Was war!

Erforschung das Alltags

„Ich schreibe, weil ich wissen will, wie die Welt um mich herum aussieht.“
Ralf Thenior – Lyriker und Schriftsteller

„Ich verstehe mein Schreiben als Erforschung des Alltags, als Erforschung meiner Umgebung und der Welt, in der ich lebe. Und die einfachen Dinge, die sind natürlich nicht so einfach, wie sie aussehen.“

„Ich möchte nicht lügen, ich möchte ja wissen, wie die Welt beschaffen ist. Und die Welt ist nicht nur Honig und Milch, sondern die Welt ist auch bitter und hart. Und das zu sagen, ist mir ganz wichtig und das auch darzustellen, ist mir wichtig.“

„Ich habe mich in meiner Prosa eigentlich immer auch der Alltagssprache bedient und das ist ja eine schmutzige Sprache, die sehr angegriffen und abgegriffen, auch viel benutzt ist. Aus dieser viel benutzten Sprache wieder neue Funken zu schlagen, das ist mir ein Anliegen.“

Ralf Thenior, 1945 in Bad Kudowa (Schlesien) geboren, aufgewachsen in Hamburg. Heute lebt und arbeitet er in Dortmund. Nach Lehre und Ausbildung studierte er Germanistik und Soziologie, unternahm zahlreiche ausgedehnte Reisen. Er schreibt Gedichte, Erzählungen, Romane, Reiseberichte, Essays sowie Kinder- und Jugendbücher. Neben Schreibwerkstätten gibt es zudem mehrere Projekte mit dem Musiker und Komponisten Ralf Werner.

Museum, Was läuft?

1914: text und krieg

2014 jährt sich der Ausbruch des Ersten Weltkrieges zum hundertsten Mal. Dazu erscheinen etliche Bücher, Fernseh- und Radiosendungen, Zeitungsartikel etc. Im Zuge dieser Informationsflut ist es schwierig, neue, ungewohnte Perspektiven auf den Ersten Weltkrieg zu bieten. Walter Gödden, Sie verfolgen diesen Anspruch im Museum für Westfälische Literatur mit der Ausstellung „1914: text und krieg krieg und text“. Wie genau wollen Sie ihn erfüllen?

Bei der genannten Ausstellung stehen ganz zentral die literarischen Texte im Mittelpunkt also weniger das Kriegsgeschehen und das Biografische. Wir haben uns gefragt, wie man die damalige Literatur mit heutigen Mitteln adäquat inszenieren kann, d.h. in Form von Videos, Fotografie, Sound, bis hin zum Thema Tanz und Skulptur. Das war Teil eines Uni-Seminars mit Studierenden der Germanistik und der Medienwissenschaft.

Es war sehr erfreulich zu beobachten, wie sich die Studierenden auf das Thema einließen, wie sie Feuer fingen. Sie fanden auf eine ganz andere Weise einen Zugang zu den Texten als bei einem üblichen Uni-Seminar. Das Experiment hat also funktioniert.

Thomas Strauch, Carsten Engelke und ich als Seminarleiter haben den Studierenden einen Reader mit Lyrik und Prosa aus der Zeit des Ersten Weltkriegs an die Hand gegeben und ihnen dann alle Freiheiten gelassen, etwas aus den Texten zu machen. Das ging bis zu einer Rap-ähnlichen Fassung eines Paul-Zech-Gedichts.

Ein zweiter Teil der Ausstellung wurde von dem Bühnenbildner und Künstler Jeremias Vondrlik gestaltet. Er hat die Räume des Museums mit Nato-Zeltstoff ausgestaltet und bestimmte Licht- und Soundinstallationen geschaffen.

Er hat so eine klaustrophobische Atmosphäre kreiert. Das lohnt es sich unbedingt anzusehen. In die Zeltplanen hat Vondrlik Taschen eingenäht, in denen man Texte der behandelten Autoren finden kann. Der Besucher wird also interaktiv einbezogen.

(Interview mit Walter Gödden – WDR 3, Zeitgeschehen)

Was war!

