Sturmangriff (1914)
Aus allen Winkeln gellen Fürchte Wollen
Kreisch
Peitscht
Das Leben
Vor
Sich
Her
Den keuchen Tod
Die Himmel fetzen.
Blinde schlächtert wildum das Entsetzen.
August Stramm
Sturmangriff (1914)
Aus allen Winkeln gellen Fürchte Wollen
Kreisch
Peitscht
Das Leben
Vor
Sich
Her
Den keuchen Tod
Die Himmel fetzen.
Blinde schlächtert wildum das Entsetzen.
August Stramm
Mit zwei stimmungsvollen Lesungen in Rotterdam und Amsterdam am 3. und 4. Februar im Rahmen der niederländischen Poesiewoche 2014 fand das Projekt „Dichter übersetzen Dichter“ der roterfadenlyrik Edition Haus Nottbeck seinen vorläufigen Abschluss. Ellen Widmaier, Thomas Kade und Ralf Thenior lasen aus dem soeben in der Edition Wintertuin erschienenen Gedichtband Verabredungen / Afspraken. Bianca Boer, Tsead Bruinja, Els Moors lasen Übersetzungen und Gedichte, auch von Menno Wigman und Katharina Bauer, die leider verhindert war.
Große Wiedersehensfreude und eine festliche Stimmung im Studio De Bakkerij am Bergweg in Rotterdam. Die Rotterdamer Dichterin Bianca Boer hatte zu einem Poesie-Abend in „Gebroken Duits“ eingeladen. Der Abend war perfekt und bis ins Detail, einschließlich einer einstündigen Radiosendung, liebevoll vorbereitet. Besonders schön: Das kleine Heft Gebroken Duits, das die deutschen Dichterinnen und Dichter mit einem Gedicht und ihrer Biografie vorstellte. Um es vorweg zu nehmen: Es war für alle ein glanzvolles Ereignis. Danibal, dadaistischer Elektrofolkmusiker des einundzwanzigsten Jahrhunderts, ließ die Luft mit der Mundorgel vibrieren und zeigte später in der Begegnung mit dem außergewöhnlichen Pianisten Rembrandt Frerichs seine Improvisationsqualitäten.
Der Abend in Rotterdam wurde vom dortigen Stadtdichter – eine Einrichtung, die auch in Deutschland Schule machen sollte – eingeleitet und mit literarischem Sachverstand humorvoll-freundschaftlich moderiert. In Wertschätzung des Projekts eröffnete Daniël Dee den Abend mit einem assoziativ-reflektiven poetischen Text über „Duitsland“. Gedichte, Stimmen. Leben und Lebensentwürfe. Die Lesungen waren inspiriert und gut aufeinander abgestimmt.
Im Verlaufe des Abends wurde deutlich, dass die Übersetzungsarbeiten der beteiligten Dichterinnen und Dichter nicht nur Sprachkunst boten, sondern auch ein kleiner Schritt waren auf dem Weg zum besseren Verständnis der Lebenswelten von Nachbarn.
