundete: denn ganz so outdoor war es dann doch nicht: für ein bisschen Urbanität und Coolness sorgte das Spec-Ops Team, ein Münsteraner Kultur-Kollektiv. Sie verwandelten den Bereich vor dem alten Gartenhaus in eine Literaturlounge. Eine ganze LKW-Ladung an wackligen Tischchen und Sperrmüllsofas hatten sie zwischen knorrigen Pflaumenbäumen abgeworfen und eine Bar und eine schiefe Tischtennisplatte aufgestellt. Ein verwunschener Abhängort mit Boheme-Chic, Cocktails und gedimmter Musik. Den LKW hatte man gleich stehen gelassen, dessen Hebe- zur Lesebühne umfunktioniert. Ein roter, einsam wirkender Plastikstuhl stand darauf.

Nacheinander fuhren Christoph Wenzel, Markus Berges, S.J. Schmidt und Marc Degens in ihre Leseposition, quietschend über die Köpfe des sofaseligen Publikums, auf. Für Wenzels Lyrik ein idealer Ort. Seine bildreichen Ausflüge in die Erinnerungswelten der 80er Jahre ließ die Seele noch wohliger baumeln. Anschließend las S.J. Schmidt, der ob der Hebebühnenfahrt zuerst ein wenig skeptisch dreinschaute, seine poetischen Miniaturen dann umso eindrücklicher vortrug.
Und dann war da noch das Wetter. Angesichts der düsteren Aussichten wurde es als Gesprächsthema ausgiebig zelebriert, Wolkenformationen interpretiert, Windrichtungen und Regenwahrscheinlichkeiten diskutiert. Der anwesende Regengott hatte aber ein Einsehen mit der Literatur: einzig der Autor Marc Degens suchte – siehe Bild – unter einem Regenschirm Schutz. Er tat dies aber mit beeindruckender, an englishness erinnernder Stilsicherheit und stellte auf der Lesebühne sein unterhaltsames neues Ruhrgebietsepos „Das kaputte Knie Gottes“ vor. Erst später am Abend, als „Kommando Elektrolyrik“ und „Erdmöbel“ die Literaten ablösten und die große Bühne rockten, ergoss sich ein Landregen über die tanzenden Köpfe. Westfälischer als ein Feuerwerk allemal.

Stef Stadthaus

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