Hymnus an die Dummheit

Hymnus an die Dummheit

Dummheit, erhabene Göttin,
Linde Patronin gemütlicher Dutzendhirne,
Die du, ein sumpfsinnig blödes Lächeln
Auf breitem, nichtssagendem Antlitz
Königlich thronest,
Sieh herab mit dem dümmsten Lächeln
Auf deine treuen, dir nach
Dummenden Kinder,
Verjag’ aus dem Land die Dichter und Denker
Und alle die Künstler,
Die schnöden Verächter
Biederen Philisteriums!
Vernichte die Bücher,
Rechenknecht und Kochbuch verschonend,
Und wir bringen ein Eselchen dir,
Dein Lieblingstier,
Dein sanftes, graues, ohrenlanges Lieblingstier,
Eine goldene Krippe dafür
Und ein purpurnes Laken voll Disteln.

Peter Hille

in: Das Narrenschiff. Blätter für fröhliche Kunst 1 (Berlin 1898)

Was war!

S.J. Schmidt – lebens listen

Für alle, die nicht zur ersten Ausstellung im renovierten Gartenhaus kommen konnten…

lebens listen beschäftigt sich mit der Frage, wie man aus dem Leben herauskommen, ihm gleichsam aus dem Wege gehen könnte, jedoch nicht durch Tod oder Exil, sondern mit Blick auf das Leben, aber eben in einer anderen Gestalt. Seine Überlegungen hielt S.J. Schmidt in gleichsam poetischen sowie streng konzeptionellen Texten fest. Der Maler und Zeichner Andreas Grunert hat diesen Schriften jeweils Zeichnungen beigesellt, die Geist, Stimmungen und Gefühle sprechend in grafische Bilder transformieren. Unaufdringlich leise regen sie zur Selbstreflexion an.

das leiden anderer betrachten
die metaphernmaschine
irgendwann unnötig abzusterben
der streik der ereignisse
ein spiegel mit gedächtnis
der tote blick
wer spricht so
die welt als sortiment
„Reell ist, was an seiner Stelle klebt.“
der widerstand der objekte
nichts als
ausscheidungen des empfindungsvermögens
wozu hat der mensch zwei augen?
how these shadows last
erinnerung, sprich!

Siegfried J. Schmidt wurde 1940 in Jülich geboren und ist nicht nur als Professor für Kommunikations- und Literaturwissenschaft bekannt. Er ist zugleich einer der bedeutenden Vertreter der neuen konzeptionellen Poesie. „Er führt das erfolgreichste Doppelleben, das ich je gesehen habe“, schreibt der Philosoph Ernst von Glasersfeld.

Andreas Grunert erhielt zahlreiche Künstlerstipendien und Preise. Seine Malerei und Grafikarbeiten waren weltweit in zahlreichen Ausstellungen – unter anderem in Wien, München, New York, Florenz, Brüssel und Berlin – zu sehen.

Was war!

Die Droste. Der Esel.

                  Das Eselein

Auf einem Wiesengrund ging einmal
Ein muntres Rößlein weiden,
Ein Schimmelchen war’s, doch etwas fahl,
Sein Äußeres nenn’ ich bescheiden,
Das schlechtste und auch das beste nicht,
Wir wollen nicht drüber zanken,
Doch hatt’ es ein klares Augenlicht
Und starke geschmeidige Flanken.

Im selbem Grunde schritt oft und viel
Ein edler Jüngling spazieren,
Hinter jedem Ohre ein Federkiel,
Das tät ihn wunderbar zieren!
Am Rücken ein Gänseflügelpaar,
Die täten rauschen und wedeln,
Und wißt, seine göttliche Gabe war,
Die schlechte Natur zu veredeln.

Den Tropfen, der seiner Stirne entrann,
Den soll wie Perle man fassen,
Ach, ohne ihn hätte die Sonne man
So simpelhin scheinen lassen,
Und ohne ihn wäre der Wiesengrund
Ein nüchterner Anger geblieben,
Ein Quellchen blank, ein Hügelchen rund,
Und eine Handvoll Maßlieben!

