Museum, Was läuft?

Auffe Halde gehen

 

 

 

 

 

 

 

Karl-Heinz Gajewsky © Dirk Bogdanski

 

 

 

 

 

 

 

Jürgen Brôcan © Dirk Bogdanski

 

Das ist wieder so eine Geschichte von nebenan. Die sich irgendwo im Verborgenen abspielt: Da treffen sich zwei gestandene Männer, schnüren ihre Wanderschuhe, trotzen Wind und Wetter, begeben sich auf Höhenwanderungen, die Körper und Geist alles abverlangen, verarbeiten dies literarisch und fotografisch zunächst nur für sich und’s Privatissimum – und, ja, womöglich hätte das alles gar keine Spuren hinterlassen, wäre nicht irgendwann im persönlichen Gespräch zwischen uns der Gedanke an diese Ausstellung hier im Literaturmuseum aufgekommen. 

Wir reden hier nicht über Höhenwanderungen in den Alpen oder im bayerischen Hochgebirge vor einzigartigen Naturpanoramen und traumhaften Kulissen, sondern von Wanderungen auf einem anderen Höhenkamm, hier ganz in der Nähe und in ganz speziellen Kontexten: Gemeint ist die Zechenhalde Hoheward in Herten, mitten im Ruhrgebiet, der oft ach so gescholtenen und geschmähten Region, dem Pott, weil er vor allem eins sei: hässlich, staubig, russig, unwirtlich. Aber das wissen wir nun ja, wenn nicht durch eigene Anschauung, unter anderem auch durch unsere letzte Ausstellung hier im Museum über Stefan Thobens Ruhrgebiets Foto-Reportageband Ein Traum in bunt, aber auch schon durch manch anderes, früheres Ausstellungs- und Buchprojekt: Dieses Ruhrgebiet hat seine eigenen Reize, ganz besondere Vorzüge, hat etwas Einmaliges, Unverwechselbares.

Und das, dieses Feeling, saugen unsere beiden Wanderer, Jürgen Brôcan und Karl-Heinz Gajewsky, sozusagen täglich bei ihren Exkursionen in sich auf, inhalieren und spüren die Kraftquellen, die von den früheren Industriestandorten ausgehen, den einstigen Kathedralen der Arbeit, die, jedoch nicht, das wäre der falsche Blick, romantisiert, idyllisiert werden sollen. Jürgen Brôcan und Karl-Heinz Gajewsky haben anderes im Sinn als Schönfärberei. Sie machten sich auf, das Gelände künstlerisch zu kartografieren. Sie betrachten es historisch, richten ihr Augenmerk auf den Wandel, der das Land an der Ruhr mehr als anderswo charakterisiert. Hierzu gibt es, von beiden gemeinsam verfasst, in der Ausstellung einen atmosphärischen Text, der die Gefühlswelt der beiden Erdkundler und Erkunder sehr schön widerspiegelt.

Zwei begeisterte Wanderer also, wobei der eine die Kamera immer im Anschlag hat. Karl-Heinz Gajewsky hat sich als Dokumentarist durch sein Internet-Portal Reviercast.de besondere Verdienste erworben, in dem er viele Ruhrgebietsautorinnen und -autoren in Wort, Bild und Video verewigt. Bei den im Museum gezeigten Fotografien macht er es ähnlich, wobei der Fokus diesmal auf Natur und Industrie gerichtet ist.

In seinem Text Hunderttausend Höhenmeter – Halde Hoheward, der als ,Beipackzettel‘ drüben in der Ausstellung ausliegt, beschreibt er die ganz persönliche Beziehung, die ihn mit „seiner“ Halde verbindet – eine Liebeserklärung der besonderen Art. Hier die ersten Sätze daraus:

Das Thermometer zeigt minus vier Grad. Raureif bedeckt die Pflanzenwelt. Ich greife zur Kamera, meine Frau Barbara zum Autoschlüssel, und wir starten unsere tägliche Tour zur Halde Hoheward. Stadtauswärts warnt ein Straßenschild, dass Frösche die Fahrbahn queren. Wir verlassen Gelsenkirchen, fahren am Sportplatz der „Sportfreunde Wanne-Eickel 04“ vorbei. Die Werbefläche „Dem Bürgermeister seine Frau ihr Stadion“ ist verschwunden, wie schade! Fünf Minuten später befinden wir uns auf Hertener Stadtgebiet. Ein braunes Gemenge aus verwelkten Farnen bedeckt den Waldboden, abgeknickte Baumstämme lassen an die Karbonzeit denken, als vor 350 Millionen Jahren die Inkohlung begann. Der umliegende Emscherbruch ist der Rest einer vorindustriellen Sumpflandschaft. Infolge des Kohleabbaus hat sich die Gegend an manchen Stellen um mehr als zwanzig Meter gesenkt. Ohne umfangreiche Poldermaßnahmen würden Bäche und Flüsse rückwärts fließen und weite Teile des Ruhrgebiets in eine Seenlandschaft verwandeln. „Geborgtes Land“ war in der Lokalpresse zu lesen.

