Bücher

Oliver Uschmann und Sylvia Witt: Log Out!

„Ich bin allein, denke ich, während ich mich durch die Menge dränge.“ (S. 7) Dieser einleitende Satz des Romans Log Out! von Oliver Uschmann und Sylvia Witt aus dem Jahre 2012 beschreibt bereits den Dreh- und Angelpunkt seiner Handlung: Die Ich-Krise und Sinnsuche des 19-jährigen Protagonisten Paul Planbaum, frisch aus dem Abitur und plötzlich allein dastehend. Im Gegensatz zu seinem Namen plant Paul nämlich nicht ­– er hat sogar eine grundsätzliche Abneigung dagegen: „Planen ist […] eine Anmaßung. Als wenn man die Zukunft im Griff haben könnte.“ (S. 22) Im Laufe der Handlung erwartet ihn aber genau das: Die Konfrontation mit traumatischer Vergangenheit, orientierungsloser Gegenwart und ungewisser Zukunft und dies zusammengesponnen in der wahnwitzigen Projektidee ‚Log Out!‘: 100 Tage Survival im Wald. Dabei wird er durch seinen Blog, in dem er das Ganze festhält, zum Medienphänomen, was im meinungsstarken Kontext des Netzes die Einordnung und Bestimmung seines fraglichen Ichs deutlich erschwert.

Paul erscheint zunächst ziellos zu sein, da sein bisheriges Leben auf den Kopf gestellt wird: Eltern verreist, bester Freund weggezogen, Schule beendet. Dementsprechend formbar und ungreifbar ist unser Protagonist auch: Genau wie er selbst, wissen auch die Lesenden nicht, wer er ist und wohin er will. Dies spiegelt sich auch in der Handlung des Romans mit seinen Irrungen, Verstrickungen und Wendungen, welche Paul vorantreiben und Sinn stiften sollen.

Das konkrete Blogprojekt Log Out! spinnt dabei einen roten Faden und veranlasst die komplette Neuerfindung Pauls. Bei seiner Selbstsuche und Sinnfindung verkauft er beinahe seinen gesamten Besitz über eBay und geht zurück in das Archaische – die Natur, den Wald – und kehrt somit die Idee der Evolution herum. Der Notwendigkeit seiner (Weiter-)Entwicklung entkommt er dabei nicht, beschäftigt er sich doch mit verschiedenen kulturellen Aspekten – wie dem Überdruss an Besitz, Konsum und Kapitalismus und dem Hinterfragen der gängigen Konventionen – und sozialen Beziehungen: Eltern- und insbesondere Mutterschaft, Freundschaft, Kollegialität und Liebe. Hinzukommt die kritische Auseinandersetzung mit der Rolle und Bedeutung der Medien, ihrer Allpräsenz einerseits und ihrer Ambivalenz andererseits, welche die Rahmenbedingungen durch die öffentliche Verhandlung von Pauls Handeln noch einmal verschärfen. Ja, es könnte sogar behauptet werden, die Medien seien handlungstreibend für Pauls Entwicklung, oder gar der Rahmen, in dem er sich neu erfindet. Radikal begegnet das Archaische hier dem Digitalen, was sich auch in den verschiedenen Textformen – u. a. [in] Mails, Chatnachrichten und Blogeinträgen – innerhalb des Romans zeigt. Zugleich verweben sich die Lebensrealitäten und dadurch auch die Frage, ob der ‚richtige‘ Rückgang ins Archaische überhaupt möglich ist.

Das Projekt Log Out! wird nie so zu Ende geführt, wie Paul es geplant hat – aber Paul plant ja auch nicht, richtig? Fragen nach Ausmaß und Art seiner Neuerfindung, dem Einfluss von außen sowie der Kritik an sich selbst und der Ambivalenz von Einsamkeit und Beziehung(en) werden verhandelt und können von Rezipierenden individuell gedeutet werden. Letztlich ist klar: „Ich! Ich! Ich! Es geht nicht immer um dich, Paul. Obwohl … […] vielleicht geht es ja nur um dich.“ (S. 301)

Log Out! von Oliver Uschmann und Sylvia Witt ist ein Roman, der nie langweilig wird. Manches mag abstrus klingen, manche halten genau das für das Leben. Lesen lässt es sich jedenfalls flüssig, die Kapitellängen sind angenehm, die Ironie amüsiert. Angereichert wird dies mit dem ‚Mediendschungel‘ und einem Ich-Erzähler im Zwist mit sich selbst. Ein leichter Jugendroman für zwischendurch, der auch zum Nachdenken anregen will und kann.

Nele Schwering

Diskussion

Hinterlassen Sie einen Kommentar oder setzen Sie einen Trackback.

Kommentare abonnieren.

Bitte fair bleiben. Wir behalten uns vor, gegebenenfalls Kommentare zu löschen.

Sie können diese Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

*Notwendige Angaben