Was war!

Der Weihnachtsmann

Einst schleppte ein Weihnachtsmann so schwer an seinem Sack mit Geschenken, daß er gerechterweise in der Stadt G. eine Pause einlegte. In der Stadt G. aber war zur selben Zeit ein Weihnachtsmarkt aufgebaut. Den sah der Weihnachtsmann und aß eine Bratwurst, aß eine Krakauer, aß eine Brühwurst und trank eine Cola.

Gestärkt ging er einen Schritt weiter, aß drei Reibekuchen und trank ein Bier. Ging zwei Schritte nach links und aß Champignons in Käse. Aß etwas weiter einen Pfannekuchen mit Apfelschnitz, blieb dann vor einer Glühweinbude hängen, trank vier Becher Glühwein und zettelte eine Schlägerei an. Danach aß er noch eine fettige Fischpfanne. Dann schenkte er rasch alle seine Geschenke einem Kind, das eigentlich schon alles hatte. Und dann kotzte er in diesen großen, roten Sack.

Michael Klaus: Auf ein langes Leben! Von Verwandten und Bekannten (1993)

Was war!

Gegenteil von Flüchtigkeit

„Muster, Schablonen, eingefrorene Metaphern und Bilder bewusst aufbrechen“
Christoph Wenzel, Lyriker

„Ich habe mal in einem kleinen Essay den Lyriker mit einem Allergiker verglichen. (…) Irgendetwas, sei es eine Nachrichtenmeldung, sei es ein verquerer Satz in der Zeitung, in dem ein Druckfehler steht, oder eine völlig unscheinbare Kleinigkeit, ist dann so ein Partikel, ein Allergen sozusagen, das eine allergische Reaktion hervorruft, die dann ins Schreiben mündet. Das Schreiben ist dann dabei so eine Art Symptom-Bekämpfung, würde ich sagen, weil sich so was nur symptomatisch behandeln lässt und nicht ursächlich.“

„Das Gedicht ist ja, trotz seiner Kürze und Prägnanz, das Gegenteil von Flüchtigkeit. Es ist im besten Falle nachhaltig, differenziert, bildhaft, kritisch und gleichzeitig eben doch auf den Punkt und in einer kurzen Zeitspanne rezipierbar. Das heißt, es kann in einer kurzen Zeitspanne eine Wirkung entfalten, also eine sinnliche Wirkung zunächst. Wenn man sich damit im Nachgang noch intellektuell mit auseinandersetzt, umso besser.“

„Ja, der Ausgang ist häufig eine subjektive Erinnerung, aber ich müsste die nicht in Literatur umsetzen, wenn ich nicht davon ausginge, dass das, sagen wir mal, eine kollektive Relevanz hat. Ein Stück weit zumindest.“

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Christoph Wenzel, 1979 in Hamm geboren und aufgewachsen, lebt und arbeitet nach Studium der Germanistik und Anglistik in Aachen und ist gemeinsam mit Daniel Ketteler Verleger des [SIC]-Literaturverlags und Herausgeber der Literaturzeitschrift [SIC]. 2005 erschien der Lyrikband zeit aus der karte (Rimbaud Verlag), 2010 tagebrüche (yedermann Verlag), 2012 weg vom fenster – in der Reihe roterfadenlyrik, Edition Haus Nottbeck. Gemeinsam mit Adrian Kasnitz ist er Herausgeber einer empfehlenswerten Anthologie zeitgenössischer Lyrik.

Was war!

Dezemberlyrik III

Unknown

 

Heiligabend mit Martha

vor frist polierte Schaufensterfronten, sie waren das erste,
dem der müde Blick begegnete. der Brunnen auf dem Markt
verwaist, Eisrosen am Grünsandstein, an den Gittern
ein paar Zapfen. die Stille hier, sie tätowierte
Müdigkeit in ihre warmen Augen, die mehr sahen
als nur eine Jahreszeit. nicht weit von hier
der Antennenmast des Telefonkonzerns, er ließ
uns schnell zu kleinen Sendern werden, aufmerksam
wachten wir den Rest der Nacht und starrten
brav ins Schwarz hinein, bis Funken flogen.

Marius Hulpe

 

in: Adrian Kasnitz/Christoph Wenzel (Hgg.): Westfalen, sonst nichts? Eine Anthologie. Aachen/Zürich/Köln 2013

Bücher, Was war!

Wenn Männer baden gehen

Spätestens seit Erwin Grosche wissen wir, wie die Kräfteverhältnisse im Bad verteilt sind. Der Mann darf auf dem Stöpsel sitzen. Denn: „Er ist der Mann, sie ist die Frau!“ Da gibt es gar kein Vertun.

