– kann es eine plausiblere Antwort auf die unheilschwangere Frage geben: „Und du, was willst du mal später mal machen?“
„Irgendwas mit Kunst!“ – das hätten auch die beiden Hauptprotagonisten aus Marc Degens Roman „Das kaputte Knie Gottes“ auf die Frage aller Fragen geantwortet. Beide sind Studenten an der Bochumer Ruhr-Uni (die offensichtlich ein gutes Pflaster für Literatur ist, siehe auch die Romane Oliver Uschmanns), beide schlagen sich irgendwie durchs Leben, lassen sich treiben, sind hin- und hergerissen zwischen Wünschen und Wollen. Das Studium wird eher halbherzig durchgezogen, man verbummelt seine Zeit mit Partys, Drogen, Frauengeschichten, tausenderlei anderen, teilweise obskuren Alltagsvergnügungen. Und irgendwie klappt es ja doch, irgendwie bekommt man, wie auch immer, das nötige Kleingeld fürs Überleben zusammen – und sei es als Kartenabreißer in einem Porno-Kino.
Der eine, der Ich-Erzähler, bringt das gemäßigte Temperament in die Jung-Männerfreundschaft ein. Ein Möchtegern-Literat, der mit seinem Roman nicht zurande kommt und später ganz in die bürgerliche Laufbahn einschwenkt – als Lehrer mit Frau, Kind und geräumiger Altbauwohnung. Ein ehemals fluffiger Szenetyp und Sunnyboy, der aber doch, auch in turbulenten Zeiten, den Boden unter den Füßen nicht verliert.
Ganz anders sein Antipode Dennis. Er ist aus anderem Holz geschnitzt. Aus Beton nämlich. Aus dem modelliert er überdimensionale Plastiken, mit denen niemand etwas anfangen kann, nicht mal der angehende Künstler selbst. Was aber seinem Streben keinen Abbruch tut. Er ist wild entschlossen, sein Leben der Kunst zu opfern, auch wenn er dabei vor die Hunde geht, was denn auch tatsächlich beinahe passiert. Was er sich in den Kopf gesetzt hat, zieht er durch, ohne Wenn und Aber.
Und am Schluss steht er als Sieger da – in materieller Hinsicht zumindest. Er steigt zum gefeierten internationalen Künstler auf, versteht es, die abgedrehte Kunst-Schickeria für sich einzunehmen und ist auch auf Partys der angesagte Star. Innerlich ist er jedoch ausgebrannt und trauert den „alten Zeiten“ nach.
Eine Parabel? Und auf was? Einige mögliche Antworten: Jeder ist seines Glückes Schmied (55 %), Kunst ist doch nur falscher Schein (72%), früher war eh alles besser (82%), irgendwann findet (fast) jeder ins warme Nest der Bürgerlichkeit (66 %), hier stellt sich die „Generation Praktikum“ selbst aus (69%), in der Berliner Boheme ist auch nicht alles Gold, was glänzt (90 %). Wichtiger als alle Statistik ist jedoch etwas anderes: Degens erzählt einfach eine schöne, skurrile Geschichte, die im vorderen Teil reichlich Spielraum für Slapstick-Einlagen bieten. Und die sitzen, sind teilweise urkomisch. Hier erweist sich Degens als Meister der Situationskomik, der auch der unglücklichen Liebesgeschichte zwischen Dennis und Lily (die später, nach Uni- und Job- Karussell, zur Züricher Business-Dame mutiert) noch tragikomische Seiten abgewinnt. Degens erzählt leicht und souverän, was keine kleine Kunst ist, heißt es doch zurecht an einer Stelle des Romans: „Das Komische ist immer das Schwerste.“
Nicht zu vergessen ist Degens Loblied auf das Ruhrgebiet, seine schrägen Typen und die „Currywurst um die Ecke“. Hätte die Geschichte auch anderswo spielen können? Wohl kaum.
Marc Degens: Das kaputte Knie Gottes, Knaus, 2011.
Walter Gödden



Hinterlassen Sie einen Kommentar oder setzen Sie einen Trackback.
Kommentare abonnieren.
Bitte fair bleiben. Wir behalten uns vor, gegebenenfalls Kommentare zu löschen.
Sie können diese Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>