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Scheiternde Helden

Werner Streletz, langjähriger Kultur- journalist aus Bochum, der auch auf eine ebenso umfangreich gewachsene Liste literarischer Werke – von Lyrik und Prosa bis zum Hörspiel und Drama – blicken kann, macht 2013 gleich mit zwei Neuerscheinungen auf sich aufmerksam.

Seinen Roman Rohbau (projekt verlag, 340 S., 14,90 €) nennt Streletz in Selbstauskunft eine Art opus magnum, „weil er Themen und Milieus umfasst, die mich in meiner literarischen Arbeit seit jeher beschäftigt haben.“ Der Titel des Romans ist dabei von vorneherein zugleich mit mehrfacher Bedeutung unterlegt: Es geht nicht allein um die Baustelle, sondern „Rohbau“ meint hier auch die zugleich irritierende wie faszinierende Verlassenheit und Vielschichtigkeit der Landschaft, das Karge, Demontierte, vermeintlich Hässliche und Dysfunktionale. Und wo ließe sich das besser protokollieren als in den postindustriellen Weiten des Ruhrgebiets? Eine dritte Lesart des „Rohbaus“ wäre die zunehmende Brüchigkeit des Sozialen, das Fragile und Unbeständige des Gesellschaftlichen – was sich in Kleinformationen wie der Kneipen- und Thekengemeinschaft abgefedert und aufgehoben wissen möchte. Der „Rohbau“ bleibt in jedem Fall ein mit Deutungsmöglichkeiten gesättigtes Bild, das Streletz gekonnt inszeniert:

In der Stadt betrachtete Johny halb fertige Neubauten oder Gebäude kurz vor dem Abriss mit besonderem Behagen, mit Sympathie, als würden die Wände und Stahlbetondecken an irgendetwas kränkeln, das ihrer Vollendung entgegensteht oder ihre Zerstörung notwendig macht. Wenn die Neubauten bezugsfertig sind, wird sich sicherlich sofort das Interesse an ihnen verlieren, denkt er, obwohl er nicht weiß, ob das wirklich zutreffen wird.

Mit feinem Gespür werden – nicht nur in Rohbau – die Spannungen und Sehnsüchte, die Reibflächen und Verluste des stets Unzeitgemäßen in einer Zeit des permanenten, erfolgsorientierten Wandels beschrieben. Dabei entwickeln Streletz’ Texte erzählerisch eine sehr eigensinnige und pointierte Mixtur von trostloser, ja auch brutaler Schonungslosigkeit und einer den widrigen Umständen widersprechenden Empathie. Treffenderweise nannte er seinen Roman Kiosk kaputt im Untertitel die „Geschichte eines Irrtums“ – und dies ließe sich wohl für weitere seiner Texte konstatieren (wobei freilich offenbliebe, worin – und auf wessen Seite – jeweils dieser Irrtum bestünde).

Werner Streletz erzählt in Rohbau realistisch und nüchtern, zuweilen fast lakonisch, die „Geschichte eines Mannes, der Mitmenschlichkeit fordert, sich im Geflecht seiner hohen moralischen Ansprüche verfängt und gerade deshalb dem eigenen Unheil nicht entkommen kann“ – so der Klappentext. Geschrieben ist diese Geschichte zugleich aber auch im Sinne einer eindringlichen, poetischen Wahrnehmungskunst, die den bei- und zufälligen Augenblicken nahezu epiphanischer Klarheit und Gelassenheit die notwendige erzählerische Aufmerksamkeit schenkt. Wie besonnen und bestechend genau dies gelingen kann, zeigt bereits der Beginn des Romans, der in seiner lustvoll ausschweifenden Langsamkeit an die Prosa Peter Handkes erinnert:

Das ist gleich geblieben. Nach wie vor benutzt der Linienbus nicht die ausgebaute Verkehrsstraße. Er biegt stattdessen in Wohnbebauungen ein, die zwischen Tankstelle und Supermarkt eingezwängt liegen und an diesem heißen Tag mit ihren aufgesperrten Fensteröffnungen aussehen, als würden sie um Hilfe rufen. Um die verstreut liegenden Haltestellen zu bedienen, fährt der Bus weiträumige Schlenker, durch Brachgelände oder an gleichförmigen Eigenheimen vorbei, die nach einem festen Raster aneinandergereiht scheinen, durch enge Straßen hindurch, die auf eine Kirche oder einen zentralen Platz zulaufen – damit einen soliden Vorort markierend, einen gewachsenen Stadtteil mit eigenem Namen.

Werner Streletz gelingt es an dieser Stelle – aber auch in seinen anderen Romanen –, ohne Orte beim Namen zu nennen, ohne die Topographie zum Zwecke der Wiedererkennung erzählerisch auszubreiten, eine präzise Einsicht in die gegenwärtigen und vergangenen Transformationsprozesse des Ruhrgebiets zu geben. Die großen historischen stehen neben den kleineren individuellen (mitnichten kleineren) Schrecken, Ängsten und Verstörungen. Die damit verbundene Schwebe wird in den prosaischen Verhältnissen des Alltags von den literarischen Figuren also permanent neu austariert. Bezeichnend ist in diesem Kontext das dem Roman Rohbau als Motto gegebene Zitat des Lyrikers Farid Lariby: „Nur ein Trugbild trennt uns von unserem Glück.“

Und Neuerscheinung Numero zwo? Ralph Köhnen hat in Zusammenarbeit mit dem Autor in der Reihe „Nylands Kleine Westfälische Bibliothek“ (Aisthesis Verlag, 175 S., 8,50 €) ein Werner Streletz Lesebuch zusammengestellt, das Texte aus über 40 Jahren enthält und eine entsprechende Vielfalt (Lyrik, Prosa, Drama, Essay) bietet. Komplettiert wird die Textsammlung durch ein informatives Nachwort von Köhnen, das neben einem Überblick über Streletz’ Arbeiten auch eine profunde Zuordnung von literarischen Vorbildern und künstlerischen Einflüssen vornimmt und wichtige Motive und Bezüge herauskristallisiert.

Arnold Maxwill

Werner Streletz, geboren 1949 in Bottrop; 1971 begann er mit einem publizistischen Volontariat bei der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ) in Essen. Parallel dazu schrieb eine Reihe von Hörspielen für den Westdeutschen Rundfunk, den Bayerischen Rundfunk und den Deutschlandfunk. Streletz gehörte zum Autorenteam des Radioromans Blackbox B1 des WDR (1989) Nach einigen Jahren als Lokalredakteur in Herten, Brühl und Marl wechselte Streletz 1985 als Kulturjournalist der WAZ nach Bochum. Für sein Lebenswerk und speziell den Roman Kiosk kaputt erhielt Werner Streletz 2008 den Literaturpreis Ruhr. Die Jury würdigt mit der Auszeichnung Streletz’ seit 1975 gewachsene, umfangreiche Werkliste: Lyrik und Prosa, Hörspiele und Theateraufführungen gehören ebenso dazu wie die Mitarbeit an Fernsehfilmen und Ausstellungen.

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