 Für das Autorengespann Oliver Uschmann/Sylvia Witt ist die Badewanne seit je ein soziales Refugium. Ein Rückzugsort, ein Ort der Besinnung und der Reflexion. Ja, in der Badewanne entscheidet sich das Wohl und Wehe des männlichen Schicksals. Hier wird die Trennung von der Verflossenen verarbeitet (oder auch nicht), hier versinkt (oder ertrinkt) man in emotionalen Ergüssen, lässt sich in repressiven Kindheitserinnerungen treiben oder gibt sich tonnen- bzw. hektoliterschwerer Melancholie hin. Und immer wieder stellt sich die Frage: Welche Musik zu welcher Stimmung? Was spült munter, was zieht runter? „Wann ist ein Mann ein Mann““ trällerte seinerzeit Herbert Grönemeyer. Jetzt wissen wir’s: Wenn ER auf dem Stöpsel sitzt, ihn aber ab und zu auch mal rauszieht. Denn uns wird unmissverständlich erklärt: „Der starke Mann ist ein Mythos.“ Das ganzes Drumrumgerede, Gegrübel, Gemache und Getue ist letztlich für die Katz (wenn die nur nicht so wasserscheu wäre).

Sein Blick klebt auf den glitzernden Schaumtropfen, die sich an Sabrinas Haut schmiegen, und er weiß genau, was er jetzt sagen sollte. Klangvoll tanzen die Worte auf seiner Zunge: „Oh, meine Süße! Was würde ich darum geben, mich in tausend klein Glitzertröpfchen aufzuteilen, um überall auf deinem wunderschönen Körper gleichzeitig zu sein.“ So treffende Worte, aber sie kommen nicht raus, sie bleiben auf Ingos Zunge liegen. Statt mit ihnen eine sinnliche Sause einzuläuten, streichen seine Hände nun mechanisch auf Sabrinas Kurven herum, als sei er ein Vermessungstechniker. Währenddessen denkt er darüber nach, dass er nicht nachdenken sollte, denn Nachdenken führt dazu, dass das stählerne U-Boot zur weich wabernden Seegurke wird.

Beim nächsten Badegang unbedingt diese ultimative Badewannenkapitäns-Fibel parat halten. Sie sorgt für ebenso liquides wie vergnüglich-erhellendes Lesevergnügen.

Walter Gödden

Oliver Uschmann/Sylvia Witt: Wenn Männer baden gehen. Oldenburg: Lappan Verlag 2013. 9,85 Euro

Was war!

Dezemberlyrik II

Unknown

Winter

Anwesenheit, Abwesenheit, der
Schimmel in einer schneeigen Koppel.
Gleichmaß des Winters.
Einen Gang ums Dorf,
einen Blick zurück.
Gehen, nicht ankommen.
Ein Weiß also im Schnee,
das sind verlorene Gegenden für uns.

Hans Georg Bulla

 

 

in: Wechselgetriebe. Ausgewählte Gedichte und Notate. Bielefeld 2011

Was war!

Lyrik – Es geht gar nicht ohne

„Der Mensch ist ein Säugetier, das vergisst er in zunehmendem Maße. Das Fahrzeug, mit dem er sich auf diesem Planeten bewegt, ist sein Körper.“
Arnold Leifert, Lyriker (1940–2012)

„Auf die Gedichte bezogen, kann ich mit Disziplin überhaupt nichts anfangen – gar nichts, überhaupt nichts. Die entstehen beim Ausmisten der Pferde, beim Saubermachen des Teichs, beim Laufen durch den Wald und die Disziplin setzt dann eher wieder ein, wenn man sich überlegt hat, neue Gedichte zu machen, alles zu überarbeiten und so weiter.“

„Lebensmotto: Wach bleiben, wach bleiben, sich nicht einlullen lassen von den Medien, von den vorgeschriebenen Kategorien und Sichtweisen, wie man das Leben heute zu leben hat, zu sehen hat, was alles angeblich so notwendig ist. Da wach zu bleiben, sich davon nicht verführen und nicht einlullen zu lassen, Träume zu haben, also nicht die sechs Richtigen im Lotto, sondern Träume, die ich realisiere, wie dieses Leben hier, 30 Jahre lang dieser Hof.“

„Ich stelle mir als höchstes Ziel unter Naturlyrik etwas ganz, ganz Existentielles vor, nämlich das Verhältnis des Menschen zur Natur einzufangen, wie man die Natur immer erlebt hat, wie man sie auch heute noch genauso erleben kann, auch wenn sie zugegebenermaßen bedroht ist. Darum geht es mir eigentlich.“

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Arnold Leifert, 1940 in Soest geboren, Studium der Germanistik, Philosophie und Evangelischen Theologie. Er lebte dreißig Jahre auf einem Bauernhof im Bergischen Land in Much-Hohn. Eine Auswahl seiner Lyrikbände: Damit der Stein wächst (1994) – Wenn wach genug wir sind (1997) – Die Gewissheit der Walnüsse (2010).

