
… zynisch-ironisch
Wiglaf Droste hat den Roman eines Sommers geschrieben. Des Sommers 2013, als er sich vorübergehend selbst aus dem Verkehr zog. Zur Entgiftung, wie er sagt. Um neue Energie zu tanken, weil’s mal wieder sein musste. Das Schreiben konnte er während dieser Abstinenz aber doch nicht lassen. Das Ergebnis heißt „Schalldämpfer“, eine Road Novel, die quer durch Deutschland führt und schließlich in einer Badewanne bzw. an einem Frühstückstisch am Thuner See endet. Weiterlesen…

45th anniversary edition
Neulich stand plötzlich Nowack in der Tür. Wollte sich ein grad erschienenes Buch abholen. Ich wüsste schon. – Ja, natürlich, klaro. Es dämmerte. Er meinte den Roman „Nowack“, seinerzeit verfasst vom Dortmunder Autor Wolfgang Körner. Aber jetzt als Neuauflage wieder greifbar. Ob er ein paar Fotos schießen könnte, fragte der Live-Nowack. – Aha, immer noch im selben Gewerbe tätig? Es gibt nichts Spannenderes, murmelte er sich in den Bart. Und mit solchen Schnappschüssen sein Geld zu verdienen, sei schließlich auch eine Kunst. Wo er recht hat … Weiterlesen…
„Ich wache auf. Wüste. Hitze. Sand. Mein Hals ein versteinerter Kaktus. Mein Kopf ein führendes Versuchslabor für die Erzeugung von ultimativem Weltschmerz. Ich drehe mich um mich selbst und verliere das Gleichgewicht, falle blind, schlage hart auf. Aua. Dann kracht etwas mit Verspätung auf mich herunter und geht zu Bruch. Doppelaua. Eine Stimme, die mir ins Gewissen redet. Sanft. Freundlich. Francis. Noch jemand. Ich schlafe wieder ein.
Aufwachen. Tasten. Scherben. Stöhnen. Einschlafen. Weiterlesen…

„Mit exakt 50 km/h gleiten wir die Peter-Hahne-Allee entlang. Der enthusiastische Gesangverein in den Bose-Boxen lobpreiset in voller Lautstärke den Höchsten. Ich stelle fest, dass es tatsächlich gute Gründe zum Jauchzen, Frohlocken gibt. Der Nebel lichtet sich. Endlich. Die Mördersuche geht in die entscheidende Runde.
Platon betrachtet gedankenverloren die vorbeiziehenden Villen in ihren großzügigen Gärten. Malerische Brutstätten der sakralen Elite seiner Zeit, heillos heile Welt, schon seit langer Zeit in Schönheit versteinert, vor unerträglicher Perfektion strotzendes Idyll: das widerwärtige makellose Gondwana. Kein Grundstück ohne Fackeln, Lichterketten oder Lampions in den Bäumen, überall Festtagsschmuck, Kerzenschein von siebenarmigen Leuchtern, die von den zweibeinigen Armleuchtern überall aufgestellt werden. Weiterlesen…

