„Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält.“
Das fast schon zur Sentenz gewordene Zitat von Max Frisch zeigt einmal mehr, wie essenziell, wie existenziell das Bedürfnis erzählen zu wollen sein kann. Erzählen, damit alles am Ende einen Sinn ergibt. Erzählen, um sich durch Möglichkeitsformen seiner selbst zu vergewissern. Erzählen, um nicht zu vergessen, um Geschichten vor dem Tod zu bewahren. Und so erzählt die Enkelin in Birgitta Arens’ Katzengold. Sie erzählt von einer Kindheit in der katholisch-ländlichen Gemeinde Ulen- trop und nähert sich durch Geschichten von Großmutter Lina und eigenen Erlebnissen einem Panorama, in dem zwar viel geredet wird, nur eben selten miteinander. Das Verschweigen und Aussparen, das kommentarlose Vorhandensein dörflicher Strukturen macht es der Erzählerin möglich, macht es geradezu notwendig, das Reale mit Imaginativem und Märchenhaftem anzufüllen. So schimmert in Katzengold hinter einem distanzierten, kühlen, zuweil befremdeten Ton immer wieder auch das Phantastische und unaufgeregt Poetische hindurch. Der Vorgang des Schreibens und Erzählens wird bei Arens zu einer Geste, die Einzug in den Text erhält. Das erzählende Ich beginnt, es deutet, wird von Lina berichtigt, fährt dann mit der Geschichte fort, fängt am besten ganz vorne an. Wirklich sicher sein kann man sich allerdings nie und man hört ja so Einiges…
„Nichts ist unmöglich, sagt die schöne Christine. Ich kann alles, was ich will. Du phantasierst, sagt Lina. Ja, sagt Christine und kann alles, was sie will.“
Muster von Lebensläufen verwandter Personen und Dorfmitglieder werden entworfen, Amerika als Sehnsuchtsort liegt nach einem missglückten Reiseversuch für die noch kindliche Erzählerin einmal mehr in weiter Ferne. Und wie nur lässt sich das Sterben fassen, dieses unentrinnbare Ereignis, das durch den Tod von Lina jenes Buch doch erst ermöglicht und den Impuls gibt, erzählen zu wollen. Auch das mit der Liebe scheint so eine Sache zu sein in Ulentrop: Warum genau findet sich eigentlich wer und was passiert, wenn es die falschen Gründe sind? Auch die Studienjahre der Erzählerin, ihre Zeit in Münster, das Losziehen und sich Loslösen sind Thema – politische Diskussionen und Auseinandersetzungen über Kunst inklusive.
„Jansen sagt: Der Künstler muß die Wirklichkeit zeigen. Ja, sage ich. Wie sie ist, sagt Jansen. Ja, sage ich. […] Ich weiß nicht, ob es wirklich Jansen war, der gesagt hat, ich könnte ja hier und da einen schönen Satz einflechten, eine kleine Geschichte, vielleicht auch einen Vers.“
1982 las die Autorin Auszüge aus ihrem Roman beim Klagenfurter Bachmannpreis und erhielt dafür prompt den Preis der Jury. Als literarische Entdeckung erreichte sie daraufhin sogleich Platz 1 der SWF-Bestenliste und eine fast durchgängig positive Resonanz in den Feuilletons – zahlreiche Stipendien folgten. Der Tenor war eindeutig: die poetische Leichtigkeit im Verflechten von Motiven bei einer gleichzeitig stilistisch so reichhaltigen Erzählhaltung erscheinen bemerkenswert. Trotz des immensen Erfolges ist Katzengold heute nur noch antiquarisch zu finden – ein Grund mehr, es in der Reihe Nyland Literatur erneut zu veröffentlichen.
„Leicht gerät man in eine Geschichte hinein, weit schwerer ist es, hindurchzufinden und wieder hinaus. Ich stelle mir vor, ich erreiche schreibend jenen Punkt, in dem alle Fäden zusammenlaufen. Die halben Sätze werden ganz, unfertige Gedanken zu Ende geführt. Von niederen zu höheren Stufen wäre die Geschichte fortgeschritten und wir mit ihr und stünden nun da am höchsten Punkt und schauten hinunter auf ein schönes Bild. Was vorher Scheitern und Verwirrung schien, durchkreuzte Pläne, abgerissene Lebensläufe: es fügte sich zu einem neuen Sinn.“
Kerstin Mertenskötter
Birgitta Arens: Katzengold. Roman. Hrsg. und mit einem Nachwort von Arnold Maxwill. Bielefeld: Aisthesis 2013. 215 S., 12,80 €



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