Was war!

Werner Warsinsky-Ausstellung

Als der Lünener Metallarbeiter Werner Warsinsky am 26. März 1953 den erstmals vergebenen Europäischen Literaturpreis der Gemeinschaft der Büchergilden und Buchklubs erhielt, wurde sein Name in der literarischen Öffentlichkeit mit einem Schlag bekannt. Sein ausgezeichneter Roman Kimmerische Fahrt erlangte sofort ein vielfältiges Medienecho und wurde in den Feuilletons großer Zeitungen besprochen. Der Roman war somit die literarische Entdeckung des Jahres, und sein Autor wurde als neuer Stern am Literaturhimmel der Nachkriegs- zeit gehandelt.

Ob ich all die Erwartungen, die mein Roman „Kimmerische Fahrt“ ausgelöst hat, auch werde rechtfertigen? Begreife man doch, welch hohes Spiel hier gewagt wird! Und zum Dichter erklärt zu werden, welche Verantwortung! […] Manchmal könnte ich schwindelig werden vor der Perspektive meines zukünftigen Wirkens, wenn nicht der Anruf des Geistes, die zwingende Verpflichtung meiner Schicksalsstunden den Blick abzöge von mir selbst, dem Arbeiter im Lippewerk, und mir eine Richtung wiese, dahin mein Werk, meine Arbeit, mein Wort, meine Tat will.

Es ist ein Buch des Zwiespalts, der Abgründe, der Krankheit und der menschlichen Zerrüttung. Und ein Buch der Vision, der inneren Bilder, innerer dunkler Zusammenhänge, die ihre großartige Realisation im Wort finden. Schon Gottfried Benn stellte die ambivalente Grundprägung des Romans heraus: ein großer tragischer Wurf.

Kimmerische Fahrt erzählt das Schicksal eines Kriegsheimkehrers Ende der 1940er Jahre nicht als Geschichte im herkömmlichen Sinn, als Abfolge von Ereignissen. Vielmehr sind auf labyrinthische Weise Erzählebenen und Figurenkonstellationen verschachtelt. Im ständigen, oft kaum merklichen Wechsel von halluzinativer Traumerzählung und diffuser Wirklichkeitsdarstellung verschieben sich die Handlungs-, Zeit- und Bezugskontexte und kennzeichnen den Roman als Dokument eines phantastisch-magischen Realismus. Weiterlesen…

Was war!

Dezemberlyrik I

Verfroren

Trafen wir uns, war der See vereist.
Eine dicke Schicht war gewachsen
bereit, uns zu tragen. Der Schnee
wurde dicht, ein schirmender Vorhang
der die Landschaft schraffierte.
Die Hügel, die bewaldeten Ränder
wichen zurück. Unter uns lag
dieser weiße Teller.

Adrian Kasnitz

in: Den Tag zu langen Drähten. Gedichte. Köln: parasitenpresse 2009

Bücher, Museum, Was läuft?

Palavermarkt Paderborn

Erwin Grosche ist ein Freund und eifriger Produzent des Skurrilen.

2013 – das 40-jährige Bühnenjubiläum. Der überzeugte Paderborner und „Meister der Miniatur“ (Wiesbadener Kurier) wurde entsprechend gefeiert und präsentiert mit „Warmduscherreport Vol. 2“ die Glanzstücke und viele Lieblingsszenen seiner Bühnenkarriere. Das Publikum ist, wie immer, begeistert.

So auch bei seinem Auftritt zur Eröffnung unserer Nottbeck-Ausstellung „Günter heißt im Winter Walter“ (16.11.2013–26.1.2014). Sie präsentiert Grafik-Illustrationen von Christina Cohen-Cossen, zu denen sie durch ihre Freude an Erwin Grosche-Lieblingstexte inspiriert wurde. Wie poetisch, quersinnig und immer wieder in seinem Witz überraschend Erwin Grosche als Autor ist, lässt sich vor Ort natürlich auch nachprüfen.