Prolog im Himmel
„Ich bin im Himmel. Der Himmel ist oben in künstlich leuchtendem Babyblau gehalten, das nach unten heller wird, fast weiß. Das Weiß geht in eine bucklige Wolkenlandschaft über, die sich bis zum Horizont aufbläht. Der Himmel sieht aus, wie ich ihn mir immer gedacht habe. Der Himmel ist auch genauso, wie ich ihn mir immer gedacht habe. Ganz hübsch, aber stinklangweilig. Kein Ahnung, wie man hier existieren soll. Selbst wenn man auf dieser Wolkenlandschaft herumlaufen könnte, gäbe es nichts zu tun, nichts zu erleben, nichts zu hoffen. Man säße wie auf einem gigantischen Sahnebaiser herum und könnte sich den ganzen Tag darüber freuen, dass man noch da ist. Sonst nichts. Das ginge vielleicht sogar eine Woche lang gut. Aber dann käme unweigerlich der Punkt, an dem man sich fragt: Was zur Hölle soll ich im Himmel?
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Ein Tagebuch (3–5)
3. Enten (18.05.2014)
Eva und ich sitzen auf einer Treppe, es ist spät geworden. Sie wollte schon um Mitternacht nach Hause, aber wir sitzen immer noch in der Brooklyner Nacht (die in der Tat einen bemerkenswerten Mond anzubieten hat) und reden über Dinge, über die man normalerweise nicht nach kurzer Bekanntschaft redet. Tote Väter, große und kleine Ängste, die Frage, was der Unterschied zwischen „lonely“ und „alone“ ist. Wir rauchen eine Zigarette nach der anderen, wir sitzen auf der Treppe neben der Bar namens „Duck Duck“, und meine Panik hat sich für eine gewisse Zeit gänzlich verabschiedet. Jetzt bin ich also wirklich hier.
Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass mich jemand an der Bar angesprochen hat. Bist Du aus Schweden, welches Bier kann man trinken, so was eben. Eva hat Film studiert und danach für eine Produktionsfirma gearbeitet, die die große Krise nicht überstanden hat. Jetzt kümmert sie sich in einer Beratungsstelle um Suizidgefährdete und leidet unter den steigenden Mieten. Ich vermute, dass sie diese Zeilen niemals lesen wird, ich vermute, dass unser Zusammentreffen auf diesen einen Abend in der Entenbar beschränkt bleiben wird, trotzdem muss es aufgeschrieben, muss er beschrieben werden, der Moment, in dem man das Gefühl hat, dass alles gut ist, dass man irgendwo angekommen ist.
Auf der anderen Seite ist da natürlich die alte Welt (ein Glück und ein Pech zugleich!), im wahrsten Sinne des Wortes, und sie lässt mir keine Ruhe. Sie kommt zu mir jede Nacht im Traum. Es geht – der aufmerksame Leser des bisherigen Tagebuchs wird es erraten können – natürlich um Lady Rosebud. Das Erstaunliche ist, dass ich seit meiner Ankunft in Brooklyn wirklich jede Nacht von ihr träume. Es ist ein in Variationen wiederkehrender und im Grunde vollkommen unspektakulärer Traum, der seine Schärfe erst durch den Augenblick des Aufwachens erhält: Weiterlesen…
Ein Tagebuch (2)
2. Angst und Bange am Stück (17.05.2014)
Andy sagt: Ja, es ist tatsächlich so, als müsse man eine pflegebedürftige Person betreuen. Andy sagt: Die ganze Zeit fragt man sich, ob Martin gerade wieder Angst hat oder nicht. Andy sagt: Du bist wie diese Ziegenart (Anmerkung: Es handelt sich dabei um die sogenannte Myotonic Goat oder Fainting Goat), die bei Gefahr einfach erstarrt und stürzt. Du könntest sogar immer schon umfallen, wenn uns im Dunkeln jemand überholt.
Reisen mit mir sind also kein Vergnügen, Abendveranstaltungen mit mir sind kein Vergnügen, vielleicht ist gar nichts mit mir ein Vergnügen (selbstmitleidiger Einwurf, muss nicht stimmen). Weiterlesen…
Der Tagebuchbeauftragte legt los (1)
Noch rund vier Wochen, dann ist es soweit. Erstmals findet – unter Kurator Tom Liwa – am 13. und 14. Juni auf dem Kulturgut Nottbeck ein Tagebuch-Festival statt. Renommierte Künstler wie Gisbert zu Knyphausen, Barbara Morgenstern, Cäthe, Tim Isfort, Tom Liwa, Thomas Hoeveler und die Band Messer widmen sich namhaften Tagebuchautoren der Vergangenheit (Jack Kerouac, Else Lasker-Schüler, Romy Schneider, Sylvia Plath, Laura Naukkarinen, Kurt Cobain) und lassen hieraus Neues entstehen – Literatur, Performance, Musik, Theater, Tanz, Kunst. Martin Becker, freier Autor und Kritiker, wird vor Ort sein und beide Tagebuchtage für die Medien und diesen Blog dokumentieren. Gewissermaßen als warm up beginnen seine Aufzeichnungen schon jetzt, während eines New-York-Trips, den Martin Becker gerade angetreten hat. Als Nottbeck-Korrespondent wird er uns regelmäßig hierüber berichten. Hier sein Premieren-Beitrag. (Walter Gödden)
Martin Becker
IM BAHNHOF GEWESEN. GEWEINT.
Ein Tagebuch
„Die Gleichgültigkeit einüben.“
Ilse Aichinger, „Kleist Moos Fasane“ (1972)
Eröffnungsrede des Tagebuchbeauftragten (14.05.2014)
Wertes Publikum,
Kafka hat es getan (zitieren wir ihn nicht, es ist nur so erhebend, wenn das erste Wort einer neuen Arbeit „Kafka“ ist), Beckett hat es getan, Aichinger hat es getan. Wo Beckett, da muss kein Becker sein. Denke ich, meine ich, glaube ich, und fange nun also dieses Tagebuch an mit der Gewissheit, dass ich damit nun wirklich nichts zum Lauf der Welt beitragen kann.
Ich bin kein Tagebuchschreiber. Aus mindestens fünf Gründen. Erstens, weil mir die Disziplin fehlt, ganz und gar. Selbst eine halbe Stunde am Tag ist illusorisch, denn ich bin ein Zeitverschwender, ein Chaot erster Güte, ein komplett Asozialer mir selbst gegenüber. Ich vergeude Zeit und Geld, ich versurfe meine Jahre, ich verschwende den Luxus des sogenannten „freien Lebens“ für nichts und wieder nichts. Außerdem bin ich (zweitens) viel zu ausschweifend für knackwurstige Zeilen, die sich im Laufe einer Zigarette weglesen lassen. Drittens, ich kann schriftstellernde Tagebuchschreiber und schriftstellernde Blogger nicht leiden (außer Wolfgang Herrndorf, bis zum allerletzten Wort), ergo mag ich diese Art der Selbstbespiegelung auch nicht, obwohl ich alles in allem sehr narzisstisch bin (vgl. „Kindheit im Sauerland“ ff.). Viertens, mir passiert nichts Aufregendes. Fünftens, ich habe das noch nie gemacht, und ich bin ja – Selbstbespiegelung – von Ängsten, Neurosen und Phobien zersetzt, dazu mein saftiger Pessimismus, kurz und gut, ich bin davon überzeugt, dass das alles hier nichts wird, nichts werden kann.
Da das hier ja nun die Eröffnungsrede des Tagebuchbeauftragten ist, muss ich mich dennoch bei den hohen Herren der Akademie für das Vertrauen bedanken, außerdem von Herzen auch bei meinem Kumpel Andy Gädt, der mein Diary mit vorzüglichen und hintersinnigen Malimalibildern bereichern wird.
Erwarten Sie nichts, Sie werden dennoch enttäuscht sein. Es geht los. Hurra.
Was bisher geschah (14.05.2014)
Ich wusste damals schon, dass es zwei Voraussetzungen gibt: Es muss radikal sein und es muss ehrlich sein. Weiterlesen…

