
„Willkommen. Gegen euch kann keine Anklage erhoben werden, denn was ihr getan habt, ist noch immer nicht strafrechtlich relevant. Moralisch verwerflich sicherlich, aber kein Gericht kann über euch ein Urteil fällen. Das wisst ihr. Sonst wärt ihr nicht hier. Euer schlechtes Gewissen trifft tagtäglich auf euren Mangel an Schuldbewusstsein. Es ist nicht richtig, was ihr tut, aber es ist nicht genug, um schuldig gesprochen zu werden. Da ihr euch keiner Schuld bewusst seid, muss ich nachhelfen.“ (S. 91)
Mit „Die Unbußfertigen“ liefert Elina Penner eine hochaktuelle, beißende Gesellschaftssatire, die sich wie eine moderne Version von Agatha Christies „Und dann gabs keines mehr“ im Zeitalter von TikTok und Cancel Culture liest. Sie entlarvt eine Welt in der Sichtbarkeit, die härteste Währung und öffentliche Demütigung das ultimative Spektakel ist.
Die Prämisse ist so klassisch wie wirkungsvoll: Im Fokus stehen zehn Menschen, die unterschiedlicher nicht hätten sein können. Penners Figurenrepertoire erstreckt sich von einer „Mom-Fluencerin“, die ihre Kinder für Reichweite in den sozialen Medien ausnutzt, über eine Busfahrerin, die sich im Netz ein Geschäft zwischen Heilsteinen und gefährlichen Heilversprechen aufgebaut hat, bis hin zu einer Fitnessinfluencerin, die kaltblütig ihre Konkurrenz ausschaltet. Es gibt kaum einen Internet-Archetypen, den Penner nicht in ihren Roman integriert. So treffen diese auf die eine oder andere Art erfolgreichen Influencerinnen unter anderem auf einen Frauenhasser, der durch seine Hasskommentare zahlreiche Journalistinnen in den Burnout getrieben hat, einen notorischen Stalker, einen jungen Rechtsextremen, der in den sozialen Medien als Rattenfänger fungiert und einen Rentner, dessen Rezensionen schon so manchen Lebensträumen ein frühes Ende beschert haben.
Penner erschafft einen Querschnitt der sozialen Medien und ihrer Gefahren und forciert eine direkte Konfrontation, indem sie die handelnden Figuren auf engstem Raum zusammenpfercht. Denn so unterschiedlich diese Charaktere auch sind, sie haben eines gemeinsam: die App Haɪmlɪk, welche die dunkelsten Geheimnisse ihrer Nutzer:innen sammelt und ein mangelndes Schuldbewusstsein. Als die Top 10 User:innen besagter App erhalten sie die Einladung zu einem exklusiven Wochenende und werden in ein abgelegenes Herrenhaus eingeladen. Was zuerst wie ein prestigeträchtiges Content-Event aussieht, weicht bald der bitteren Realität, als die ersten Teilnehmenden verschwinden und die Übrigen feststellen, dass sie nicht die Gäste, sondern die unfreiwilligen Spielfiguren eines Reality-TV Formates sind, dessen Sinn es ist, ihnen einen Spiegel vorzuhalten.
Dabei zieht Penner eine ebenso treffende wie bittere Parallele zwischen historischer Zurschaustellung und modernem Medienkonsum:
„1958 gab es die letzte Völkerschau im Tierpark Hagenbeck, ein Menschenzoo zum Begaffen. Heute müssen wir dafür nicht einmal mehr Eintritt zahlen, nur das Handy in die Hand nehmen.“ (S. 101)
Die literarische Wucht des Romans liegt in Penners präziser Sezierung der Charaktere. Sie belässt es nicht bei einer kulturpessimistischen Medienschelte. Stattdessen nutzt sie das Setting, um die Filter – im wortwörtlichen wie im übertragenen Sinn – wegzureißen. Was bleibt, ist die Schattenseite hinter dem perfekten Bild, das über Social Media stetig propagiert wird.
„Die Unbußfertigen“ ist ein Abgesang auf unsere von Likes getriebene Gegenwartskultur und ihre impliziten Konsequenzen. Die literarische Stärke des Romans liegt dabei nicht zuletzt in Penners differenziertem, feministischem Blick auf eine Gesellschaft, die sich zwischen Generationenkonflikt und „Incel-Culture“ bewegt. Sie begnügt sich nicht mit simplen Täter-Opfer-Schemata. Die toxische Dynamik digitaler Misogynie fängt sie messerscharf ein, wenn sie jene Täter beschreibt, die online nach dem suchen, was sie schon lange verloren glaubten: „Am Computer sitzend […], eingekuschelt in eine Anonymität, die grenzenlose Macht verspricht. […]“ wünschen sie sich vor allem eins: „Kontrolle über Frauen“ (S. 148). Dabei lässt sie nicht aus, wie auch die Täter stetig durch das Patriarchat eingeschränkt und geformt werden. Und auch die weiblichen Figuren sind sich ihrer Rolle im System bewusst, wie eine von ihnen pointiert resümiert:
„Ich melke das System, das mich gleichzeitig in einen beschissenen Käfig steckt.“ (S. 144)
Dabei bleibt Penners Stil brutal ehrlich, zeitweilen bissig und spitz, wie eben jene Kommentarspalten, die das Leben der handelnden Figuren dominieren. Wer eine schonungslose, kluge und rasant erzählte Abrechnung mit der modernen Aufmerksamkeitsökonomie sucht, macht mit „Die Unbußfertigen“ bestimmt nichts falsch. Ein durch und durch feministischer Pageturner, der die eigenen Privilegien und Abgründe hinterfragt und noch lange nachhallt.
Katharina Schlattmann



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