Adrian Kasnitz kennt man vor allem als Lyriker. Nun legt er mit Wodka und Oliven seinen ersten Roman vor. Er spielt in Berlin, das der etwas heruntergekommene Flaneur Moritz ziellos durchstreift. Seine Gedanken umkreisen immer wieder alte Erinnerungen, vor allem die um ein altes, abbruchreifes Haus in der westfälischen Provinz, das Haus seiner Kindheit. Präzise Beobachtungen, Momente des Intimen und Lakonischen, eine über allem schwebende melancholische Verlorenheit – all das hat der Lyriker Kasnitz in diesen ambitionierten, mit raffinierter Montagetechnik operierenden, nach- denklichen, spätjugendlich bewegten Erinne- rungsroman herübergerettet. Wodka und Oliven ist zugleich ein Roman über die latente Präsenz der Provinz, die der Protagonist abstreifen möchte und doch nicht kann. Er weiß nur: „Ich musste da weg.“
Als er bei der nächsten Straßenecke angelangt war, war da dieses Mädchen, diese junge Frau, die ihm entgegenkam. Er war sich gar nicht sicher, ob sie wirklich auf diesem Bürgersteig als Bürgerin ging oder nur dort stand und sich umwandte. Vielleicht gab es einen Grund, warum sie das hätte tun sollen, aber er fiel ihm nicht ein. Ein Hupen von den vorbeirasenden Wagen? Ein Rufen von irgendwoher? Ein Lichtreflex irgendeines aufgekippten Fensters? Ein vermeintliches Wiedererkennen eines davoneilenden Passanten? Jedenfalls wurde bei ihrer Bewegung ihr Hals deutlich sichtbar. Die Stelle unter dem Kinn, die sonst im Schatten verborgen lag. Dort, er war sich jetzt sicher, war diesmal kein Schatten, sondern ein Muttermal, ein besonderes Muttermal, das nur selten von irgendjemandem entdeckt wurde. Vielleicht hielt die Frau es absichtlich versteckt? Vielleicht ließ es sich gar nicht so gut verstecken und all das Verstecken-Tun war nur eine Antwort auf die vielen Blicke, die dieses Mal, es war ein Mal in Herz-, ja gar Herzchenform, auf sich zog. Und manche hielten es sicherlich für dahin tätowiert
Als er dieses Mal erblickt hatte, machte er sofort kehrt und ging der Frau nach. Sie ging in die Richtung, aus der er gekommen war, nur schien es so, als habe sie kein besonderes Ziel, so wie er vorher eins gehabt hatte, sondern ginge nur einfach so, lockeren Fußes, schlenderte vielleicht, bummelte sogar, hielt sich unnötig lange bei irgendwelchen Fensterscheiben auf, betrachtete die Auslagen, ohne wirklich stehen zu bleiben. Aber ein rechtes Gehen war dies nicht, und ihm fiel schwer, ihr nachzutun, ihr unauffällig, aber in eben diesem besonderen Tempo zu folgen. Dann, an einer nächsten Ecke, wo sich ein Bäckereiladen befand, der eine geöffnete Auslage zur Hauptstraßenseite hin hatte, um die eilig vorbeigehenden Passanten zu bedienen, machte sie Halt und stellte sich ans Ende der bereits Wartenden. Wenige Augenblicke später stellte auch er sich hinter sie. Er betrachtete den Nacken, der keinen Rückschluss auf das jetzt verborgene Mal unter dem Kinn zuließ, und schnupperte vorsichtig, um den Geruch der Frau, des Shampoos oder des Deos aufzufangen. In der Tat roch er etwas Süßliches, aber es war viel zu unbestimmt zwischen den gewöhnlichen Bürgersteigsgerüchen und der scharfen Note der sich in der Häuserschlucht der Hauptstraße ansammelnden Abgase. Vielleicht war es auch nur ein mildes, frühlingshaftes Parfüm, das sich an dieser Straßenecke einfach verlor.
Adrian Kasnitz wurde 1974 in Queetz geboren. Er wuchs in Queetz, Unna und Lüdenscheid auf. Kasnitz studierte Geschichte, Germanistik, Osteuropäischen Geschichte und Romanistik in Köln und Prag. Er ist seit 2002 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Kölner Kulturwissenschaftlichen Forschungskolleg „Medien und kulturelle Kommunikation“ und arbeitet unter anderem zu den Themen Provinz, Reiseliteratur und Heimat. Mit Nika Bertram, Enno Stahl und Stan Lafleur organisiert er eine Lesebühne in Köln und gibt gemeinsam mit Wassiliki Knithaki die Kölner Edition „parasitenpresse“ heraus. 2000 publizierte Kasnitz seinen ersten Lyrikband Lippenbekenntnisse und veröffentlichte seine mehrfach ausgezeichneten Gedichte in verschiedenen Literatur- und Lyrikzeitschriften sowie in Anthologien. Adrian Kasnitz hat zwei Kinder und lebt in Köln.
Walter Gödden




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