1914

Mein Kopf mir ist alles platzt

Blick in die Ausstellung (8)

 

Brief an Nell und Herwarth Walden

 14. 2. 15

Ihr Lieben Lieben! Die Welt braust. Mein Kopf mir ist alles platzt. Ich habe jetzt sechs schwere Gefechtstage hinter mir. Der furchtbarste war gestern der 13. Du hast mal gesagt, man kann sich alles vorstellen. Du hast Recht. Alles. Aber vorstellen und das Vorgestellte erleben, das sind zweierlei. Vorstellen – aber fühlen kann man es nicht. Ich bin nicht furchtsam. Ich habe keine Furcht gefühlt. Das war mir zu lächerlich kleinlich. Zum Fürchten war alles zu furchtbar. Aber ein Grauen ist in mir, ein Grauen ist um mich, wallt, wogt umher, erwürgt, verstrickt – es ist nicht mehr rauszufinden. Entsetzlich. Ich habe kein Wort. Ich kenne kein Wort. Ich muß immer nur stieren, stieren um mich stumpf zu machen. um all das Gepeitsche niederzuhalten. Denn ich fühle es, ich fühle es ganz deutlich daß das peitscht und krallt nach meinem Verstand. Gott sei Dank, daß ich roh bin daß ich so viel Rohheit in mir habe, physische Rohheit, die ich sonst immer niederhalte: jetzt soll sie kommen, jetzt rufe ich sie, und klammre mich daran. Hast Du schon mal einen Fleischerladen gesehen, in dem geschlachtete Menschen zu Kauf liegen? Und dazu stampfen mit ungeheurem Getöse die Maschinen und schlachten immer neue in sinnreichem Mechanismus. Und Du stumpf darin, gottlob stumpf, Schlächter und Schlachtvieh. […]

Euer August Stramm

Diskussion

Hinterlassen Sie einen Kommentar oder setzen Sie einen Trackback.

Kommentare abonnieren.

Bitte fair bleiben. Wir behalten uns vor, gegebenenfalls Kommentare zu löschen.

Sie können diese Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

*Notwendige Angaben