… – und fällt in Janes Arme
Was ist bloß von diesem Roman zu halten? Einen Roman der alles und letztlich auch sich selbst durch den Kakao zieht. Der den Leser ebenso irritiert wie düpiert, weil Simon Urban so draufgängerisch und zügellos schreibt, als gäbe es kein Morgen. Eine Story, die zu einhundert Prozent Slapstick ist und doch vorgeblich eine Botschaft transportiert. Nämlich die, dass religiöse Orthodoxie unweigerlich ins Verderben führt. Aber muss man deshalb einen ultra-ketzerischen Detektiv-Rambo mit dem wahnwitzigen Namen „Ahorn Platon“ („Sagen Sie Platon zu mir, ich bin schließlich kein Baum“) auf ein glückseliges Eiland schicken, um dort einen Mord aufzuklären? Einen Mord, der nie und nimmer hätte passieren dürfen, weil besagte Insel Gondwana das vermeintliche Abbild religiöser Eintracht ist – der kaum für möglich gehaltener Beweis für das friedfertige Zusammenleben aller Weltreligionen.
Natürlich gründet dieses Utopia-Konzept auf einer Fiktion, ist ein Fake. Denn das zauberhafte Südseeatoll ist in Wirklichkeit ein Überwachungsstaat, der seine Bewohner (vor allem Frauen) in jedweder Form gängelt und sie gleichzeitig im Zustand künstlich-naiver Glücks-Euphorie vor sich hinvegetieren lässt. Misstöne sind nicht geduldet und nach außen dringen darf nur, was auf Erfolg getrimmt ist – der Besitz einer Fotokamera, mit der möglicherweise entlarvende Bilder geschossen werden können, steht beispielsweise unter Höchststrafe. Eine ferne, abstruse Welt also, in der der Aberwitz Schindluder treibt. So weit so gut. Doch immer wieder werden wir – Urzeiten nach Nietzsches „Gott ist tot“ – seitenlang darüber belehrt, dass Gott nun wirklich tot sei und sich jede Religion, gleich welcher Couleur, durch ihren Absolutheitsanspruch ad absurdum führe. Brauchen wir eine solche Belehrung/Bekehrung? Eine Moraldidaxe im Roman eines jungen Autors anno 2014. – Hallo?!
Und was ist das nun wieder? Plötzlich wird die Story in Form eines Comics weitererzählt. Will uns der Autor durch die kaum zu toppende (aber dadurch fast zwanghafte) Demonstration seiner Brillanz (die sich zum regelrechten Overkill auswächst) nun völlig ins Boxhorn jagen? Möchte man angesichts all dieses Quatsches das Buch nur noch in die Ecke pfeffern? Weiterlesen…

