Das Leben scheibchenweise, da sind wir ganz schnell bei Gerhard Henschels Irrungen und Wirrungen des Zöglings Martin Schlosser – nun schon in fünfter Folge und bei geschätzten 3.000 Druckseiten. Ich habe die Szene noch gut vor Augen. Am Ende von Abenteuerroman, dem letzten Band der Pentalogie, 2012 erschienen, entschließt sich besagter Martin Schlosser, Bielefeld ade zu sagen und in die, wie es heißt, Selbstmörderstadt Bielefeld zu ziehen, um dort in einem Programmkino zu arbeiten. Das war – im Buch – Anfang der 1980er Jahre. Schlosser will weg aus Bielefeld, bloß weg. Das Warum wird eingehend beschrieben, auf rund 250 von 576 Seiten. Eingefleischte Henschel-Fans kannten Martin Schlosser, der im emsländischen Kaff Meppen aufwuchs, da schon bestens. Henschel ließ Schlosser schon im Kindheitsroman (2004), Jugendroman (2009) und im Liebesroman (2010), unverblümt offen autobiografisch, aus einer Jugend- und Teeniezeit berichten. Dann begann ein neuer Zeitabschnitt. Mit Abi, den ersten Joints, trinkfreudigen Ausflügen ans Meer, wilden Feten, der ersten großen Liebe. Und einem Problem, das sich bedrohlich am Horizont abzeichnete: Schlosser soll zur Bundeswehr bzw. sich mit dem Thema Kriegsdienstverweigerung auseinandersetzen. Was Henschel ähnlich tragikomisch angeht wie Sven Regener in Neue Fahr Süd.
So kam Schlosser seinerzeit – wir befinden uns noch immer im Abenteuerroman – als Zivi nach Bielefeld, eine Stadt, die man, wie immer deutlicher wird, nur hassen kann. Und in der man unweigerlich ins Grübeln kommt. Übers Leben an sich und überhaupt. Seinem Job als Zivildienstleistender bei der AWO („Job für Doofe“) kann Schlosser ebenso wenig etwas abgewinnen wie dem WG-Leben und dem gesamte neuen Lebensumfeld. Und auch mit seinem Schwarm Heike, die in Bielefeld studiert, läuft es nicht wirklich rund.
Was soll’s, möchte man sagen. Schlosser bleibt eh der alte, egal wann und wo. Er ist der klassische Durchschnittstyp, der sich nirgends an die Spitze einer Bewegung setzt. Er ist zwar überall dabei, bei Demos, der Anti-Atomkraft-Bewegung, überhaupt bei allem, was „in“ und „anti“ ist, aber er ist eben kein Leitwolf, kein Alphatier. Was ihn allerdings prägt ist eine besondere Affinität zur Literatur. Er konsumiert, was angesagt ist (Romane, Polit- und Sexualreporte, Titel aus der Alternativpresse), er liest den SPIEGEL, PARDON, KONKRET und TITANIC – doch alles umsonst – ein auch nur halbwegs konziser Lebensentwurf springt nicht dabei heraus. Ob Schlosser es will oder nicht: Er ist der geborene Zeitzeuge jener Jahre, die irgendwo zwischen Sinnsucht, subversiver Revolte und Weltschmerz-Lethargie dahinplätschern.
Bochum sollte es also sein, wie wir hörten. Dort sollte alles besser, anders werden – ein Neustart, ein Reset. Und dann ist Schlosser wieder da, wo er eigentlich nicht mehr hinwollte. Genau, er ist wieder in Bielefeld, um dort das Studium aufzunehmen. Erneut vom Schicksal gestraft sozusagen. Und mit ihm hat die große Weltenuhr ein paar Umdrehungen mehr auf dem Zeiger. Wir schreiben inzwischen das Jahr 1983, Helmut Kohl ist Bundeskanzler, die Grünen ziehen in den Bundestag ein, der STERN veröffentlicht „Hitlers Tagebücher“ und Schlosser nimmt tatsächlich ein Studium der klassischen Taxifahrerfächer Germanistik, Soziologie und Philosophie auf.
Mit seiner eher spröden, unspektakulären Diktion scheint sich Henschel keinen Deut um die harte Konkurrenz auf diesem Erzählterrain zu scheren. Erwähnt seien nur Rocko Schamoni (Dorfpunks), Heinz Strunk (Fleisch ist mein Gemüse), Benjamin Stuckrad-Barre (Soloalbum), Sven Regener (Neue Fahr Süd) oder, auf westfälische Breiten bezogen, Wolfgang Welt (Peggy Sue). All diese Titel handeln vom Groß-und-doch-nicht-stark-und-klug-Werden im Pop-Zeitalter und von Ausbruchsgelüsten, denen überall Widerstände, Irritationen und oft auch die eigene Sozialisation im Wege stehen. Henschels Geschichte plätschert seelenruhig dahin, in einfacher, niemals überfordernder Sprache und mit wenigen Knalleffekten. Das alles erinnert an den Mindener Autor Andreas Mand, dessen vier Paul-Schade-Romane ebenfalls sprachlich fast lapidar daherkommen. Wer Pop-Literatur unter dem Aspekt des Dokumentarischen, Authentischen wahrnimmt, wird an Henschels Abenteuerroman seine helle Freude haben. Hier verdichtet sich ein Erzähl-Mosaik zu einem Zeitbild, das keine soziologische Studie besser rüberbringen könnte: Ach ja, so war das damals, was waren wir doch so herrlich naiv und unbeschwert.
Gerhard Henschel: Bildungsroman. Hoffmann und Campe 2014, 572 S., 24,99 €
Walter Gödden



Hinterlassen Sie einen Kommentar oder setzen Sie einen Trackback.
Kommentare abonnieren.
Bitte fair bleiben. Wir behalten uns vor, gegebenenfalls Kommentare zu löschen.
Sie können diese Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>