Bücher

Komm ins Abenteuerland

Einst entsandte Grimmelshausen seinen Simplicissimus ins Reckenland Westfalen, um sich hier umzuschauen. Nun schlüpft der Poetry-Slammer Mischa-Sarim Vérollet in die Rolle eines bayerischen Aliens, um Westfalen mit neuem Blick kennen zu lernen.

Leo ist Franke. Und hat einen sprechenden, störrischen Rucksack, Paul. Was er nicht mehr hat, ist Frida. Die hat ihm den Laufpass gegeben. Will eine Auszeit nehmen, weil’s in der Beziehung kriselt. Aus ihrer Sicht. Leo sieht das ganz anders. Er will unbedingt mit Frida ein klärendes Gespräch führen, das alles wieder ins rechte Lot rückt. Doch Frida ist fort. Nicht im fernen Thailand, wohin ihre Flucht vor dem ungestümen Leo zunächst gehen sollte, sondern ausgerechnet in einer – für Franken – terra incognita: WESTFALEN. Und genau dorthin macht sich Leo auf, um Frida wieder in die Arme zu schließen. Doch er hat Pech. Immer kommt er einen Tick zu spät, um Frida zu erwischen. Wie Hase und Igel. Oder so ähnlich.

So ist Leo auf Manu, die gemeinsame Freundin, angewiesen. Sie versorgt ihn mit den aktuellen Koordinaten von Fridas jeweiligen Aufenthaltsorten. Und schwupps schultert Leo seinen Rucksack und nimmt die Witterung wieder auf, so blauäugig wie einst Voltaires Candide, der nicht zufällig aus hiesigen Breiten stammt.

So viel zur Rahmenhandlung. Die Binnengeschichte zeigt Leo The Conquerer. Er erobert Westfalen auf seine Weise: Erotisch (die Girls fliegen ihm nur so zu), kulinarisch (da hat es ihm vor allem die Currywurst angetan) und alkoholisch (bei seinem Beziehungsfrust lässt er keine Biersorte und nichts Hochprozentiges aus).

Und da ist noch eine dritte Ebene, eine enzyklopädische. Sie liefert – gestalterisch vom übrigen Text abgehoben – die „hard facts“ über Land und Leute, führt Sehenswürdigkeiten auf, bringt auch Statistik ins Spiel. Es kommen auch Gäste zu Wort, der Poetry Slammer Andy Strauß beispielsweise, der seine Ausgehtipps und Lieblings Gourmet-Tempel aus Münster verrät. Auf ähnliche Weise werden auch die weiteren westfälischen „Metropolen“ Bielefeld, Dortmund, Paderborn und Bochum ins – vor allem – Night-Life-Licht gerückt.

Leo gefällt es im „Land der Schinken und Würste“ ausgesprochen gut. Er schließt schnell Bekanntschaften, wird überall hin eingeladen, in eine quirlige WG zum Beispiel, zum Baden in der Ruhr. Er lernt Orte kennen, die ihn in Verzückung geraten lassen – einmal abgesehen von den Bahnhöfen und Bahnhofsvorplätzen, die sich, so Leo, an Hässlichkeit gegenseitig überbieten.

Leos Roadmovie führt ihn kreuz und quer durchs „Reckenland“ (um den Kartäusermönch Werner Rolevinck aus dem 15. Jahrhundert zu zitieren) bzw. von Station to Station, wie einst David Bowie sang. Leo bereut seine Reise keine Minute. Auch wenn das Happy End mit Frida ausbleibt. Schließlich ist da ja noch Ulli, eine seiner Reisebekanntschaften, mit der er sich eh besser versteht, die seine Roger-Cicero-Abneigung teilt und auch Verständnis für seine Fußball-Manie aufbringt.

Zum Schluss gibt’s ein Resümee „Westfalen für Eilige“ und eine Art Ahnengalerie berühmter Westfalen mit Annette von Droste-Hülshoff auf der Pole Position. Und dann steht es schwarz auf weiß auf Seite 246 unter „10 Orte in Westfalen, die man unbedingt gesehen haben sollte“: „Westfälisches Literaturmuseum (Oelde): Das Kulturgut Nottbeck bietet neben regelmäßigen Veranstaltungen und einer Dauerausstellung zur westfälischen Literatur zudem ein wunderbares Setting für romantische Dates.“ Danke, das tut gut!

Mischa-Sarim Vérollets „Westfalen Heimatbuch“ ist in einer Reihe des Conbook-Verlags erschienen, in der bereits Reiseführer zu Berlin, München, Ostfriesland, das Rheinland, Schwabenland und Wien herausgekommen sind. Die gewählte Form – Belletristik, vermischt mit dem Standardrepertoire üblicher Reiseführer – ist originell und eröffnet ebenso frische wie schräge Blicke auf eine Region, die man vermeintlich schon bestens zu kennen glaubte. Vérollet ist für so ein Unterfangen erste Wahl. Er schreibt unterhaltsam, leichtfüßig und spricht Leser seiner Generation (die twentysomethings) punktgenau an. Die unterhaltsamen Leo-Episoden sorgen jederzeit dafür, dass das trockene Beiwerk (das erwähnte Enzyklopädische) nicht die Oberhand behält. Er erzählt, was alles passieren kann, wenn man sich auf das Abenteuer Westfalen einlässt.

Paul aber, der sprechende Rucksack, zieht sich nach dem Westfalen-Trip auf sein Altenteil zurück. Ihm reicht’s. Time to settle down. Und was Leo angeht: Da war er sowie der Schlauere. „Nimm doch Ulli“, hatte er ihm schon immer geraten. Doch Leo blieb störrisch. Er musste erst durchs westfälische Fegefeuer, um die Wahrheit dieser Worte zu begreifen. Hätte er doch eher auf seinen Rucksack gehört.

Walter Gödden

Diskussion

Hinterlassen Sie einen Kommentar oder setzen Sie einen Trackback.

Kommentare abonnieren.

Bitte fair bleiben. Wir behalten uns vor, gegebenenfalls Kommentare zu löschen.

Sie können diese Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

*Notwendige Angaben