In seinem neuen Buch „Überleben auf Festivals“ stellt Oliver Uschmann ultimative Fragen: Wie soll man sich verhalten, wenn man einem „Bollo“-Typen begegnet? „Der Bollo ist ein von jeglichen Umgangsformen befreiter, tätowierter Mann, der meistens Jogginghosen aus Ballonseide trägt. Von sich selbst sagt er, dass er ein lieber Typ sei, doch im Gegensatz zur Gattung Männerherz, auf die das wirklich zutrifft, muss der Bollo leider regelmäßig etwas oder jemanden zu Klump schlagen, am liebsten zu den Klängen seiner Lieblingsgattung des Musikers, dem Grobian. Die Bezeichnung Bollo stammt aus dem alltäglichen Sprachgebrauch des ‚Herumbollerns‘, also des rüden und unsensiblen Verhaltens. Manche behaupten allerdings, sie gehe auf ein Leibgericht des Bollos zurück: die ‚Pom Bollo‘, einen Riesenhaufen Pommes frites mit zwei Litern Hacksoße. Ein barbarisches Gericht, das es in dieser Form nur im Ruhrgebiet gibt.“ Was also tun, wenn plötzlich ein Bollo vor einem steht? Uschmann rät: „Rustikal reden. Bier teilen. Von der Arbeit erzählen. Nicht auf die Ballonseide starren. Verschweige, dass du studierst.“
Der Bollo ist nur einer von vielen Festival-Nerds, die Uschmann vorstellt und messerscharf seziert. Es gibt auch den „Choleriker“, „Kegler“, „Retro-Rocker“, „Weltverbesserer“ oder – in weiblicher Variante – den „Bettina“ bzw. „Betty“-Typ, „Turteltäubchen“ oder die „Lese-Lara“. Uschmann nimmt sie alle ins Visier und lässt sie vor unserem geistigen Auge neu erstehen: die Harten und die Beinharten, die Kuschelrocker wie die Vandalen. Skurrile Käuze allesamt, etwas verloren in der Wirklichkeit und doch – in der Hauptsache – liebenswerte Gestalten, die einem Hobby frönen, das oft zum Lebensinhalt geworden ist.
Im Anschluss an seine Typenlehre wendet sich Uschmanns „Expedition ins Rockreich“ der Gattung der Musiker zu, bestimmten Verhaltensritualen, der Ernährung, Bauten und Siedlungen und der Security. Nichts bleibt außen vor, nichts entgeht seinem angeschrägten alltagsphilosophischen Scharfsinn.
Alles nur Satire, erklärt uns Uschmann im Vorwort. Das bräuchte er zwar nicht, aber schön, dass er’s noch mal gesagt hat. Übertreibung macht bekanntlich anschaulich. Bei „Überleben auf Festivals“ ist sie das Salz in der Suppe. Uschmanns Festival-Fibel zufolge müsste der Schreiber dieser Zeilen ein Wohnmobil fahren, einen meterlangen Bart tragen und kiloweise Fleisch brutzeln. Nichts davon. Egal. Wir delektieren uns an einem Uschmann in Hochform und hochkomischen Erörterungen und Maximen, von denen eine da lautet: „Festivals sind ein Ausnahmezustand. Wer die Wildnis überleben will, muss die Wildnis verstehen.“ Uschmann ist unentwegt dem Zeitgeist auf der Spur. Hier hat er ihn in einer Nische ausgespäht, da, wo’s manchmal besonders wehtut.
Zum Schluss klärt der Autor noch darüber auf, wie es mit seiner eigenen Festival-Premiere war. Ausgerechnet ein Peter-Maffey-Konzert war eine Art Initialzündung. In der offiziellen Vita ist es dagegen ein Nirvana-Konzert 1991 in Köln. Ja, so ist das mit dem Coolnessfaktor und den vermeintlichen Zwängen, die er mit sich bringt.
Walter Gödden



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