Er aber fing im Spiegel den Strahl,
Und ließ ihn zucken wie Flammen,
Die ruppigen Gräser strich er zumal
Und flocht sie sauber zusammen,
An Steinen schleppt’ er sich krank und matt,
Für ein Ruinchen am Hügel,
Dem Hasen kämmt’ er die Wolle glatt
Und frisiert’ den Mücken die Flügel.

So hat er mit saurem Schweiß und Müh’
Das ganz Gemeine verbessert,
Und klareres Wasser fand man nie,
Als wo er schaufelt’ und wässert’,
Und wie’s nun aller Edlen Manier,
Sich mild und nobel zu zeigen,
So, sei’s Gestein, Mensch, oder Tier,
Er gab ihm von seinem Eigen.
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Was war!

Ich bin Humordienstleister

„Ich kann reden, ohne das Gehirn einzuschalten.“
Johann König – Komiker und Bühnendarsteller

„Es gibt ja immer Kompromisse und die Leute lachen über die „Unter-der-Gürtellinie“-Sachen am meisten, was ich oft nicht verstehe, und dann lasse ich ein paar davon drin. Aber beim Schreiben spielt das Publikum keine Rolle. Beim Schreiben bin ich bei mir und ich frage mich: Finde ich das gut? Finde ich das lustig? Finde ich das unterhaltsam, komisch, besonders? Ich muss es gut finden und dann probiere ich es aus. Und wenn die Leute es gut finden, dann ist’s super, und wenn nicht, dann baue ich auch schon mal einen Witz ein.“

„Durch die Bühnenfigur entsteht eine Distanz, zu mir selber und zum Publikum. Die Distanz entsteht natürlich auch noch durch die Bühne, durch die Höhe der Bühne und durch den Eintrittspreis, dadurch, dass die Leute Geld bezahlt haben. Das macht alles die Distanz aus. Diese Faktoren führen insgesamt dazu, dass auch die Zuschauer mit einer Erwartungshaltung dahingehen: Das ist jetzt ein Künstler und das ist keine Privatperson.“

„Heinz Erhardt ist mein einziges großes Vorbild. Nachdem ich ein paar Mal auf der Bühne war, wurde mir eine Heinz Erhardt-Platte geschenkt. Ich kannte den vorher gar nicht, also nicht so richtig mit einer Schallplatte. Dann habe ich mir die angehört und habe gemerkt, dass Heinz Erhardt mich in den 50er Jahren schon kopiert hat. Das fand ich frech. Weil er macht vieles, was ich auch mache: sich selber unterbrechen, die Gedichte unterbrechen, das Publikum ermahnen.“

„Dieses Gequassel, auch in der Humorbranche, regt bei mir immer den gegenteiligen Reflex an, nämlich einfach nur zu gucken und einfach nur mal ganz, ganz langsam zu sprechen und einfach nur die Pointe zu suchen im Nichts, in der Nicht-Pointe. Das heißt, ich baue eine Erwartungshaltung auf und alle denken, was kommt denn gleich, was kommt denn gleich – und es kommt Nichts. Und diese Spannung zu spüren, das ist eine schöne Sache.“

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Johann König, 1972 als Johannes Köhn in Soest geboren, ist neben diversen TV-Auftritten auch für seine Bühnenshows bekannt. Der „extrovertierte Autist aus Köln-Nippes“ (Homepage) schreibt auch Fabeln, Gedichte und Erzählungen.

Was war!

nachts die Gegenkultur

Am 18. Oktober 2013 trafen sich Frank Göhre und Walter Gödden auf Haus Nottbeck zu einem Plausch über Gott und die Welt. Vor allem aber über die Literatur. Das Gespräch ist nun in dem Band Frank Göhre. Ein Buch der Freunde im Bielefelder Pendragon-Verlag erschienen. Anlass der Veröffentlichung war Göhres 70. Geburtstag Im Gespräch rekapituliere Göhre seine frühen wilden Jahre im Ruhrgebiet, speziell in Bochum. Göhre war damals einer der jungen Rebellen, die, inspiriert von amerikanischen Vorbildern, neue Formen der Literatur entwickeln wollten – sehr nah an der trostlosen gesellschaftlichen Wirklichkeit, sehr nahe am Underground und stets verbunden mit dem Impetus, der Literatur mit spektakulären öffentlichen Aktionen Gehör zu verschaffen. Göhres Vorbilder waren neben amerikanischen Autoren vor allem Rolf Dieter Brinkmann und Hubert Fichte. Hier ein Auszug aus dem Interview:

Frank, wie fing das an mit deinem Schreiben? Bist du Autodidakt oder hattest du Unterstützung von anderen Autoren oder Gruppen?

