Bücher, Was war!

„Irrlicht und Feuer“

In der Gattung der Schwarz-Weiß-Literatur, soviel ist sicher, hätte sich Max von der Grün ebenso wie als Arbeiterschriftsteller einen Klassikerstatus redlich verdient. Seine Bücher wirken, als sei die Farbschriftstellerei erst lange nach ihnen erfunden worden. Aber ähnlich wie die Meister des Schwarz-Weiß-Films wusste er gekonnt mit der Farbreduktion umzugehen und entdeckte sie als Stilmittel für seine hyperrealistische und protestlerische Arbeiterliteratur. In seinem Roman „Irrlicht und Feuer“ von 1962, der jüngst in einer verdienstvollen neuen Max von der Grün-Werkausgabe des Pendragon-Verlags erschienen ist, kommt von der Grün ganz ohne Farben aus. Virtuos bespielt er hingegen die Klaviatur der Grautöne und entwirft eine desillusionierende Innenansicht der industriellen Arbeitswelt der frühen sechziger Jahre. Die konsequent schmutzige Grauzeichnung der Gesichter, des Himmel, der Siedlungen, Fabrikhallen und Bäume, die Anknüpfung an einen kompromisslosen Realismus mit Mut zur Hässlichkeit war ein literarisches Störfeuer; sein illusionslos-verloren wirkender Held Fohrmann ein Wiedergänger des Borchert‘schen Beckmanns in Wirtschaftswunderzeiten.

Es nimmt kein Wunder, dass dieses desillusionierende Buch über die modernen Arbeitswelten in den frühen sechziger Jahren erschienen ist. Die ersten Risse des Wirtschaftswunders wurden sichtbar. Die Krise der Montanindustrie nahm ihren Lauf und die Protestkulturen und Wandlungsprozesse der siebziger ließen sich noch nicht erahnen. In Dortmund gründete Fritz Hüser die Dortmunder Gruppe 61, einen Zusammenschluss schreibender Arbeiter, und entdeckte Max von der Grün, einen Ruhrkumpel mit schriftstellerischen Ambitionen. Von der Grün war talentiert und – geschult an trivialer, plot-orientierter Unterhaltungsliteratur – sehr pragmatisch im Hinblick auf Formfragen. Er war sich im Klaren darüber, dass er der erzählerischen Opulenz eines Grass nicht das Wasser reichen konnte, sein Thema dies aber auch gar nicht verlangte. Von der Grün orientierte sich deswegen an der Kahlschlagliteratur der Nachkriegsjahre und ihrer knappen, pathoslosen Diktion und short-storyhaften Erzählökonomie. Seine Sprache ist nüchtern, manchmal wirkt sie unbeholfen, auch trivial, man merkt ihr an, dass sie dem eigenen harten Arbeitsalltag abgerungen worden ist. Dem Spannungsbogen und den düsteren Milieuschilderungen tut dies aber keinen Abbruch, im Gegenteil: es verbürgt ihre Authentizität. Von den Trümmer-Autoren beeinflusst, teilte er mit ihnen auch die existentialistische Haltung. Für von der Grün dauerte der von ihnen geschilderte Betrug, die Verlorenheit und der Überlebenskampf des Einzelnen noch an. „Was soll es, die Zeit der Blutzölle hat nie aufgehört, sie ging 1945 nicht zuende“, ruft er uns zu. Sein Held Fohrmann ist ein verloren wirkender Einzelkämpfer, der kopflos durch die als verlogen erkannte Zeit des Wirtschaftswunders und der Sozialpartnerschaften taumelt, der Verlust des Glaubens an die Arbeiterbewegung ist evident.

Im ersten Teil des Romans, der im Bergbau spielt, ist die Welt für Fohrmann anfangs noch in Ordnung. Doch der kameradschaftlich-ehrliche Gemeinschaftsethos der Kumpels, der nicht zufällig der idealisierten Haltung der Frontgemeinschaften in der Trümmerliteratur ähnelt, wird durch Kohlekrise und Konsumgesellschaft erschüttert. Rationalisierungsbestrebungen und technische Innovationen wie der Kohlehobel führen zu einer eklatanten Häufung von schweren Arbeitsunfällen – von den Bergwerksdirektoren zynisch als Kollateralschäden miteinkalkuliert. Schließlich wird die Zeche ganz geschlossen. Als ungelernter Arbeiter sieht sich Fohrmann nun gezwungen, seine Ware „Arbeitskraft“ auf dem Markt feilzubieten. Er verdingt sich in mittleren Industriebetrieben und emanzipiert sich zwischenzeitlich vom Blaumann zum „Weißkittel“, aber eigentlich möchte Fohrmann aus der tristen Welt der Lohnarbeit ganz ausbrechen. Er weiß nur nicht wie, zermartert sich das Hirn, „war sich klargeworden, daß sein Leben nicht so weiterlaufen konnte“. Spontan begehrt er gegen die entfremdeten und ausbeuterischen Verhältnisse auf, bepöbelt seine Vorgesetzten, beleidigt seine konformistischen Kollegen, die ihre Klassensolidarität den Fallstricken Ratenzahlung opfern. Ihren grauen Alltag mit ein paar Konsumgütern aufhübschen. Ihm gelingt es aber nicht, seine Kritik an den Verhältnissen, an Entfremdung und Scheinhaftigkeit der Konsumgesellschaft auf Betriebsratsversammlungen überzeugend zu artikulieren. „Wieder wollte ich reden, kam aber nicht dazu, ich hatte meine Kameraden beleidigt, hatte ihnen meine Wahrheit gesagt, die nicht ihre Wahrheit war. Und Wahrheit ist strafbar, wenn sie in die verrunzelte Blase der Trägheit und Bequemlichkeit stößt.“ Dienstverweise und – viel schlimmer – Spott seiner Kameraden sind die Folge. Selbst seine Ehefrau, die im Unterschied zu Fohrmann, dem Konsumversprechen und seinen Träumen aufsitzt, wendet sich von ihm ab.

