… zynisch-ironisch
Wiglaf Droste hat den Roman eines Sommers geschrieben. Des Sommers 2013, als er sich vorübergehend selbst aus dem Verkehr zog. Zur Entgiftung, wie er sagt. Um neue Energie zu tanken, weil’s mal wieder sein musste. Das Schreiben konnte er während dieser Abstinenz aber doch nicht lassen. Das Ergebnis heißt „Schalldämpfer“, eine Road Novel, die quer durch Deutschland führt und schließlich in einer Badewanne bzw. an einem Frühstückstisch am Thuner See endet.
Wiglaf Drostes Devise lautet: no risk, no fun
Und wir frohlocken. Endlich wieder ein Roman aus Drostes Feder. Kein Mammutwerk, unter dem sich die Bretter des Bücherregals biegen, sondern ein schmales, schmuckes Bändchen in schönstem Hardcover mit 127 Seiten. Handlich ist’s und schnell gelesen, denn der irrwitzige Parforce-Ritt, der einem hier unter die Augen kommt, ist ebenso kurzweiliges wie diebisches Lesefutter. Dank all der Zutaten, die man vom Autor kennt: Eine satirisch geschliffene Sprache, böse Seitenhiebe auf all den Medienmüll, der uns täglich zusetzt, und natürlich dank drostesk gepfefferter Personenschelte, die selbsternannte Medienpromis ebenso trifft wie korrupte Politiker und protzende Kirchenfürsten (2013 war ja auch, bevor man’s vergisst, der Sommer des Tebartz van Elst). Und, ja, auch eine gehörige Dosis Underground ist im Spiel – die letzten Aufrechten der Republik sammeln sich und schlagen auf ihre Weise zurück gegen das Imperium der Großkopferten.
Damit es auch richtig weh tut, werden, in vertraut Droste’scher Manier, die Brandstifter der Volksverdummung beim Namen genannt. Kai Dieckmann („Velveta-Schmierkäse-Visage“) von der Bildzeitung zum Beispiel, deren kalkulierte Heuchelei bloßgestellt wird, Eckart von Hirschhausen (Verfechter eines „Heil Humor! Tumors“ und Prototyp des servilen Charakters), Dieter Bohlen („akustischer Verbrecher gegen die Menschlichkeit“), Claudia Roth („Obergurkin“) oder Tim Renner, dem der Autor den Vortrag „Der rasende Mitläufer als Avantgardist. Wie man als konstitutioneller Popopuhler den Chef raushängen lässt“ unterschiebt.
Spaß und Attacke, lautet Droste Devise, beides muss sein, no risk, no fun. In „Schalldämpfer“ hat er dafür eine adäquate Form gefunden. Der überarbeitete Text war zuvor, zwischen Juli und November 2013, häppchenweise im Feuilleton der „jungen Welt“ zu lesen. Wäre der Begriff „Sommermärchen“ nicht schon tausendmal missbraucht worden – auf „Schalldämpfer“ trifft er zu. Das, was man aus Drostes Glossen kennt und schätzt – die Lust an der Pointierung, am Sprachspiel, der unbarmherzige, desavouierende Blick auf die Wirklichkeit –, all das ist hier in eine Rahmenhandlung eingebettet, die höchst subjektiv all das aufspießt, was vor gut einem Jahr in den Schlagzeilen war. Ein wahrhaftig historischer Roman also – und das gleich in mehrfacher Hinsicht. Hierauf spielen auch die Worte eines Rezensenten an, denen man nur bescheinigen kann, dass sie punktgenau ins Schwarze treffen: „‚Schalldämpfer‘ ist ein Buch der Gewaltphantasien eines Gestressten. Derb, verhasst und zynisch-ironisch bis in die letzte Papierfaser – einerseits mit dem massiven Holzhammer, andererseits mit dem für den Autoren typischen Feinsinn. Einerseits endbescheuert, andererseits hochintelligent.“
Walter Gödden
Appetizer I
„Wir hatten das Kommando Leise Welt gegründet, eine Organisation zur Rettung des menschlichen Trommelfells und der inneren Organe. Lärmbolde, Schreihälse und Rollkofferbrüllwürfelhintersichherzerrer bekamen von uns einen eindeutigen Wink mit der Wumme.
Besonders penetranten und unfähigen Straßen- und U-Bahn-Musikern machten wir ein großzügiges Angebot: Gegen die bindende Verpflichtung, nie wieder öffentlich zum Instrument zu greifen, bekamen sie einen anständig dotierten Job bei der Firma Oropax, deren stille Teilhaber wir sind. (Die Betonung liegt selbstverständliche auf still.)
Weniger freundlich waren wir zu Distributeuren von Fahrstuhlmusik und Kaufhausbeschallung; die setzten wir schon mal 48 Stunden der akustischen Jauche aus, mit der sie die Welt belegen, und zwar so, dass sie sich die Ohren nicht zuhalten konnten.
Hauptziel aber waren die Musikchefs von Radiosendern, die ohne jede Gnade Millionen Hörer quälten und in die Verzweiflung trieben. Sie bekamen etwas Großkalibriges in den Hohlraum zwischen ihren Ohren verabreicht, getreu den Grundsätzen unseres Kommandos selbstverständlich mit dem Schalldämpfer.«
Wiglaf Droste: Schalldämpfer. Eine Revue
Edition Tiamat
128 Seiten, 14,00€
Langversion dieser Rezension: „Auf sie, ohne Gebrüll!“, in: Westfalenspiegel 63 (2014), H. 3, S. 41–43.





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