Wenn er im Gespräch bekennt „Ich glaube an das Unperfekte, an das Suchen, das Nicht-Stillstehen.“ – nach Lektüre seiner Texte, allerspätestens nach Besuch eines Grosche-Auftritts, glaubt man das sofort. Und würde ebenfalls gerne das Chaos gelegentlich mehr der Routine vorziehen können…

Das im Ardey-Verlag erschienene Buch zur Ausstellung vereint eine bunte und mit Augenzwinkern komponierte Auswahl von Grosche-Texten. Neben einem Lob auf die Entschleunigung („Ich habe jetzt mal langsam getankt. Ein ganz tolles Gefühl, gerade wann man es eilig hat.“) finden sich Geschichten zum schönsten Tag des Lebens ebenso wie über Kaffeemaschinen. Neben klugen, dem Alltag abgerungenen Beobachtungen finden sich weitere Weisheiten, die einem lange noch lange im Kopf herum spuken („Gruppensex muss sich ergeben. Das kann man nicht erzwingen.“).

Um die Neugier noch ein wenig zu schüren, hier ein Textbeispiel vorab:

Wann geben wir auf?
Wann erscheint uns der Einsatz sinnlos?
Letzte Reste in der Zahnpastatube. Wir drücken und drücken. Manchmal lässt sich ein wenig Zahnpasta sehen. Ein Hoffnungsschimmer. Da kommt was aus der Öffnung und verschwindet wieder, als wäre es nur neugierig. Wir halten die Zahnbürste bereit. Wir wollen sie nicht enttäuschen. Wir drücken wieder. Ein auf und nieder. Die kleine Regenbogenwurst zuckt kurz hervor. Sprich mit mir. Sprich mit mir. Wir können sie nicht halten. Sie verschwindet wieder. Plötzlich entdeckst du die neu gekaufte Zahnpastatube auf der Fensterbank. Mit ihr wäre alles leichter. Zähneputzen ein Klacks. Werden wir trotzdem der alten Tube die Treue halten?
Wann geben wir auf?
Wann erscheint uns der Einsatz sinnlos?

Erwin Grosche, 1955 im Kreis Soest geboren, ist Autor, Schauspieler, Filmemacher und, so die FR, „mit an Wahrscheinlichkeit grenzender Sicherheit der poetischste und skurrilste unter Deutschlands Kabarettisten“.

Arnold Maxwill

Bücher, Was war!

Birgitta Arens: Katzengold

„Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält.“

Das fast schon zur Sentenz gewordene Zitat von Max Frisch zeigt einmal mehr, wie essenziell, wie existenziell das Bedürfnis erzählen zu wollen sein kann. Erzählen, damit alles am Ende einen Sinn ergibt. Erzählen, um sich durch Möglichkeitsformen seiner selbst zu vergewissern. Erzählen, um nicht zu vergessen, um Geschichten vor dem Tod zu bewahren. Und so erzählt die Enkelin in Birgitta Arens’ Katzengold. Sie erzählt von einer Kindheit in der katholisch-ländlichen Gemeinde Ulen- trop und nähert sich durch Geschichten von Großmutter Lina und eigenen Erlebnissen einem Panorama, in dem zwar viel geredet wird, nur eben selten miteinander. Das Verschweigen und Aussparen, das kommentarlose Vorhandensein dörflicher Strukturen macht es der Erzählerin möglich, macht es geradezu notwendig, das Reale mit Imaginativem und Märchenhaftem anzufüllen. So schimmert in Katzengold hinter einem distanzierten, kühlen, zuweil befremdeten Ton immer wieder auch das Phantastische und unaufgeregt Poetische hindurch. Der Vorgang des Schreibens und Erzählens wird bei Arens zu einer Geste, die Einzug in den Text erhält. Das erzählende Ich beginnt, es deutet, wird von Lina berichtigt, fährt dann mit der Geschichte fort, fängt am besten ganz vorne an. Wirklich sicher sein kann man sich allerdings nie und man hört ja so Einiges…

„Nichts ist unmöglich, sagt die schöne Christine. Ich kann alles, was ich will. Du phantasierst, sagt Lina. Ja, sagt Christine und kann alles, was sie will.“

Muster von Lebensläufen verwandter Personen und Dorfmitglieder werden entworfen, Amerika als Sehnsuchtsort liegt nach einem missglückten Reiseversuch für die noch kindliche Erzählerin einmal mehr in weiter Ferne. Und wie nur lässt sich das Sterben fassen, dieses unentrinnbare Ereignis, das durch den Tod von Lina jenes Buch doch erst ermöglicht und den Impuls gibt, erzählen zu wollen. Auch das mit der Liebe scheint so eine Sache zu sein in Ulentrop: Warum genau findet sich eigentlich wer und was passiert, wenn es die falschen Gründe sind? Auch die Studienjahre der Erzählerin, ihre Zeit in Münster, das Losziehen und sich Loslösen sind Thema – politische Diskussionen und Auseinandersetzungen über Kunst inklusive.

