Am 18. Oktober 2013 trafen sich Frank Göhre und Walter Gödden auf Haus Nottbeck zu einem Plausch über Gott und die Welt. Vor allem aber über die Literatur. Das Gespräch ist nun in dem Band Frank Göhre. Ein Buch der Freunde im Bielefelder Pendragon-Verlag erschienen. Anlass der Veröffentlichung war Göhres 70. Geburtstag Im Gespräch rekapituliere Göhre seine frühen wilden Jahre im Ruhrgebiet, speziell in Bochum. Göhre war damals einer der jungen Rebellen, die, inspiriert von amerikanischen Vorbildern, neue Formen der Literatur entwickeln wollten – sehr nah an der trostlosen gesellschaftlichen Wirklichkeit, sehr nahe am Underground und stets verbunden mit dem Impetus, der Literatur mit spektakulären öffentlichen Aktionen Gehör zu verschaffen. Göhres Vorbilder waren neben amerikanischen Autoren vor allem Rolf Dieter Brinkmann und Hubert Fichte. Hier ein Auszug aus dem Interview:
Frank, wie fing das an mit deinem Schreiben? Bist du Autodidakt oder hattest du Unterstützung von anderen Autoren oder Gruppen?
Mein Schreiben hat sich über intensives Lesen entwickelt. Ich habe von 1962 bis 1964 meine Buchhändlerlehre in Köln gemacht, war im letzten Jahr schwer an Gelbsucht erkrankt und habe sowohl die Klassiker der Moderne Flaubert, Proust, Joyce und Musil, wie auch Hans Henny Jahnn und Arno Schmidt komplett gelesen. Und kurz darauf Rolf Dieter Brinkmanns erste öffentliche Lesung im Studio DuMont miterlebt. Sein Text war für mich dann die Initialzündung. So zu schreiben, so genau übers Alltägliche – das war’s. Die Realität, die Wirklichkeit. Es hat aber doch noch zwei Jahre gebraucht, bis ich meine Texte an literarische Zeitschriften geschickt habe. Reagiert hat ziemlich schnell Horst Bingel, seinerzeit Herausgeber der Streit-Zeit-Schrift. Er hat meine Story Einer weniger (später Weg isser) im Südwestfunk vorgestellt, zusammen mit Texten von Wondratschek u.a. Kurz zuvor hatte ich die Chance, sie in der von Hugo Ernst Käufer gegründeten Literarischen Werkstatt Gelsenkirchen (LWG) vorzulesen. Kam beim Publikum nicht sonderlich gut an, zu banal und so, aber Hugo hat an mich geglaubt und mich weiterhin gefördert. Kontakte zu Autoren und Zeitschriften hergestellt, u.a. zum Westfalenspiegel, der seitdem viele meiner Texte erstveröffentlicht hat.
Du hast, wie du im Nachspann von „Abwärts“ (Neuauflage, Pendragon-Verlag 2009) schreibst, über viele Jahre hinweg mit einer Gruppe Jugendlicher Aktionstexte für die Straße und Hörspiele entwickelt – das hört sich fast nach der Arbeit eines literarischen Streetworkers an…
Also die Aktionstexte, das Straßentheater, war ursprünglich eine Initiative von Rainer Horbelt, Detlef Marwig und mir für die LWG. In dem Jahr (1968) gab es dann aber auch die Essener Songtage. Da traten Frank Zappa, die Fugs aus New York und Floh de Cologne auf: Harter und teilweise schräger Rock zu radikalen Agitationstexten. Und auf dem Gelände agierten und protestierten diverse Lehrlingsgruppen gegen die Ausbeutung der Bosse, des Kapitals. Da war ich voll dabei, obwohl ich als 1. Sortimenter selbst nicht mehr direkt betroffen war. Aber ich hab mich aufgrund meiner früheren Erfahrungen in der Lehre ganz auf deren Seite gesehen, und dass ich dann darüber geschrieben habe, war mehr oder weniger mein Beitrag zum Protest.
