von Tobias Wimbauer
Peter Probst hatte vorhin ein Photo auf seiner Facebookpinnwand. Darauf eine Musikkassette und ein Bleistift. Drunter stand: »unsere Kinder werden den Zusammenhang nie verstehen.« Und es entspann sich eine Diskussion darüber, dass man sich ja noch nicht ganz alt fühlen müsse, solange da »unsere Kinder« und nicht »unsere Enkel« stehe, und dass die Kinder erst recht verwirrt wären, wenn die Kassette über den Löchern oben auch noch Tesastreifen aufweisen würde.
Das brachte mich darauf, dass ich von Mixtapes schreiben wollte. Doch erst noch eines zu dem Bleistift und der Kassette: Also, mit Kulis oder Stabilos ging das manuelle Spulen viel besser als mit Bleistiften. Die waren nach exzessivem Spulen irgendwann abgenuddelt, das war dann beim Draufrumkauen (ich bin ein alter Bleistiftkauer beim Schreiben oder Korrekturlesen) unangenehm, weil die Lackierung abblätterte. Und man immer (»pfff-t pfff-t«) die Lacksplitter ausspucken musste.
Gekaufte bespielte Kassetten hatten einen Überspielschutz, da war ein Loch oben rechts und eines oben links. Wenn das Loch offen war, konnte man auch im Suff radiohörenderweise auf den Kassettenrekorder fallen (das Abspielgerät wurde nämlich paradoxerweise immer Rekorder genannt, obwohl man hauptsächlich abspielte und zwar auch aufnahm, aber eben weniger als dass man abspielte), und es passierte nichts. Man konnte aber die Kassettenlöcher oben abkleben und dann konnte man aufnehmen, man konnte astrein drüberspielen, alles wurde 1:1 gelöscht und überschrieben. Wie viele Sonntagabende sass ich am Rekorder, hatte eine abgeklebte Benjamin-Blümchen-Kassette drin, auf die Sekunde genau zurechtgespult, und hörte die SWF3-Hitparade mit Elmi (doof wurde Elmar Hörig erst, als er ins Fernsehen kam) und Stephanie Tücking. Und da kamen fabelhafte Sachen, die ich aufnahm. Die besten Mixtapes – die damals freilich noch nicht Mixtapes hiessen, sondern einfach »Kassetten« – hörte ich immer und immer wieder, und manche Lieder waren unterbrochen von Verkehrsnachrichten – Falschfahrer für die Ewigkeit.
Einmal waren wir auch in der Hitparade. Man rief da ja an und sagte Interpret und Titel und das wurde irgendwie gezählt und ausgewertet. Mit meinem damals besten Freund Jon stieg ich immer mal wieder in das historische Taufbecken vor der Kirche, in das die auswärtigen Pilger die Spendegroschen warfen, und wir räumten das Kleingeld aus. Davon kauften wir Eis oder Schokolade im »Rössle«, so hiess die Dorfpinte in St. Ulrich im Schwarzwald südlich von Freiburg. Und damit konnten wir ganz oft von der Telefonzelle aus in Baden-Baden anrufen und einen völlig abwegigen B-Side-Titel von Elvis für eine Sendung in die Top-50 wählen. »Da hat sich aber einer angestrengt«, sagte Elmi in der Anmoderation.
Überhaupt die Telephonzelle. Die stand mitten in St. Ulrich. Sonst gab es ja nichts. Jon und ich haben da recht viel Schindluder mit getrieben. Da hingen diese riesigen dicken Telephonbücher in einem Schwenkständer. Da konnte man seinen Pimmel mitten zwischen die Seiten halten und losstrullen und es tropfte nicht runter, weil das viele Papier sofort alles aufsog. Wenn man das zwei-, dreimal gemacht hatte, waren die Telephonbücher doppelt so dick wie vorher und sie hingen nicht mehr gerade, sondern kegelförmig. Wir wussten ganz genau, wann die neuen Telephonbücher rauskamen und aufgehängt wurden, und dann wussten wir, was wir zu tun hatten.
Mit dieser Telephonzelle konnte man auch noch ganz andere Sachen machen, aber lassen wir das besser. Ich habe in dieser Telephonzelle auch das erste Mal eine Zigarette geraucht und bin halb verreckt vor Husten, aber das war egal, denn Coolness zählte nicht in Sankt Ulrich, wir waren allein, es gab ja nur alte Leute in dem Dorf. In der einen Strasse gab’s zwar gleichaltrige Mädels, aber die waren komisch, die Töchter von Professor O. und von der Familie J., wo die Mutter immer diese riesigen Basthausschuhe anhatte. Die Töchter zogen sich gern bei vollem Licht abends aus und um. Als wir das wussten, hatten wir unsern spätabendlichen Sitzplatz auf der Kuhwiese von Bauer G. mit ausgezeichneter Sicht auf ihr Schlafzimmer.
In einem Winter zogen wir von Haus zu Haus, schaufelten den Schnee in den Einfahrten weg und klingelten dann und lobten unser Wegschaufeln, und wenn wir Glück hatten, bekamen wir fünf Mark dafür. Da war so viel Schnee, dass wir Gänge graben konnten auf der Wiese vom Nachbarbauern. Wir haben auch Dinge aus den Vorgärten geklaut, die wir beim Gemeindediener abgaben als Fundsachen. Der lobte uns als brave und vorbildliche Jungs und gab uns Schokolade oder ein Markstück, und im nächsten Gemeindeblättle stand die Fundsache dann drin, fand also rasch wieder heim.
Mirko Kussin | Tobias Wimbauer: Hundert Dinge.
Hagen-Berchum: Eisenhut Verlag, 2012, 144 Seiten,
ISBN 978-3-942090-20-9, Br., 14,90 € (= Bibliotope, Band 9)



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