„Jansen sagt: Der Künstler muß die Wirklichkeit zeigen. Ja, sage ich. Wie sie ist, sagt Jansen. Ja, sage ich. […] Ich weiß nicht, ob es wirklich Jansen war, der gesagt hat, ich könnte ja hier und da einen schönen Satz einflechten, eine kleine Geschichte, vielleicht auch einen Vers.“

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Was war!

Sprache, nichts ist spannender

„Mein Wunsch-Lebensort? Das Zentrum der namibischen Wüste.“
S. J. Schmidt – Kommunikationswissenschaftler und Autor

„Ich muss das Manuskript, den Text erst einmal im Kopf stehen haben, ehe ich anfangen kann zu schreiben. Und das mache ich entweder in Ablaufmodellen oder in Stichwortfolgen. Da arbeite ich schon relativ kontrolliert und nicht so ins Blaue hinein. Bei literarischen Arbeiten ist das etwas anders. Da brauche ich einfach einen Aufhänger, der stark genug ist, um eine ganze Girlande von Ideen dann auch zu tragen.“

„Für mich gibt es wichtige Bücher – ob die jeder gelesen haben sollte, ist etwas anderes. Für mich war Kleist ein Autor, ohne den ich mir nicht vorstellen könnte, wirklich Interesse für Literatur gefunden zu haben. Aber muss ich jetzt allen Kleist empfehlen?“

„Es gibt im Alltag immer noch Dinge, die einen neugierig machen können: in der Wissenschaft, in der Kultur, in den Medien. Immer dann, wenn die Routine unterbrochen wird, dann kann man anfangen, neugierig zu werden. Ob es sich immer lohnt, ist eine andere Sache.“

„Kunst ist für mich der größte Routineunterbrecher. Und wenn mir das ab und zu gelingt, ist das sozusagen die Bestätigung dafür, dass ich noch am Leben bin.“

Siegfried J. Schmidt, 1940 in Jülich geboren, ist vor allem als Kommunikations- und Literaturwissenschaftler durch zahlreiche Publikationen bekannt geworden; Professuren an den Universitäten Bielefeld, Siegen und Münster. Zugleich veröffentlichte er literarische Arbeiten; zuletzt erschienen im Aisthesis Verlag die Bände an den windstillen vorbei (2010) und lebens listen (2013) – sowie das von ihm selbst zusammengestellte S. J. Schmidt Lesebuch (2012).

Bücher

Scheiternde Helden

Werner Streletz, langjähriger Kultur- journalist aus Bochum, der auch auf eine ebenso umfangreich gewachsene Liste literarischer Werke – von Lyrik und Prosa bis zum Hörspiel und Drama – blicken kann, macht 2013 gleich mit zwei Neuerscheinungen auf sich aufmerksam.

Seinen Roman Rohbau (projekt verlag, 340 S., 14,90 €) nennt Streletz in Selbstauskunft eine Art opus magnum, „weil er Themen und Milieus umfasst, die mich in meiner literarischen Arbeit seit jeher beschäftigt haben.“ Der Titel des Romans ist dabei von vorneherein zugleich mit mehrfacher Bedeutung unterlegt: Es geht nicht allein um die Baustelle, sondern „Rohbau“ meint hier auch die zugleich irritierende wie faszinierende Verlassenheit und Vielschichtigkeit der Landschaft, das Karge, Demontierte, vermeintlich Hässliche und Dysfunktionale. Und wo ließe sich das besser protokollieren als in den postindustriellen Weiten des Ruhrgebiets? Eine dritte Lesart des „Rohbaus“ wäre die zunehmende Brüchigkeit des Sozialen, das Fragile und Unbeständige des Gesellschaftlichen – was sich in Kleinformationen wie der Kneipen- und Thekengemeinschaft abgefedert und aufgehoben wissen möchte. Der „Rohbau“ bleibt in jedem Fall ein mit Deutungsmöglichkeiten gesättigtes Bild, das Streletz gekonnt inszeniert:

In der Stadt betrachtete Johny halb fertige Neubauten oder Gebäude kurz vor dem Abriss mit besonderem Behagen, mit Sympathie, als würden die Wände und Stahlbetondecken an irgendetwas kränkeln, das ihrer Vollendung entgegensteht oder ihre Zerstörung notwendig macht. Wenn die Neubauten bezugsfertig sind, wird sich sicherlich sofort das Interesse an ihnen verlieren, denkt er, obwohl er nicht weiß, ob das wirklich zutreffen wird. Weiterlesen…