Die Preisgekrönte Autorin Sabrina Janesch, die zuletzt den Annette-von-Droste-Hülshoff-Preis erhielt, wurde 1985 in Gifhorn (Niedersachsen) geboren und lebt derzeit mit ihrer Familie in Münster. Bis 2009 studierte sie Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus an der Universität Hildesheim sowie Polonistik an der Jagiellonen-Universität Krakau. Seitdem ist sie auch erfolgreich als Schriftstellerin und Publizistin tätig. Heute erscheint ihr neuer Roman »Die goldene Stadt« im Rowohlt Verlag.
Was für eine Geschichte! Und was für Mythen, die sich um sie ranken! Augusto Berns gab in den bisher vorliegenden und zudem spekulativen Quellen das Abbild eines Hochstaplers und Ausbeuters ab. Der Entdecker der sagenumwobenen Inka-Stadt Machu Picchu soll die Stadt skrupellos ausgeplündert und die erbeuteten Schätze in alle Himmelsrichtungenverkauft haben. Und das nicht still und heimlich, sondern mit dem Segen der peruanischen Regierung. Forscher, Institute und Universitäten beschäftigten sich mit seinem Raubrittertum, ohne Berns‘ Identität näher auf die Spur zu kommen. Man kannte weder seinen genauen Namen noch seine Lebensdaten, geschweige denn die genaueren Umstände seines Aufstiegs in dem südamerikanischen Land. Und nun schreibt Sabrina Janesch ein 535 Seiten zählendes Buch über den vermeintlich Unbekannten. Es bietet nicht nur die fehlenden Fakten zur Vita – eine ungemeine Fülle an Informationen –, sondern auch ein genaues Psychogramm des Entdeckers.
Dieser steht nun nicht mehr als Unhold da, sondern als Schwärmer, Idealist, als Besessener, der schon in frühester Jugend im Rhein – er stammt aus Uerdingen – nach Gold schürfte und von der fixen Idee besessen war, die sagenumwobene goldene Stadt der Inka zu entdecken. Er las alle verfügbaren Bücher über ›sein‹ El Dorado, suchte die Forscher-Ikone Alexander von Humboldt auf (der den jungen Heißsporn allerdings der Tür verwies), bevor er als knapp 20-jähriger sein Schicksal selbst in die Hand nahm. Er machte sich vor seiner Familie und dem preußischen Militär aus dem Staub und ging auf eigene Faust nach Peru – geradezu manisch angetrieben von dem Wunsch, als größter Entdecker der Welt in die Historie einzugehen.
Sabrina Janesch hat sich jahrelang mit Rudolf August Berns (so sein richtiger Name) beschäftigt, ist seinen Spuren in unzähligen öffentlichen und privaten Archiven nachgegangen, war selbst mehrfach zu Recherchezwecken in Peru, stand mit zahlreichen internationalen Forschern und Universitäten im Austausch. In ihrem Buch »Die goldene Stadt« hat sie Berns‘ Werdegang vom mittellosen Einwanderer zum gefeierten Großaktionär detailliert nachgezeichnet. Er steht plötzlich als Wesen aus Fleisch und Blut vor uns.
Eine Geschichte voller Verwicklungen und Zufälle, die einen ständigen Auf und Ab gleicht. Wiederholt steht Berns vor dem Ruin, doch immer wieder rafft er sich auf und findet neue Gönner und Unterstützer. Sein Entdeckertraum hatte unangefochten Bestand – bis an sein Lebensende.
Berns fand die sagenhafte Inka-Stadt zwar, aber ohne die Goldschätze, die sie beherbergt haben soll. Dies entmutigte ihn jedoch nicht. Er lebte bis zuletzt seinen Traum. Die Financiers seiner Unternehmungen ließ er allerdings in dem Glauben, vor Ort läge das Gold in Hülle und Fülle – man brauche nur die Finger danach auszustrecken.
Also doch ein verdammenswerter Täter? Oder eher ein Opfer seiner Verblendung? Der Roman löst diesen Widerspruch nicht auf. Das macht ihn – neben der an sich schon spektakulären Folie – spannend wie einen guten Krimi. Einmal kommt es Berns vor, als trete er in seinem eigenen Schauspiel auf. Diese Lust (und das Können) an der Inszenierung teilt die Autorin mit ihrem Helden – und sicherlich auch die Leidenschaft, bis zuletzt für eine Idee zu kämpfen. Das Resultat liegt nun für jeden greifbar vor. Ein historischer Abenteuerroman auf 535 Seiten.
Walter Gödden



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