Der neue Band der Reihe roterfadenlyrik. Edition Haus Nottbeck hievt sein poetisches Anliegen forsch, selbstbewusst und ungebremst in den Titel: „Wider den Schöngeiz“. Hier meint es einer ernst und möchte die freud- und einfallslose Maschinerie des Gewohnten, des Pragmatischen, aber auch des vermeintlich (leider komödiantisch kalkuliert) Amüsanten nicht länger über sich ergehen lassen. Jürgen Wiersch – Lyriker, Live-Poet und Performance-Künstler – macht sich auf, die überschüssigen Energiereserven der Poesie in Erinnerung zu rufen. Den überbordenden Witz, die Lust an Sprachverästelung, an Akrobatik von Rhythmus und Klang.
Das alle Ressourcen bedenkenlos verbrauchende Spiel von lyrischer Anarchie im besten Sinne steht also im Fokus. Frei nach dem Motto: Bediene dich freimütig aus allen Truhen auf dem Dachboden der poetischen Tradition. Nur: Mach’ es klug, gewitzt, charmant. Lass’ die Sprachbestände in neuer, in ungewohnter Konstellation noch einmal funkeln. Diese Ausschweifungen der Phantasie und Wortfindungsgabe (meine sprachpflege) transportieren die Lust des Textverfassens in der Lektüre – und demontieren zugleich fröhlich im Vorübergehen den einen oder anderen großen Ernst unserer Zeit.
Aus seiner Zuneigung zu bestimmten literarischen Heroen macht Wiersch keinen Hehl: Das fängt, ganz bombastisch (aber glücklicherweise zugleich augenzwinkernd), mit Nietzsche und Hölderlin an – und kehrt immer wieder zu den Avantgardisten, den literarischen Extremisten zurück. Der Himmel der Expressionisten reiht sie alle in einer großen Ahnengalerie auf und verzeichnet sogleich, was Wiersch hieran insbesondere fasziniert: die normsprengende Eigendynamik frischer Wortkomposition: „Dämmerungszermalmt“ (Klabund); „Frackkomet“ (Scheerbart); usw. usf. …
Wiersch weiß dieses spitzbübische Vergnügen an doppelten und dreifachen Windungen am Sprachmaterial selbst nur zu gut auszuleben („betüddele die sprichwörtlichkeit“ wird hier zur programmatischen Zeile). Nicht zu kurz kommen natürlich auch die Liebe („wir schlafen symmetrisch / und träumen in verrücktesten parallelen / uns doppelt doppelt“) sowie die Musik; letztere ist in nahezu allen Texten als treibendes, formal vitalisierendes Element anwesend. Und wenn Jürgen Wiersch von sich behauptet, er müsse sich beim Schreiben zunächst einmal „mit meinem Körper austoben auf dem Papier“ – nach Lektüre der Gedichte glaubt man es sofort und vermisst nichts mehr als deren augenblickliche wierschige Bühnenpräsentation.
das klima schadet dem singen nicht
kein richtiges frühjahr
kein richtiger sommer
kein richtiger herbst
kein richtiger winter
kein richtiges jahr
kein richtiges ja
ach ja
ach ja richtig
ach ja richtig gut
kann ein unrichtiges jahr sein
für ein erquickliches
mieselaunelied
Jürgen Wiersch, 1958 in Bochum geboren, ist nach Selbstaussage ein „guter Jahrgang“ und „Markenzeichen für innovative Literatur- und Theater-Projekte“.
Arnold Maxwill
———-
Jürgen Wiersch: Wider den Schöngeiz. roterfadenlyrik. Edition Haus Nottbeck. Oelde/Dortmund: vorsatz verlag 2013. 32 Seiten. 5 Euro (im Museum erhältlich)




Hinterlassen Sie einen Kommentar oder setzen Sie einen Trackback.
Kommentare abonnieren.
Bitte fair bleiben. Wir behalten uns vor, gegebenenfalls Kommentare zu löschen.
Sie können diese Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>