Fohrmann fühlt sich zunehmend ohnmächtiger und ertränkt seinen Frust und Lebensüberdruss in heftigen Saufgelagen und stolpert, wie Beckmann, durch die Straßen des Reviers. In diesen Szenen wird die existentialistische Perspektive des Romans deutlich: von der Grün hatte die glorreichen Zeiten der Arbeiterbewegung bei Abfassung des Romans schon verabschiedet. Fohrmann sieht zwar ziemlich klar – Entfremdung und Ausbeutung bleiben die Grunderfahrungen des Lohnarbeiters –, aber die Solidarität der Arbeiterschaft scheint unwiderruflich zerbröckelt. Der letzte Überlebende einer solidarischen Arbeiterkultur ist sein Freund Karl. Er war im Nationalsozialismus Hitlergegner und wurde von der Gestapo gefoltert. Karl ist ein gebrochener Mensch, seit Kriegsende verstummt, und mit den Jahren zu einem geistig umnachteten Pflegefall geworden, den Nächstens die dunklen Schatten der NS-Zeit verfolgen. Von der Grün gelingt in der Figur des Karl eine subtile Verkörperung der Geschichte der Arbeiterbewegung, die ihre mutigsten und besten Köpfe im Nationalsozialismus verloren hatte und dadurch in der restaurativen Wiederaufbauphase mehr schwächlicher Patient als ernst zu nehmender Gegner einer Wohlstandsgesellschaft war. In bewegenden Momenten sucht Fohrmann in seiner einsamen Verzweiflung beim verwirrten Karl Antworten auf seine Daseinsfragen. Am Ende bleibt nur noch resignativer Gleichmut. Fohrmann gelingt es nicht, eine eigene individuelle emanzipative Perspektive zu entwickeln, einen Ausstieg aus der Arbeitsgesellschaft zu wagen. Zu verwurzelt ist er im Milieu der Arbeiterklasse, zu entfremdet ist er durch die Monotonie der Akkordarbeit. Ihr Arbeitsgang formt als „Raaaa-itsch raaaa-itsch raaa-itsch“ fortan Fohrmanns ganzes Erleben. „Jeden Tag die dasselbe, dieselbe Hand- und Armbewegung, dasselbe Geräusch im Saal, eintönig, Hände und Arme trennten sich vom Körper, der Kopf führt sein eigenes Leben, das mit dem Leben im Saal nichts zu tun hat. Hier ist der Mensch kein Ganzes mehr:“ Als Einzelnem bleibt Fohrmann nur noch die Hoffnung auf privates Glück. „Ich habe Sorge um das Einerlei meines Lebens und Sehnsucht nach einem Kind.“

„Irrlicht und Feuer“ ist eine bedrückende Zeitreise in die Schwarz-Weiß-Welt der Nachkriegszeit. Ein literarischer Stachel im Biedermeier der Aufbaujahre und radikaler Widerpart zur kitschigen Heimatromantik in Film und Fernsehen. Von der Grün beleuchtet die dunklen Seiten des gefeierten Konsenskapitalismus und brach damit in den frühen sechziger Jahren zahlreiche Tabus, für die er persönlich mit arbeitsrechtlichen Konsequenzen und einem Ausschluss aus der Gewerkschaft bezahlte. Angesichts eines affirmativen Paradigmenwechsels in der Historisierung der Nachkriegszeit, ist dieses Buch eine heilsame Lektüre. Aktuell ist dies in Zeiten der Prekarisierung der Arbeitswelt sowieso. Neben seiner zeithistorischen Bedeutung ist „Irrlicht im Feuer“ aber auch ein kompromissloser schmutziger Heimatroman, dessen spannungsvoller Realismus und existentialistischer Nihilismus den Klassikern der Trümmerliteratur in nichts nachsteht.

Steffen Stadthaus

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