Am 11. Januar 2011 ist der große Schauspieler und Regisseur Imo Moszkowicz im Alter von 85 Jahren verstorben. Dem Museum für Westfälische Literatur war der gebürtige Ahlener verbunden. In Rahmen des Projekts „Jüdische Schriftsteller und Schriftstellerinnen in Westfalen“ veranstaltete Moszkowicz einen Workshop im Kulturgut. Auch eine Hör-CD mit Klassikern der jüdischen Literatur- und Geistesgeschichte entstand in Zusammenarbeit. Ulrich Schmidt hat einen Nachruf verfasst:
Sein Vater war ein russischer Schuster, der als Kriegsgefangener des I. Weltkrieges in Ahlen geblieben war. Dort kam Imo Moszkowicz 1925 zur Welt. Das Leben war schon vor 1933 nicht einfach, danach wurde es unerträglich. Dem Vater gelang die Ausreise zur Schwester nach Argentinien, die Familie, neben Imo noch 6 weitere Kinder, sollte mit der Mutter nachkommen. Für den 10. November 1938 hatten sie Tickets via Hamburg nach Argentinien… Bis auf Imo Moszkowicz hat niemand überlebt. Er musste mit ansehen, wie sein Bruder noch auf der Rampe in Auschwitz erschossen wurde. In Auschwitz „bekam“ er eine Schauspielausbildung bei Rolf Feldheim. Er überlebt Buna-Monowitz, wird von dort auf einen Todesmarsch geschickt. Die Russen befreien ihn in Reichenberg/Liberec. Von dort schlägt er sich durch nach Ahlen. Warum? Zum einen gab es eine Verabredung, „dass wir uns am ersten Sederabend nach dem Krieg in Ahlen bei unserem Tante Treschen treffen.“ Das war eine gute Nachbarin. Zum andern, und das ist ein bei vielen Überlebenden des Holocaust anzutreffendes Motiv: „Wäre ich nicht an den Ort zurückgekehrt, wo ich mich zuhause fühlte, dann hätte Hitler mich absolut besiegt.“ Zurück in Ahlen, strengte er einen Prozess gegen die Brandstifter der Ahlener Synagoge 1938 an. Seine Familie wohnte im Vorderhaus und sah die Täter in den Hof laufen. In der ersten Instanz wurden sie verurteilt, in der zweiten freigesprochen. Er hat darauf hin seiner Heimatstadt verbittert den Rücken gekehrt. Später hat er sich besonnen, ist immer wieder nach Ahlen gekommen, hat zusammen mit seiner Tochter, der Schauspielerin Daniela Dadieu, in Schulen gelesen. 2006 wurde er zum Ehrenbürger ernannt.
Doch er blieb nicht lange in Ahlen. Das Theater rief ihn zuerst nach Warendorf, dann nach Gütersloh: „Ich war vermutlich der erste jüdische Schauspieler nach dem Krieg in Deutschland“, bemerkte er dazu sehr trocken. Er war dann bis 1954 Regieassistent bei Gründgens in Düsseldorf. 1954 bringt er seine ersten eigenen Inszenierungen heraus. In Bielefeld. Erst „Die Caine war ihr Schicksal“. Die Presse sieht ein „Lehrstück der Remilitarisierung“, hat an der Regieleistung freilich nichts auszusetzen. Das zweite Stück, „Der Privatsekretär“, erhält ein großes Lob: „Recht anspruchsvoll und zum Zuhören zwingend.“ Unmittelbar danach reiste Imo Moszkowicz nach Südamerika, um dort im Auftrag des Auswärtigen Amtes insgesamt 5 Theaterstücke zu inszenieren. Er wusste schon damals, dass es sich um „Heimwehtheater“ handelte, dass er inszenieren würde vor Emigranten, die vor und nach dem II: Weltkrieg gekommen waren. Er lernte dort seine Frau Renate kennen, Tochter eines steirischen SS-Hauptsturmführers.