 

Mein Schreiben hat sich über intensives Lesen entwickelt. Ich habe von 1962 bis 1964 meine Buchhändlerlehre in Köln gemacht, war im letzten Jahr schwer an Gelbsucht erkrankt und habe sowohl die Klassiker der Moderne Flaubert, Proust, Joyce und Musil, wie auch Hans Henny Jahnn und Arno Schmidt komplett gelesen. Und kurz darauf Rolf Dieter Brinkmanns erste öffentliche Lesung im Studio DuMont miterlebt. Sein Text war für mich dann die Initialzündung. So zu schreiben, so genau übers Alltägliche – das war’s. Die Realität, die Wirklichkeit. Es hat aber doch noch zwei Jahre gebraucht, bis ich meine Texte an literarische Zeitschriften geschickt habe. Reagiert hat ziemlich schnell Horst Bingel, seinerzeit Herausgeber der Streit-Zeit-Schrift. Er hat meine Story Einer weniger (später Weg isser) im Südwestfunk vorgestellt, zusammen mit Texten von Wondratschek u.a. Kurz zuvor hatte ich die Chance, sie in der von Hugo Ernst Käufer gegründeten Literarischen Werkstatt Gelsenkirchen (LWG) vorzulesen. Kam beim Publikum nicht sonderlich gut an, zu banal und so, aber Hugo hat an mich geglaubt und mich weiterhin gefördert. Kontakte zu Autoren und Zeitschriften hergestellt, u.a. zum Westfalenspiegel, der seitdem viele meiner Texte erstveröffentlicht hat.

Du hast, wie du im Nachspann von „Abwärts“ (Neuauflage, Pendragon-Verlag 2009) schreibst, über viele Jahre hinweg mit einer Gruppe Jugendlicher Aktionstexte für die Straße und Hörspiele entwickelt – das hört sich fast nach der Arbeit eines literarischen Streetworkers an…

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Was war!

Ich bin nur der Koch

„Ich schaffe pro Tag ungefähr 25 bis 30 Seiten.“
Helmut Rellergerd – John Sinclair-Autor mit Akkordtempo

„Ich arbeite wie ein kreativer Beamter. Ich bin kein Typ, der abends oder nachts arbeitet und ich möchte immer nachmittags fertig sein, d.h. ich stehe um halb sieben auf, lese dann noch Zeitung, lasse mir ein bisschen Zeit, so dass ich spätestens um acht Uhr an der Maschine sitze. Ja, und dann hacke ich durch bis eins. (…) Dann mache ich oft Leserpost oder schreibe noch drei, vier Seiten und bereite meinen Zettel vor für den nächsten Tag, damit ich weiß, wie ich wieder weiterschreiben soll.“

„Ich bin eigentlich ein faules Schwein, wie man so schön sagt. Aber ich kann nichts anderes und deshalb schreibe ich. Und ich bin auch kein Perfektionist. Ich schreibe meine Seiten weg. Was ich an Fehlern sehe, redigiere ich, aber es bleiben trotzdem noch 2000-3000 Tippfehler drin. Und ansonsten lasse ich das den Redakteur machen, der dann die abgeschriebenen Seiten, die meist fehlerfrei sind, zu redigieren hat. Ich sage: fertig, Ende, weg!“

„Wenn ich ein Heft schreibe, dann denke ich immer an meinen alten Deutschlehrer. Der hat gesagt: einen spannenden Anfang, einen Mittelteil und dann einen tollen Schluss. Und so halt ich das praktisch auch mit meinen Geschichten.“