Im Weiteren erfahren wir etwas zur Zechengeschichte, die mit der Stilllegung im Jahr 2000 endete bzw. nun in anderer Form fortlebt: „Dieses denkmalgeschützte Gebäude beherbergt den Revue Palast Ruhr, wo in Stratmanns Travestietempel internationale Shows dargeboten werden.“ Das aber hält die Turmfalken nicht davon ab, im Frühjahr wieder auf einem der ehemaligen Fördertürme zu brüten. Oben, auf dem Gipfelplateau kurzes Verschnaufen. Dann den Blick über die industriell geprägte Landschaft schweifen lassen. Wieder bleibt das Auge an der Natur haften, um dann abzuschließen: „Die kalte Jahreszeit verzaubert mit monochromen Flächen, schemenhaften Strukturen im Nebel und dem rotglühenden bis goldenen Farbenspiel der Morgensonne.“ Und: „Auf ihrem Gipfel geben Hinweistafeln eine gute Orientierung im umliegenden Wirrwarr aus Städten, Halden und Grünflächen. Manchmal illuminiert die Abendsonne den gegenüberliegenden Berg wie eine überdimensionierte Pyramide: Unsere Halde Hoheward.“

Es sind geradezu magische Momente, die Karl-Heinz Gajewsky hier beschreibt und an die er uns durch seine Fotografien teilhaben lässt. Sein Kameraauge verschmilzt mit dem Auge des Betrachters, der nur Staunen kann ob all der Impressionen, die manchmal an surreale Science-Fiction-Filme denken lassen.

Zwei, die sich gesucht und gefunden haben: Der eine fotografierend, der andere mit dem Bleistift in der Hand: Mit Jürgen Brôcan erweitert sich der Dialog mit Natur und Landschaft um eine neue Dimension. Auch er, Brôcan, ist ein Spurensucher aus Passion. Auch er sucht nach Schönheit, aber keiner Schönheit im landläufigen Sinn. Seine Interpretation des Begriffs schließt anderes ein. Beispielsweise verfallene Häuser, verwaiste Artefakte unter Autobahnbrücken oder eben Industriebrachen. Dem Zufall ist manchmal Tür und Tor geöffnet. Man muss nur bereit sein, ihm nachzugeben.

Und da ist noch etwas anderes, das beide Künstler verbindet: Die Faszination für das „unvergleichliche Licht“ der Ruhrgebietslandschaft. Der Lyriker, Essayist und Herausgeber Brôcan: „Wer im Ruhrgebiet wohnt, braucht nicht in die Weltstädte mit den klin­genden Namen zu fahren, um von dort mit vielbeachteten Berichten zurückzu­kehren, er braucht im Grunde nur vor die Haustür zu treten, um bei jedem Schritt neue Themen für neue Gedichte zu finden.“

Für Brôcan zählt das Ruhrgebiet zu den literarisch anregendsten Regionen Deutschlands. Sein Loblied habe aber nichts mit Lokalpa­triotismus oder selbstbeweihräucherndem Regionalismus zu tun, versichert er, sondern re­flektiere schlicht die Tatsache, dass man im Ruhrgebiet, auf überschauba­rem Raum, soviel Stoff finde, „dass es wahrscheinlich für zehn und mehr Schreib­leben ausreichen würde“. In dieser Hinsicht ist Brôcan ein Sammler, der seltene Wörter wie Fossilien mit nach Hause nimmt. Er spricht diesbezüglich von einer „historischen Syntax“, der er nachspüre.

Der genannten Ausstellung hat Brôcan einen Zyklus mit 12 Gedichte beigesteuert. Sie tragen, wie die Ausstellung, den Titel Haldenhub. Drüben, im Haupthaus, ist beides zu sehen und zu bestaunen, szenografisch von Jeremias Vondrlik gestaltet.

 

Text: Dirk Bogdanski

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