Brief an Nell und Herwarth Walden
14. 2. 15
Ihr Lieben Lieben! Die Welt braust. Mein Kopf mir ist alles platzt. Ich habe jetzt sechs schwere Gefechtstage hinter mir. Der furchtbarste war gestern der 13. Du hast mal gesagt, man kann sich alles vorstellen. Du hast Recht. Alles. Aber vorstellen und das Vorgestellte erleben, das sind zweierlei. Vorstellen – aber fühlen kann man es nicht. Ich bin nicht furchtsam. Ich habe keine Furcht gefühlt. Das war mir zu lächerlich kleinlich. Zum Fürchten war alles zu furchtbar. Aber ein Grauen ist in mir, ein Grauen ist um mich, wallt, wogt umher, erwürgt, verstrickt – es ist nicht mehr rauszufinden. Entsetzlich. Ich habe kein Wort. Ich kenne kein Wort. Ich muß immer nur stieren, stieren um mich stumpf zu machen. um all das Gepeitsche niederzuhalten. Denn ich fühle es, ich fühle es ganz deutlich daß das peitscht und krallt nach meinem Verstand. Gott sei Dank, daß ich roh bin daß ich so viel Rohheit in mir habe, physische Rohheit, die ich sonst immer niederhalte: jetzt soll sie kommen, jetzt rufe ich sie, und klammre mich daran. Hast Du schon mal einen Fleischerladen gesehen, in dem geschlachtete Menschen zu Kauf liegen? Und dazu stampfen mit ungeheurem Getöse die Maschinen und schlachten immer neue in sinnreichem Mechanismus. Und Du stumpf darin, gottlob stumpf, Schlächter und Schlachtvieh. […]
Euer August Stramm
„Im Endeffekt ist es immer quasseln, ist ja auch geil, so als Beruf. Ich meine, andere müssen Kisten stapeln oder nachts operieren.“
Oliver Uschmann – Schriftsteller, Journalist und Talentförderer
„Zum Schreiben brauche ich meine Frau. Das muss man sich so vorstellen: wir entwerfen zusammen, dann schreibe ich die erste Fassung, dann zeige ich ihr die und dann sagt sie: „Das ist nix.“ Ich versuche das mittlerweile zu umgehen, indem ich als erstes die zweite Fassung schreibe, aber dann wäre es meistens die erste gewesen.“
„Das Einzige, was ich gesichert über meine Leser sagen kann, also wirklich gesichert sagen kann, ist, dass sie der deutschen Schriftsprache halbwegs mächtig sind. Alles andere ist letzten Endes doch sowieso nur Spekulation.“
„Schriftsteller, Journalist, Dozent … klar: Ich schreibe Texte und berate Leute, aber im Endeffekt ist es Quasseln und Kritzeln, könnte man auch sagen. Das klingt dann nur so pompös. Nicht wahr? Und die Seminare machen mir großen Spaß, aber mehr, weil ich so Talentförderungs-Gene habe.“
Oliver Uschmann, geboren 1977 in Wesel, studierte in Bochum Germanistik und in der Berliner Werbebranche die Wirklichkeit. Heute lebt er mit seiner Frau Sylvia Witt im Münsterland. Gemeinsam erschaffen sie dort die „Hui-Welt“ rund um die Romane der Hartmut und ich-Reihe, weitere Prosawerke für Jungs (Finn) und junge Erwachsene (Das Gegenteil von oben, Log Out!) sowie Führungen durch den Dschungel des Daseins (Überleben auf Festivals). Ihre „Hui-Welt“ machen sie dauerhaft im Netz begehbar und durften sie sogar als Ausstellung auf dem Kulturgut Haus Nottbeck aufbauen.
Welche literarische Bedeutung kommt August Stramm (1874–1915) zu?
August Stramm ist der bekannteste der von uns ausgestellten Autoren. Stramm gilt als bedeutendster Lyriker des Kriegs. Er hat die Lyrik geradezu revolutioniert, indem der die Sprache zertrümmerte. Aus Verben wurden Substantive, aus Adjektiven Verben usw. Viele Verse bestehen nur aus einem einzelnen Wort. Das ist sehr suggestiv, direkt und natürlich auch fremd und irritierend. Man muss sich diese Gedichte erarbeiten. Stramm hat vielleicht am konsequentesten nach neuen Formen in der Lyrik gesucht; er hat auf gewisse Weise den Krieg in die Sprache hineingenommen.
Welche Bedeutung spielt Stramm heute?
Stramm ist noch heute ein Vorbild für Autorinnen und Autoren. Viele Autoren der Moderne berufen sich unmittelbar auf ihn und seine sprachlichen Experimente: Ernst Jandl, Peter Rühmkorf, Arno Schmidt, Rolf Dieter Brinkmann, viele andere…
Wie stand Stramm zum Ersten Weltkrieg?