„Ich schreibe, ich lache, ich fluche, mal macht es mir mehr, mal weniger Spaß, aber das ist meine Welt, die morgendliche Welt oder mittägliche Welt, und dann ist Sense. Dann bin ich der Privatmann und dann geht es am anderen Morgen wieder los. Das ist ein reines Handwerk. Ich sage immer: Ich bin Handwerker oder Märchenerzähler, also nur der Koch. Die anderen können das Menü essen.“

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Helmut Rellergerd, 1945 im Sauerland geboren, aufgewachsen in Dortmund, lebt heute in Bergisch Gladbach. Er veröffentlichte unter verschiedenen Pseudonymen bisher weit über 1.500 (Heft-)Romane und gehört damit im Bereich der Krimi- und Gruselliteratur zu den erfolgreichsten Autoren.

Was war!

Ein Aufklärer aus Passion

Dominique Horwitz lässt bei seiner Lesung die satirische Schärfe
Johann Moritz Schwagers mit neuer Verve aufleben.

Wer war dieser Johann Moritz Schwager? Man muss weit zurückblättern, bis ins tiefe 18. Jahrhundert. Schwager war Theologe, Publizist und Schriftsteller mit jahrzehntelangem Wohnsitz in Jöllenbeck (heute Ortsteil von Bielefeld). Ein genialer Geist und zugleich ein Dickschädel, der keiner Fehde aus dem Weg ging, der mit spitzer Feder schrieb, seine Feinde mit Spott, Hohn und Polemik überzog und auch Romane verfasste.

Zielscheibe seiner Kritik waren Aberglaube, Hexenwahn, pietistische Frömmelei, aber auch Korruption und ignorantes Obrigkeitsdenken. Niemand blieb verschont, weder Bürger noch Bauer und erst recht keine Adligen, an denen er kaum ein gutes Haar ließ. Das von Schwager beschriebene Westfalen des 18. Jahrhunderts gleicht einem einzigen Sumpf an Intrigen, Korruption und Rechtsverdrehung – gestützt durch Gesetze und Winkeladvokaten, die solch desaströse Zustände erst möglich machten.

Glaubt man Schwager, war nichts so, wie es sein sollte, angefangen bei falschen Erziehungsmethoden über Scharlatanerie in der Medizin, rückständige Methoden beim Ackerbau bis hin zum ideenlosen Unterricht. Bei seinem Don Quixotischen Kampf gegen die katastrophalen Zustände vor Ort legte Schwager eine solche Dynamik und Beharrlichkeit an den Tag, dass er wiederholt mit der Obrigkeit und seiner Gemeinde in Konflikt geriet. Was seinen Eifer freilich nicht bremsen konnte. Er hielt unbeirrt an seinem Kurs fest. Weiterlesen…

Was war!

Ein paar Mark verdienen

„Ich kann nur autobiografische Romane schreiben.“
Wolfgang Welt – Schriftsteller und Buddy Holly-Verehrer

Hatten Sie damals Vorbilder?

Nein, hatte ich nicht. Das einzige Vorbild, das ich hatte, war Hermann Lenz, der ja in zehn oder elf Bänden autobiografisch über sich geschrieben hat, über seine Zeit in Stuttgart und dann später in München.

Wie viel stilistische Feinarbeit steckt in Ihren Texten?

Überhaupt keine. Ich überarbeite die Texte nicht. Mein Lektor auch nicht.

Sie werden als Erfinder der Popliteratur gefeiert…

Mich interessiert das nicht, was über mich geschrieben wird. Ich nehme das zur Kenntnis, aber wirklich interessieren tut mich das nicht.

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Wolfgang Welt, geboren 1952 in Bochum. In den achtziger Jahren war er als freier Musikjournalist für verschiedene Zeitschriften (darunter Sounds, Musikexpress, Marabo) tätig. 2012 erschien unter dem Titel „Ich schrieb mich verrückt“ eine umfassende Sammlung seiner Kritiken, Reportagen und Konzertberichte. Sein literarisches Hauptwerk stellt bis dato die autobiografische Trilogie Buddy Holly auf der Wilhelmshöhe dar. Durch eine Empfehlung Peter Handkes erschienen die drei Romane 2006 in einer Taschenbuchausgabe im Suhrkamp Verlag, ebenso der Nachfolgeroman Doris hilft. Wolfgang Welt arbeitet seit über zwanzig Jahren als Nachtpförtner am Schauspielhaus Bochum.

