„Es gelang uns, einigermaßen manierlich auszusehen, als wir die Aufnahmestation betraten. Jan hatte sich das Resthaar gestrubbelt, Ralle zog den Bauch ein und ich versuchte, seriös aus der Katzenwäsche zu kucken. Wir hockten uns hin und starrten die Wände an. Die Innenarchitektur war in jedem Sinne des Wortes ernüchternd, aber der Raum war nicht sprachlos. All deine Träume und Hoffnungen, sagten die Wände, sind eitel und müßig, lass sie fahren, denn es gibt nur dieses eine hier: die Wahrheit des Elends. Andere Patienten trudelten ein, auf ihren eigenen Beinen oder im Rollstuhl. Jan schaute sich um, addierte im Kopf und verfiel in das typische Warteraumflüstern, als er die Rechnung präsentierte: ‚Hier sitzen mindestens 300 Promille‘, zischte er staunend. ‚Ja klar‘, raunte Ralle mit dem Timbre eines älteren Elektrorasierapparates, ‚aber da bist du noch gar nicht mit eingerechnet.‘“
[…]
„Ich lag in der Wanne aus heißem Wasser und Mandelöl und döste weg. In meiner Erinnerung lief ich mit anderen Dötzen die Straße lang, bunte Papierlaternen in den befäusteten Händen haltend und hell singend: Ich geh mit meiner Laterne, und meine Laterne mit mir … Gleichzeitig stand ich als Mann von 52 Jahren neben dem kleinen Korso, in dem ich als Junge lief, und sang laut und mit tiefer, geübter Stimme mit: ‚das Licht geht aus, wir geh’ nach Haus …‘ Die Kinder hörten die Männerstimme und schauten zu mir, ich sang weiter, und die Kindergärtnerinnen, mäuseartige Wesen ohne Busen oder andere Insignien der Weiblichkeit, begneisten mich misstrauisch, aber dann verloren sogar sie temporär die Angst, von der sie beherrscht werden, weil sie spürten, dass kein Unhold dort stand und sang, sondern einer, der die Kinder vor jedem Schrecken behütet und sogar sie, die Kindergärtnerinnen, beschützt hätte, obwohl er sie gar nicht im geringsten mochte, und dann freuten sie sich im Rahmen ihrer doch sehr eingeschränkten Möglichkeiten.“
Wiglaf Droste: Schalldämpfer. Eine Revue
Edition Tiamat
128 Seiten, 14,00€




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