Beckumer Berge, Stromberger Schweiz. Erstaunlich, was das als so flach geltende Münsterland topographisch und toponymisch so zu bieten hat. Sogar eine Höhenburg gibt es hier ganz in der Nähe von Haus Nottbeck, das mich zur Zeit für einige Tage beherbergt und mir einen Raum (und Gegend!) zum Schreiben bietet. Die höchste Kuppe dieses Massivs befindet sich auf übersichtlichen 174,4 m über N.N. In unmittelbarer Nähe meines Wohnortes Aachen liegt der Vaalserberg, die höchste Erhebung der Niederlande, mit 332,7 m über N.N ist sie ähnlich üppig.[1] Dort treffen Belgien, die Niederlande und Deutschland aufeinander. In diesem Umfeld liegt meine, wie man landläufig sagen würde, ‘zweite Heimat’. Vor mehr als 12 Jahren bin ich dem Bindestrich NRWs (in entgegengesetzte Richtung) entlang dorthin umgezogen.
Wenn es soetwas wie eine zweite Heimat gibt, dann muss es auch eine erste geben. Ob die Ordnungszahl eine chronologische Angabe ist oder etwas über die Prioritäten aussagen soll, bleibt offen. Fast immer spricht man von Heimat in der Einzahl, sehr viel seltener hingegen von ‘Heimaten’. Vermutlich würde es das aber sehr viel eher treffen. Gerne – und nicht ganz ohne Koketterie – bezeichne ich mich als einen Exilwestfalen im Rheinland. Für den indigenen Oecher, wie der Aachener sich selbst nennt, ist wohl auch kaum zu überhören, wo ich wechkomme. Auch wenn sich nach über einer Dekade Leben im Rheinland sprachlich einiges verschliffen und anderes eingeschlichen hat, lässt sich nicht leugnen, dass ich den oecher Singsang höchstens nachahmen kann, aber nicht spreche.
Ich spiele nur zu gern mit den Gegensätzlichkeiten von Rheinländern und Westfalen und dazu gehören: Mund- und Lebensart, Landschaft, Menschen, Mentalität, Schützenfest und Karneval und vor allen Dingen: Klischees. Doch ganz offenbar muss es ja Gründe dafür geben, dass ich als ‘bekennender Westfale’ immer noch hier lebe. Die Gründe für den damaligen Umzug hierher sind vielfältig und vermutlich an dieser Stelle eher langweilig bis banal. Was mich bislang im Rheinland gehalten hat, ist vielleicht, neben den Freundschaften, die entstanden sind, und neben den vielen ästhetischen und historischen Reizen dieser Stadt, die zudem in unmittelbarer Grenznähe gleich zweier Länder liegt, sowohl eine gesunde Distanz zur ‘ersten Heimat’ als auch eine gewisse literarische Randlage.
Beides ermöglicht eine Art Außensicht, ja vielleicht sogar eine gewisse Draufsicht aus flacher Höhe. Das Zentrum des dt. Literaturbetriebs ist Aachen sicherlich nicht[2]. Ohnehin steht man als Lyriker eher nicht in diesem Zentrum – was man manchmal beklagt, oft genug aber auch zu schätzen weiß. Die ‘poetischen Zentren’ sind vielmehr Berlin und Leipzig – hier ist nicht nur die Autorendichte hoch, hier sind auch relevante Verlage, Veranstalter, Institutionen, Zeitschriften, freie Initiativen usw. Doch weiter weg vom Westrand kann es fast nicht sein. Inmitten dieser Dichte würde ich, das ist meine Befürchtung, wahrscheinlich Überblick und Orientierung verlieren, vielleicht nicht gleich im wörtlichen Sinne, aber vermutlich im Sinne der Literatur, des eigenen Schreibens. (Gelegentlich schaut man doch etwas neidisch hinüber und wünscht sich, die dortigen Freunde und Bekannten öfter zu sehen und Veranstaltungen vor Ort besuchen zu können.) Diese Randlage lässt mich tatsächlich ein wenig gelassener schreiben, ein wenig unaufgeregter wahrnehmen, was die Kolleginnen und Kollegen in der Ferne entwickeln, veranstalten und schreiben.
Von einer Unübersichtlichkeit Westfalens, der es zu fliehen gelte, kann man hingegen wohl kaum sprechen. Am verzweigtesten und dichtesten ist wohl der westfälische Teil des Ruhrgebietes – an dessen östlichem Rand wiederum, dort wo das Ruhrgebiet jenseits der Lippe ins Münsterland übergeht, in Hamm, bin ich geboren und aufgewachsen. Hier ist es übersichtlich, zum Teil überraschend weitläufig und grün. Dass ich von hier nach Abitur und Zivildienst weggezogen bin, hatte sicher auch etwas mit Abnabelung zu tun, mit Emanzipation. Vor allem aber bildet die neue, ‘zweite’ Heimat mittlerweile eine Art Kontrastfolie, die das Vertraute in ein anderes Licht taucht. Ein neues (oder sagen wir ein zumindest leicht verschobenes) Raster, durch das man auf die Heimatregion blickt und so Vieles deutlicher zu sehen imstande ist. Das ist auch und insbesondere literarisch, ja poetisch, äußerst produktiv. Erst aus dieser Perspektivverschiebung, dieser leichten Änderung des Blickwinkels haben sich mir Westfalen und das Ruhrgebiet als auch als poetische Topographien erschlossen, aus denen (und auf denen) Gedichte erwachsen können wie auf der begrünten Abraumhalde einer längst stillgelegten westfälischen Zeche – oder: auf den Beckumer Bergen.
Christoph Wenzel
1979 in Hamm/Westf. geboren, dort aufgewachsen; Studium der Germanistik und Anglistik; arbeitet als Autor, Verleger und Universitätsangestellter in Aachen; gemeinsam mit Daniel Ketteler betreibt er den [SIC] – Literaturverlag, in dem neben Einzeltiteln auch die Literaturzeitschrift [SIC] erscheint; verschiedene literarische Auszeichnungen und Stpiendien; zahlreiche Veröffentlichungen in Zeitschriften (z.B. Edit, Belletristik, Das Gedicht, intendenzen, mare) und Anthologien (z.B. Jahrbuch d. Lyrik, Lyrik von JETZT zwei, Neubuch, Quellenkunde, Der Deutsche Lyrikkalender, Kölner Kneipenbuch). 2005 erschien der Lyrikband zeit aus der karte (Rimbaud Verlag), 2010 erschien der Band tagebrüche (yedermann Verlag).
[1] Eigentlich müsste es heißen: die höchste Erhebung des europäischen Teils der Niederlande, denn mit der Eingliederung der Niederländischen Antillen im Oktober 2010 ist der 877 m hohe Vulkan Mount Scenery der höchste niederländische Berg.
[2] Dennoch hat der Raum AC eine ganze Reihe ausgezeichneter Autoren, insbesondere Lyriker vorzuweisen.



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