Du hast, wie deine Bio-Bibliografie zeigt, nicht literarisch debütiert, sondern 26-jährig mit dem Film „Einer spinnt immer“. Regie führte damals Rainer Horbelt, der, wenn ich das richtig sehe, eine wichtige Kristallisationsfigur war, die für Fernsehen und Rundfunk arbeitete, heute aber weitgehend vergessen ist. Wie kam es zu dem Projekt, worum ging es und wie sah die Zusammenarbeit aus?
Mit Horbelt war ich seit unserer Bekanntschaft in der LWG eng befreundet. Wir hatten die gleiche Haltung und Meinung zu Fragen der Gesellschaft, der Politik und Kultur. Er studierte an der Filmhochschule München und Einer spinnt immer wurde sein Abschlussfilm. Es gab kein richtiges Drehbuch. Ich habe einen Pop-Literaten gespielt, der jungen Mädchen irgendwelche Sprüche auf den nackten Bauch kritzelt und auch noch andere Aktionen auf der Straße – mit schulterlangem Haar und John Lennon-Brille. War witzig und wurde dann auch Teil von Horbelts Film Kunst auf der Kohle
Deine ersten Erzählungen erschienen in dem Band „Costa Brava im Revier“. Er entstand in Zusammenarbeit mit der Literarischen Werkstatt Gelsenkirchen. Ich habe mir diese Werkstatt immer recht bieder vorgestellt. Wenn man den Band liest, ist er aber geradezu ein Manifest der Pop-Literatur. Rolf Dieter Brinkmann lässt grüßen…
Ja, das war Pop, ganz klar, das war auch fröhliche Anarchie! Alles ist Literatur!
Für dich blieb, wie ich deinem Essayband „I and I“ entnehmen kann, Brinkmann ein Vorbild, außerdem nennst du Jörg Fauser und Hubert Fichte – das Popliterarische blieb also immer präsent…
Naja, durch Fichte kam schon einiges mehr dazu: Die Erforschung der eigenen Geschichte. Und durch Fauser, den ich als Junkie kennen gelernt habe, seine tollen Autorenporträts über Ross Thomas, Mickey Spillane, Chester Himes u.a.
Es war damals eine aufregende Zeit?
Von Ende der 60er bis Anfang der 70er war für mich die aufregendste Zeit. Da war ich rund um die Uhr aktiv. Tagsüber als fest angestellter Buchhändler in Köln und dann in Bochum. In der Bochumer Buchhandlung Lesungen mit Hugo Ernst Käufer, Werner Streletz und Ernst Meister organisiert, Ausstellungen und Buchpräsentationen. Im Keller der Buchhandlung Literatur der alternativen Szene ausgestellt und angeboten. Abends entweder Lehrlingsgruppe oder politische Aktionstreffen. Eigene Lesungen im „Club Liberitas“ Bochum, wo ich mit Ralf Hütter (Kraftwerk, damals noch Organisation) auf der kleinen Bühne gestanden habe. Texte zu Elektro-Beat. Und schließlich immer wieder rüber nach Bottrop zu Biby Wintjes und mit ihm und Volker W. Degener den ersten Scene Reader zusammengestellt. Volker war mehr der Solide, Biby und ich die „Ausgeflippten“. Wir haben uns mit AN 1 (Tablettendroge) und Cola-Asbach aufgeputscht, Gras geraucht und die einzelnen Seiten layoutet und getextet. In Bottrop ging ja die gesamte bundesdeutsche Alternativszene ein und aus. Da stapelten sich zig Flugschriften, Zeitschriften und Bücher und Biby machte den Vertrieb. Wir haben bestenfalls ein bis zwei Stunden gepennt, dann musste ich wieder in die Buchhandlung und Biby zu Krupp. Da arbeitete er als Programmierer. Also: Tagsüber die solide Arbeit, abends und nachts die „Gegenkultur“. Am Wochenende geschrieben.



Hinterlassen Sie einen Kommentar oder setzen Sie einen Trackback.
Kommentare abonnieren.
Bitte fair bleiben. Wir behalten uns vor, gegebenenfalls Kommentare zu löschen.
Sie können diese Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>