Zurückgekommen, begann eine außergewöhnliche Karriere: Schauspiel. Oper, Operette, Fernsehen – kein Medium, kein Genre mochte auf ihn verzichten, keinem verweigerte er sich. Warum auch? Er hatte Ideen, er konnte sie umsetzen: „Ich war in jenen Jahren persona grata, denn ich habe ja das Fernsehen mit erfunden.“
Beim Auschwitzprozess verweigerte er die Aussage. Stattdessen lud er Richter und Staatsanwälte in seine Inszenierung des Hochhuth-Dramas >Der Stellvertreter< ein. Sie kamen, weil sie seine Begründung akzeptierten: „Ich wollte nicht in einem Raum sein, nicht eine Luft mit denen atmen, die mich umbringen wollten.“ Der Stellvertreter war übrigens das einzige, dezidiert politische Stück seiner Regiekarriere. 1983 gab es einen Karriereknick. Er sollte in Bad Hersfeld inszenieren. Zur gleichen Zeit vergnügten sich dort die Altnazis aus der HIAG. Ein Appell an den Hersfelder Bürgermeister fruchtete eben so wenig wie an Bundespräsident Carstens. Die HIAG durfte bleiben, Imo Moszkowicz ging. Anstatt Angeboten zur Arbeit brachte die Post Drohbriefe. Die von HIAG-Leuten ausgesprochene Drohung, man habe einen langen Arm, bewahrheitete sich. Spätestens jetzt musste er den Realitätsgehalt des Lessingschen Diktums anerkennen.
Imo Moszkowicz war der erste Deutsche, der in Israel Siegfried Lenz‘ Drama >Zeit der Schuldlosen< inszenierte, er war der erste, der einen Film über Theodor Herzl drehte. Er war oft in Israel, hat dort, aber nicht nur dort, u.a. mit Esther und Abi Ofarim gearbeitet. Für seine Bemühungen um Aussöhnung erhielt von der Universität Jerusalem den Scopus Award, eine der höchsten Auszeichnungen, die Israel verleiht.
Zum Ende seines Berufslebens drehte er die letzte Staffel mit Pumuckl, nachdem er seinen jüngsten Enkel gefragt hatte: „Ja, am Theater und beim Film ist es gelegentlich so, dass für eine Geliebte oder einen Freund oder so Produkte erzeugt werden – genau das habe ich für meinen Enkel getan.“ Da war er dann wieder einmal in seiner „gelegentlichen künstlerischen Heimat, dem Unterhaltungstheater“ zuhause. Zu dieser Überzeugung stand er Zeit seines Lebens. Und das keineswegs wegen seiner tristen Vergangenheit, wie ihm das schon mal unterstellt wurde.
Am 11. Januar 2011 ist Imo Moszkowicz in Ottobrunn bei München gestorben.
Lese und Hörtipps:
Der grauende Morgen, München: Boer 1996
Zauberflötenzauber. Reflexionen eines Regisseurs, Mentis 2005
Schlussklappe. Ein Protokoll von Hoffnung und Verzagen, mentis, Paderborn 2007,
„Immer lebe ich in diesem Missverhältnis …“. Einblicke in Leben und Werk des Regisseurs und Autors Imo Moszkowicz. Münster: Landschaftsverband Westfalen-Lippe 2006. (Tonzeugnisse zur westfälischen Literatur. 6.)
Über wackelige Stege – Erinnerungen an Ahlen. Geschrieben und gelesen von Imo Moszkowicz, Mentis 2007.
Von jüdischen Dichtern und Denkern Paderborn: Mentis 2007



Die Caine war ihr Schicksal (1959) – Movie…
Note 9.9/10. Die Caine war ihr Schicksal is a Drama TV Movie of 1959 made in West Germany. Director: Hanns FarenburgCast: Wolf Ackva, Werner Bruhns, Rudolf Fernau, Hans Paetsch, Heinz Reincke, Günther Schramm, Peter Schütte…