Stramm hatte etwas Urpreußisches. Er war ein strammer Offizier und hat sich als solcher in den Dienst des Vaterlands gestellt. Er wollte seine Pflicht erfüllen und war von dem Gedanken geleitet, durch soldatisches Tun dem Krieg ein Ende zu bereiten. Von Beruf war er übrigens ein hoher Postbeamter. Er führte eine ganz bürgerliche Existenz. Seine Frau Else Krafft schrieb Trivialromane. Das alles sind Widersprüche und auf der anderen Seite passt alles zu einer von den Zeitgenossen als hochgradig chaotisch und konfus wahrgenommenen Zeit.
Welche militärische Rolle spielte er im Krieg?
Stramm war ranghoher Leutnant und als solcher Befehlshaber einer Truppe. Er hatte die Befehle zu geben. Das war für ihn nicht leicht. Er litt darunter, täglich Tote, darunter viele seiner Kameraden, sterben zu sehen. Er schrieb nach Hause, dass es keinen Begriff gebe für all das Grauen, das der Krieg mit sich bringe.
Die 28 Gedichte, die Ellen Widmaier in ihrem Lyrikband dort wo wir lagen versammelt hat, sind einfach stark. Ob gereimt oder in freien Versen, kommen diese Gedichte anrührend und originell, nachdenklich und wissend daher, ohne es zu leugnen, mitunter auch melancholisch, das eigene Leben und seine Erfahrungen erzählend, auf der Suche nach Stand- punkten, nach Verortung und Identität.
Es sind Erinnerungsgedichte darunter, ebenso wie Naturgedichte und solche, die von der Liebe berichten, wie ich finde, auf der Dichterin ureigenste Art, ein lyrisches Ich, das bekannten Frauengestalten aus der Antike wie Eurydike und Sappho begegnet oder mit Frauen wie Mascha Kaléko und Frida Kahlo korrespondiert, „Frida Kahlo in Blond“.
Dabei schält sich das Selbstverständnis der Dichterin heraus, wie sie sich als selbstbewusste Frau wahrnimmt und sieht, in Abendmahl mit Don Juan trefflich beschrieben: „ich & du / spielen Katz & Maus / küssen Kirschen / beißen zu / ich spuck dich aus“.
Dabei war das nicht immer so, wenn die Dichterin schreibt: „ich war einmal / eine ahnungslose Frau / mit Frühdienst Spätdienst / Nachtdienst“ oder in Verlustmeldung: „außerdem melde ich / den Verlust meiner Zeit / Umwege, Irrwege, falsche Berufe“.
Ellen Widmaier spricht mit den Worten, die sie ihrer Eurydike in den Mund legt: „Ich sage euch, wie es war“ und es scheint mir nicht anmaßend fortzufahren, wie es ist. Wie es war, davon erzählt sie u. a. in dem Titel gebenden Gedicht dort wo wir lagen, das den Übergang von der Jugend ins Erwachsensein beschreibt, traurig und wunderschön: „dort wo wir lagen / am Wehr unter Erlen und Farn / Septemberstaub dämpfte das Grün / legte sich uns auf die Lippen“.
Oder in Jawort: „Ich hab mein Leben / verstaut in verstaubten Kartons / neben den alten Straßenkarten / eingerissen im Knick“.
In Junger Mai heißt es: „mein Tanz rührte die Götter / Apoll applaudierte / im Bücherregal.“ Oder in Verlustmeldung: „So viel Politik / So wenig Lyrik / das fing an vor meiner Geburt / Mord – bis in die Familie. // Schadhafte Männer / das fing an mit dem Vater“. Weiterlesen…
August Stramm
Angststurm (1915)
Grausen
Ich und Ich und Ich und Ich
Grausen Brausen Rauschen Grausen
Träumen Splittern Branden Blenden
Sterneblenden Brausen Grausen
Rauschen
Grausen
Ich.
