Autoren, Entdeckung

Wiederentdeckt – Erich Grisar

Grisar_AusgewaehlteWerke

Nun ist sie erschienen, die erste umfangreichere Werkausgabe des Dortmunder Autors Erich Grisar (1898–1955). Ein Band, der den Ausgangspunkt einer Wiederentdeckung dieses Schriftstellers bilden kann und soll, dessen Erzählungen mit Texten Heinrich Bölls, Siegfried Lenz’ und Wolfgang Weyrauch verglichen werden.

„Sein ureigenes Thema war die Industrie- und Arbeitswelt als Faszinosum und Fluch, als menschenzerstörendes Ungeheuer. Er blickte in die Fabrikhallen, er schaute in die Gesichter der Arbeiter, er thematisierte privates Alltagsleben und Alltagsleid – aber, und das ist wichtig, ohne Sentiment, ohne aufgesetzte Attitüde. Sein begrenztes Stoffreservoir bedingte gleichzeitig eine eingeschränkte überregionale Leserschaft.“ (Nachwort)

Diese Edition legt ihr Hauptaugenmerk auf seine Lyrik und die Sozialreportagen, die weit über regionale Anekdoten hinausgehen; zudem enthält sie Gedichte, die – u.a. wegen kritischer Tendenzen – zu Lebzeiten Grisars unveröffentlicht blieben. „Die Wahrhaftigkeit des Erzählten – ein Signum all seiner Werke“ (Nachwort) ist auch hier zu finden.

 

Gedicht aus dem Nachlass

Place Brouckeré

Türensteher, Kofferträger.
Autos blitzen, Glas und Chrom.P
Packard, Opel, Peugeot, Ford.
Masken starren fahl wie Leichen
– aufgewärmt durch Infrarot –
auf die Wand der Lichtreklamen,
weiß und blau und grün und rot:
Moulin rouge – Chronometre,
Olivetti – Oreol.
Rolex Oyster – walon fréres,
Monte Huile – Imperiale.
Snack Bar – Grill Room,
dancing – Cinema,
Bieres Roelants – Aspirin.
Air France – Stella Artois.
Stella? Stella! Und der Mond?
Hinter Wolken, halbversteckt,
sucht ihn nur das tote Auge
eines Bettlers.
Un pauvre Homme aveugle.
Kaufen Sie Lose mein Herr!
Lose der Loterie Coloniale!
Sie können eine Million gewinnen
und die Welt dafür kaufen.
Oder sich begraben lassen.
Funérailles pompes.
Wie Sie wollen.

S. 423

 

Ein Stück Wurst ging verloren

Damals ist auch die Geschichte mit der Wurst passiert. Ich sollte, wie schon oft, ein Pfund Wurst vom Metzger holen. Damit ich sie nicht verlor, gab mir meine Mutter die große Markttasche, die damals in fast jedem Haushalt die Stelle der heute üblichen Einkaufsnetze einnahm, mit. Unsere Tasche war wie alle andern, nur mit dem einen Unterschied, daß sie an einer Ecke ein Loch hatte. Nun war dieses Loch nicht so groß, daß man eine Kartoffel dadurch hätte verlieren können, aber mit einem Stück Wurst war das was anderes.

Ein Pfund Wurst besteht bekanntlich aus zwei Stücken. Das eine dieser beiden Stücke ist das lange Stück, das der Metzger auf den ersten Blick für ein Pfund hält und das er auch gerne dafür hergeben würde, aber weil es sich auf der Waage als zu leicht erweist, legt er ein zweites Stück dazu. Es ist kein Wunder, daß dieses zweite Stück leicht verloren geht. Es ist ja so winzig gegenüber dem großen Stück, dem es beigegeben wurde.

Wer weiß, wie gut Wurst, die frisch aus den Händen des Metzgers kommt, einem Kinde schmeckt, wird das verstehen, und wenn der Metzger selbst das übrige große Stück für ein Pfund hielt, warum soll die Mutter, die keine Waage hat, es nicht dafür halten?

Diesmal jedoch hatte ich es eilig, und es war zu hoffen, ja, bestimmt anzunehmen, daß die Beilage heil nach Hause kommen würde. Sie kam auch heil nach Hause, sodaß ich sehr erstaunt war, als meine Mutter mich trotzdem fragte: Wo ist denn das eine Stück?

Welches Stück, fragte ich ganz erstaunt. Gewohnheitsgemäß fügte ich hinzu: Das muß ich verloren haben.

Hat’s gut geschmeckt? fragte mich die Mutter weiter.

So ehrlich entrüstet bin ich selten gewesen. Aber das ist der Lauf der Welt. Hundertmal hat man Unrecht und niemand kommt auf den Gedanken, es einem vorzuwerfen und das eine Mal, wo man recht hat und sich keiner Schuld bewußt ist, bekommt man Vorwürfe. Ich begann zu weinen.

Die Mutter versuchte zu trösten, aber sie blieb dabei, daß ein Stück Wurst fehlte und so sagte sie: „Na, das will ich dir jedenfalls sagen, wenn du schon die Wurst verlierst, dann verlier nächstens wenigstens das kleine Stück, sonst verdirbst du dir den Magen.“

Das war mir denn doch zuviel. Ich sagte, mehr war es doch nicht und es war sogar noch gut gewogen.

Aber Junge, das ist doch kein Pfund Wurst, sagte meine Mutter nun wieder und nun erst blickte ich genauer hin. Da hatte ich doch wirklich und wahrhaftig ein Stück verloren und dazu noch das große Stück, denn das kleine, das ich gewöhnlich verlor, lag noch friedlich in der Tasche, neben dem Papier, das sich durch das Schlenkern geöffnet hatte. Nachdem ich mich so von meiner Unschuld überzeugte und auch meine Mutter soweit hatte, daß sie mir glaubte, machte ich mich sogleich auf den Weg, um das verlorene Stück wiederzusuchen. Es war dunkel und die Möglichkeit bestand, daß ich es wiederfand. Aber ich muß schon sagen, die Hunde hatten an diesem Abend mehr Glück als ich.

 

(aus: Kindheit im Kohlenpott (1946), S. 334f.)

 

Erich Grisar: Ausgewählte Werke.
Hrsg. von Fiona Dummann, Walter Gödden u. Kerstin Mertenskötter.
Bielefeld: Aisthesis 2014.
Veröffentlichungen der Literaturkommission für Westfalen Bd. 61, Reihe Texte Bd. 29.

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