Was war!

Wiederentdeckt – Erich Grisar

Hier ein zweiter kleiner Einblick in die Lyrik Erich Grisars, der später eher als Dortmunder Anekdotenschreiber bekannt und erfolgreich wurde. (Erster Einblick: hier).

Dämmerstunde

Wenn der Abend in die Gassen fällt
und das Licht auf den Plätzen verdämmert,
wenn der Himmel sein Blau verliert
und in allen Farben matt aufzuleuchten beginnt,
kommen die Frauen aus ihren Häusern,
um nach den Kindern zu sehn.
Männer schreiten heim von den Werken
mit müden bedächtigen Schritten.
Plötzlich sind alle Straßen voll friedlicher Menschen.
Selbst die Autos fahren sachter in dieser Stunde,
da die Uhren an den Ecken aufleuchten
als wollten sie erinnern an Stunde und Zeit
die Menschen die beides vergessen.
Irgendwoher tönen Glocken,
Singen springt auf
und der Himmel wird dunkler
bis er wie Samt ist,
der über die Erde sich legt
und ihre Sorgen.
Dann aber beginnen auch schon die Sterne zu flimmern
und im Knattern der Wagen,
die sehnsüchtige Menschen
hinbringen zu ihren Frauen,
ihren Geliebten,
beginnt neue Hast.

September 1928

(S. 418)

 

Place Brouckeré

Türensteher, Kofferträger.
Autos blitzen, Glas und Chrom.
Packard, Opel, Peugeot, Ford.
Masken starren fahl wie Leichen
– aufgewärmt durch Infrarot –
auf die Wand der Lichtreklamen,
weiß und blau und grün und rot:
Moulin rouge – Chronometre,
Olivetti – Oreol.
Rolex Oyster – walon fréres,
Monte Huile – Imperiale.
Snack Bar – Grill Room,
dancing – Cinema,
Bieres Roelants – Aspirin.
Air France – Stella Artois.
Stella? Stella! Und der Mond?
Hinter Wolken, halbversteckt,
sucht ihn nur das tote Auge
eines Bettlers.
Un pauvre Homme aveugle.
Kaufen Sie Lose mein Herr!
Lose der Loterie Coloniale!
Sie können eine Million gewinnen
und die Welt dafür kaufen.
Oder sich begraben lassen.
Funérailles pompes.
Wie Sie wollen.

(S. 423)

 

Brauchst Du …

Brauchst du einen Kinderwagen,
brauchst du Stroh für deinen Kopf,
hast du einen schlechten Magen
oder hast du einen Kropf,
brauchst du wöchentlich drei Mädchen,
weil sich keines bei dir hält,
löste sich bei dir ein Rädchen,
hat die Grippe dich gefällt,
suchst du eine neue Wohnung,
falls du Geld für diese hast,
oder brauchst du etwas Schonung,
fällt die Freundin dir zur Last,
wurde dir ein Kind geboren,
lief dir zu ein junger Hund,
oder hast du etwas verloren
Suchst du einen Scheidungsgrund
suchst du einen Kammerjäger,
der dir deinen Pelz entlaust,
oder einen Lautenschläger,
daß Musik dein Ohr umschmaust,
brauchst du eine Frau zur Ehe,
oder eine Freundin nur,
oder tut dir sonst was wehe,
geh zur Zeitungsagentur;
denn für alles hilft die Zeitung,
hilft ein kleines Inserat,
nur bei chronisch langer Leitung
hilft allein ein kaltes Bad.
Dieses ist auch da vonnöten,
wo man eine Zeitung hält,
die die Kröten der Proleten
nimmt und mit den Reichen hält.

29.5.1930

(S. 429)

 

Wer will nochmal, wer hat nochmal?

Wer will nochmal, wer hat nochmal,
ein ganzes Dutzend steht zur Wahl.
Generäle, Deserteure,
Exminister und Phraseure,
Prinz Auwi ist auch dabei,
selbst um Epp ist viel Geschrei.
Auch Herr Schacht der Marktzerstörer
spielte gern den Volksbetörer.
Soll vielleicht Oskar von Preußen
diesen Posten ihm entreißen?
Oder sind wir schon so arm,
daß Hildburghausens Landgendarm
mit nicht ganz gültigen Papieren
uns ins dritte Reich soll führen?
Immerzu, das wäre heiter:
Thälmann wird Transportbegleiter.
Wird er auch nicht selbst gewählt,
jede Thälmannstimme zählt
für Herrn Hugenbergs Transport
und das Volk bezahlt den Sport.
Unsre Mark geht wieder Hops,
aus der Republik wird Klops
und am Ende rufen alle:
Ach, wir gingen in die Falle.
Hätten wir nur den behalten,
den wir den Verräter schalten,
und den wir doch besser kannten,
als wir ihn den „Retter“ nannten,
nimmer hätten wirs bereut.
Nun, dazu ist jetzt noch Zeit.

22.2.1932

(S. 438)

 

Erich Grisar: Ausgewählte Werke. Hrsg. von Fiona Dummann, Walter Gödden u. Kerstin Mertenskötter. Bielefeld: Aisthesis 2014. Veröffentlichungen der Literaturkommission für Westfalen Bd. 61, Reihe Texte Bd. 29.

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