Bücher

der Sprache Leibgericht

Der neue Band der Reihe roterfadenlyrik. Edition Haus Nottbeck hievt sein poetisches Anliegen forsch, selbstbewusst und ungebremst in den Titel: „Wider den Schöngeiz“. Hier meint es einer ernst und möchte die freud- und einfallslose Maschinerie des Gewohnten, des Pragmatischen, aber auch des vermeintlich (leider komödiantisch kalkuliert) Amüsanten nicht länger über sich ergehen lassen. Jürgen Wiersch – Lyriker, Live-Poet und Performance-Künstler – macht sich auf, die überschüssigen Energiereserven der Poesie in Erinnerung zu rufen. Den überbordenden Witz, die Lust an Sprachverästelung, an Akrobatik von Rhythmus und Klang.

Das alle Ressourcen bedenkenlos verbrauchende Spiel von lyrischer Anarchie im besten Sinne steht also im Fokus. Frei nach dem Motto: Bediene dich freimütig aus allen Truhen auf dem Dachboden der poetischen Tradition. Nur: Mach’ es klug, gewitzt, charmant. Lass’ die Sprachbestände in neuer, in ungewohnter Konstellation noch einmal funkeln. Diese Ausschweifungen der Phantasie und Wortfindungsgabe (meine sprachpflege) transportieren die Lust des Textverfassens in der Lektüre – und demontieren zugleich fröhlich im Vorübergehen den einen oder anderen großen Ernst unserer Zeit.

Aus seiner Zuneigung zu bestimmten literarischen Heroen macht Wiersch keinen Hehl: Das fängt, ganz bombastisch (aber glücklicherweise zugleich augenzwinkernd), mit Nietzsche und Hölderlin an – und kehrt immer wieder zu den Avantgardisten, den literarischen Extremisten zurück. Der Himmel der Expressionisten reiht sie alle in einer großen Ahnengalerie auf und verzeichnet sogleich, was Wiersch hieran insbesondere fasziniert: die normsprengende Eigendynamik frischer Wortkomposition: „Dämmerungszermalmt“ (Klabund); „Frackkomet“ (Scheerbart); usw. usf. … Weiterlesen…

Was war!

Die Dinge sichtbar machen

Nicht kommentieren, keine Gefühle ausdrücken, sondern etwas sichtbar machen.
Judith Kuckart – Tänzerin, Choreografin, Regisseurin, Autorin

„Ich stoße nicht auf die Stoffe, sondern es gibt, glaube ich, Geschichten, die sind so frei flottierende Teilchen, die warten eigentlich nur darauf, dass sie jemand erzählt. Und da ich ganz gerne erzähle, kommen die zu mir wahrscheinlich schneller als zu anderen Leuten.“

„Ich habe ziemlich viel Handwerk beim Tanz gelernt, also wie man mit Raum und Zeit umgeht, wie man Figuren auftreten lässt und so schnell wieder abtreten lässt, dass man neugierig auf sie bleibt.“

„Man kann sicherlich an Sätzen arbeiten, bis sie genau die Länge und genau den Rhythmus haben, den man braucht. Arbeit: ja, würde ich zustimmen. Kalkulieren: ich glaube, das geht in die Hose. Ich denke, es ist ganz oft einfach ein Geschenk, dass so ein Satz ein Licht zurückwirft, von dem man gar nicht erwartet hat, dass dieser Satz es haben könnte.“

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Judith Kuckart absolvierte eine Tanzausbildung an der Folkwang-Schule in Essen und studierte Literatur- und Theaterwissenschaft in Köln und Berlin. 1985 gründete sie das TanzTheater Skoronel, mit dem sie insgesamt 17 Stücke aufführte, an denen sie als Autorin, Tänzerin, Choreografin und Regisseurin mitwirkte. Seit Beginn der 1990er Jahre veröffentlicht sie regelmäßig  Romane und Erzählungen – und wurde hierfür vielfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Annette-von-Droste-Hülshoff-Preis (2012).