Wegweiser
das Schild
der Nebel
untauglich
das Foto
nicht festzuhalten
der Weg
wohin
Arnold Leifert (1940–2012)
Arnold Leifert: damit der Stein wächst. Gedichte (1994)

August Stramm
Brief an seine Frau Else Krafft
21. 3. 15
Frühlingsanfang! Sonntag! Sonne! Lerchen! Schüsse! Granaten! Flieger! Lehm! Halme! Gluten! Kühle! Man findet nicht mehr recht aus und ein! Lieb! Es ist eine seltsame Zeit. Schau ich übers Feld, so sehe ich grünen, wachsen, Hasen hupfen, Rebhühner streichen, Zwitschern, Singen, Jubilieren! Und dann pfeifen mir die Geschosse um die Ohren, daß ich mich gleich wieder in den Lehm drücke. Ach, Schatz! Gestern haben wir drei Rebhühner geschossen vor unser Front und bei Nacht geholt und jetzt pruzzeln sie schon im Kochgeschirr! Als Sonntagsbraten! Dazu dein Gebäck! Das gibt ein Mahl! Dazu ein Apfel, ein Schnaps und Kaffee! Du siehst, wir leben hier nicht schlecht. Die Franzosen haben diese Nacht wieder 21 Pfünder probiert! Aber nicht viel Schaden angerichtet. Wir haben ihnen dafür heute Nacht einen Wagen direkt aus ihrer Stellung gestohlen! Eine Frechheit sonder gleichen! Meine Kerls gehen ran wie Feuer! […] Dös is halt der Krieg! Prost, Schatz! Ich trinke einen Schnaps! Rum, Kognak, Portwein, Kaffeesatz, alles in einer Flasche! Aber es schmeckt doch! Als Sonntagsbowle!
Viele liebe herzliche Grüße
Euer Papa
Diesen Freitag: Sterne baden den Weltraum. August-Stramm-Theaterabend bei uns
2014 wäre der in Münster geborene Dichter August Stramm, der seine Fronterfahrung auf künstlerisch innovative Weise verarbeitete, 140 Jahre alt geworden. Grund genug für Regisseur Alban Renz und sein Schauspielduo Carsten Bender und Sarah Giese, dem Dichter, dessen lyrisches Werk oft nur in Schulbüchern auftaucht, auch auf der Bühne Raum zu geben. Im Zentrum steht das noch nie gespielte frühexpressionistische Drama Geschehen.

Blogeintrag Nr. 200!
Das wollen wir kurz feiern und würdigen – und zwar, in dem wir Euch mit Büchern beschenken. Zwei Romane, zwei Gedichtbände und zwei Lesebücher liegen bereit. Ein wenig muss dafür aber auch getan werden …
Und zwar: 1821 versteckte Annette von Droste-Hülshoff in Briefen an ihre Tante Ludowine von Haxthausen mehrere Rätsel. Eins davon lautete: „Was geht übers Wasser und wird nicht naß?“
Drostes Lösung ist naheliegend, ja sie leuchtet ein. Uns aber interessieren Eure kreativsten Antworten! Einfach die Kommentarfunktion unter dem Beitrag nutzen – und mit etwas Glück ist nächste Woche ein Buch zu Euch unterwegs …
Update: Die Gewinner/innen stehen inzwischen fest und werden in den nächsten Tagen benachrichtigt!
PS: Annette von Droste-Hülshoffs Antwort lautete: Die Sonne.