Wir möchten den Blog in regelmäßiger Unregelmäßigkeit dafür nutzen, Autoren zu würdigen, Ereignisse und Anekdoten der westfälischen Literaturgeschichte zu dokumentieren und an Bücher zu erinnern, die man ganz einfach mal wieder lesen sollte.
Der Autor Thomas Valentin scheint von einem der unzähligen schwarzen Löcher der Literaturgeschichte verschluckt worden zu sein. Ein untrüglicher alltagspraktischer Beweis ist die Abwanderung seiner einstmaligen Bestseller-Romane in die Magazinkatakomben meiner Stadtbibliothek. Sein heute sich jährender Geburtstag (13.1.1922-22.12.1980) soll deshalb genutzt werden, an Valentin zu erinnern.
Valentin war ein literarischer Senkrechtstarter: sein Debütroman erschütterte 1961 die gemäßigt-sozialkritische Literaturlandschaft in „Adenauerland“. Als 1968 noch in weiter Ferne lag, war es Valentin, der in seinem Roman als erster mit der nazistischen Elterngeneration abrechnete. Grundlage von Hölle für Kinder waren die eigenen Erfahrungen einer „bösen Kindheit“ (Valentin). Valentins Held – ein gebranntes Kind wie er selbst – ist ein Vertretertyp. Ein stromlinienförmiges Role-Model der Wiederaufbaujahre, das plötzlich von den Dämonen der Kinderjahre heimgesucht wird und aus der gewohnten alltäglichen Umlaufbahn geschleudert wird. Valentin rekapituliert in schonungsloser, selbsttherapeutischer Weise die Traumata, Verletzungen und Narben einer Kindheit unter totalitär-autoritären Bedingungen. Sein Roman ist eine Abrechnung mit der verschwiegenen deutschen Vergangenheit und eine Attacke auf ihre aktiven Verschweiger. Ein literarischer Aufschrei und Protest gegen den „Muff aus tausend Jahren“. Dass er seine wütende Abrechnung mit den „Verhältnissen“ ins Schwarze traf, lässt sich an den Reaktionen der damaligen konservativen Sittenwächter ablesen: wegen „Aufreizung gegen die Autorität in Schule und Elternhaus und schmutziger Sexualität“ wollte man den Roman verbieten lassen. Literatur- und Zeitgeschichtlich bildet das Buch eine Urszene der Abrechnung mit der Elterngeneration und ist ein Vorläufer der kritischen „Väterliteratur“ der Siebziger Jahre. Valentin wurde ein Erfolgsautor, der mit Romanen wie „Die Fahndung“, aber vor allem mit Fernsehklassikern wie „Grabbes letzter Sommer“ bis zu seinem Freitod im Dezember 1980 die literarische Szene in Westfalen bereicherte.
S. Sack



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