Das Leben scheibchenweise, da sind wir ganz schnell bei Gerhard Henschels Irrungen und Wirrungen des Zöglings Martin Schlosser – nun schon in fünfter Folge und bei geschätzten 3.000 Druckseiten. Ich habe die Szene noch gut vor Augen. Am Ende von Abenteuerroman, dem letzten Band der Pentalogie, 2012 erschienen, entschließt sich besagter Martin Schlosser, Bielefeld ade zu sagen und in die, wie es heißt, Selbstmörderstadt Bielefeld zu ziehen, um dort in einem Programmkino zu arbeiten. Das war – im Buch – Anfang der 1980er Jahre. Schlosser will weg aus Bielefeld, bloß weg. Das Warum wird eingehend beschrieben, auf rund 250 von 576 Seiten. Eingefleischte Henschel-Fans kannten Martin Schlosser, der im emsländischen Kaff Meppen aufwuchs, da schon bestens. Henschel ließ Schlosser schon im Kindheitsroman (2004), Jugendroman (2009) und im Liebesroman (2010), unverblümt offen autobiografisch, aus einer Jugend- und Teeniezeit berichten. Dann begann ein neuer Zeitabschnitt. Mit Abi, den ersten Joints, trinkfreudigen Ausflügen ans Meer, wilden Feten, der ersten großen Liebe. Und einem Problem, das sich bedrohlich am Horizont abzeichnete: Schlosser soll zur Bundeswehr bzw. sich mit dem Thema Kriegsdienstverweigerung auseinandersetzen. Was Henschel ähnlich tragikomisch angeht wie Sven Regener in Neue Fahr Süd.
So kam Schlosser seinerzeit – wir befinden uns noch immer im Abenteuerroman – als Zivi nach Bielefeld, eine Stadt, die man, wie immer deutlicher wird, nur hassen kann. Und in der man unweigerlich ins Grübeln kommt. Übers Leben an sich und überhaupt. Seinem Job als Zivildienstleistender bei der AWO („Job für Doofe“) kann Schlosser ebenso wenig etwas abgewinnen wie dem WG-Leben und dem gesamte neuen Lebensumfeld. Und auch mit seinem Schwarm Heike, die in Bielefeld studiert, läuft es nicht wirklich rund. Weiterlesen…
Brief an Nell und Herwarth Walden
10. 2. 15
Ihr Lieben Lieben!
[…] Tag und Nacht knattert das Gewehrfeuer und darüber fort die Granaten. Aber es läßt alles so kalt als müßte das sein und wäre man es nie anders gewöhnt. Der Mensch ist ein seltsames Geschöpf. Tier und Gott. Alles in einem. Die Dörfer sind hier alle zerschossen und werden von uns wohnlich geflickt bis die nächste Granate kommt. Ich habe sogar ein Bett! Denkt Euch! Fabelhafter Luxus! Mein Bart war schon stattlich gewachsen, er hätte Euch sicher imponiert. Ich habe ihn aber wegen der verdächtigen Bewohner, deren man nicht ganz sicher ist, wieder abnehmen lassen. Auch den Kopf vollständig kahl geschoren. Parole Läuse! Heute habe ich aber gebadet. Ich habe es auf alle Gefahr hin gewagt, mich auszukleiden. Glücklicherweise kam kein Alarm. Ach Kinder, manches kann man sich denken, aber sich doch nicht vorstellen! […]
Viele herzliche innige Grüße
von Eurem August Stramm
August Stramm
Haidekampf (1915)
Sonne Halde stampfen keuche Bange
Sonne Halde glimmet stumpfe Wut
Sonne Halde sprenkeln irre Stahle
Sonne Halde flirret faches Blut
Blut
Und
Bluten
Blut
Und
Bluten Bluten
Dumpfen tropft
Und
Dumpfen
Siegt und krustet
Sonne Halde flackt und fleckt und flackert
Sonne Halde blumet knosper Tod.