Was war!

Blow-Up im Ruhgebiet

Im vorigen Blog sind wir mit der kapitalistischen Trümmer-Literatur Max von der Grüns tief in die depressiven Restaurationsjahre abgetaucht. Doch die Gruppe 61 bestand nicht nur aus leidgeprüften älteren Männern in grauen Anzügen. Ab Mitte der sechziger Jahre traf man auf den Gruppentreffen vermehrt auf junge zornige Protagonisten mit langen Haaren, im Gammler-Look. Trotz aller habituellen Differenzen erkannten linke Weltverbesserer wie Peter Paul Zahl, F.C. Delius und Wolfgang Körner in der Gruppe 61 einen ernstzunehmenden Ort literarischer Protestkultur in der Bundesrepublik. Sie wurden warmherzig aufgenommen – von generationellen und einem kulturellen Clash gibt‘s in der Frühphase nicht viel zu berichten. Die neuen Autoren sorgten für literarisches Tauwetter. Roher Realismus hier, bunter Pop, Montage und Doku-Fiction dort koexistierten nun in den Gruppenanthologien friedlich nebeneinander. Die Klammer lautete Engagement und Protest.
Ihr grellstes Literatur-Erzeugnis verdankt die Gruppe 61 dem Dortmunder Schriftsteller Wolfgang Körner.
In dem Roman Nowack (1967) verschmilzen visionäre Einsichten in die Veränderungen der Arbeitswelt mit jetzig-gegenkultureller Schreibweise. Das Romanpersonal befindet sich in einer Industrielandschaft auf dem Weg der „Versteppung“ und verkörpert einen neuen, der Lohnarbeit enthobenen Typus. Aus heutiger Sicht ist Nowack ein Pionier jener prekären Creative Class, die vierzig Jahre nach Erscheinen des Romans zum Leitbild eines sich neu erfindenden Ruhrgebiets auserkoren wurde. Körner hatte aber nicht Affirmatives im Sinn: Nowacks Roadtrip durch das Revier, eingefangen in phantastisch-realistischen Bildern zeigt den Kapitalismus im Stadium der Krise. Er thematisiert den industriegeschichtlichen Entwurf einer Arbeitsgesellschaft, in der die Arbeit mehr und mehr verschwindet. Antizipiert wird der moderne „flexible“ Charakter; für Träumereien ist allerdings kein Platz: die Boheme scheitert, der moderne Kapitalismus siegt. Erstaunlich ist, dass Körners Roman sich deutscher Betroffenheits-und Empörungsprosa verweigert. Konsequent verfolgt er einen Stil der Oberflächenästhetik und bedient sich aus dem Fundus angelsächsischer Trivialmythen und Erzähltechniken. Entstanden ist eine kapitalismuskritische Groteske, die ganz ohne Moral, Psychologie, Empörung und Idealismus auskommt. Das macht Nowack auch im Kontext der deutschen Pop-Literatur zu einem ungewöhnlichen Buch. Eine kongeniale Verfilmung des Stoffs wäre Christoph Schlingensief zuzutrauen gewesen.
Steffen Stadthaus

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