Was war!

Bauernland in Arbeiterhand

Schreibwelten-Erschriebene Welten. Beiträge zur Ausstellung zum 50. Geburtstag der Gruppe 61 vom 19.05.2011 – 03.07.2011 in Nottbeck

Im kommenden Monat ist es soweit: das Nottbecker Bauernland fällt in Arbeiterhand. Eine von Gertrude Cepl-Kaufmann, Jasmin Grande und Hanneliese Palm kuratierte Ausstellung zur Dortmunder Gruppe 61 und ihrer Literatur der Arbeitswelt gastiert in Nottbeck. Für uns ein Anlass, in den nächsten Wochen in einem Schwerpunkt literarische Highlights, Facts und Wissenwertes zur Gruppe 61 zu repräsentieren.

Beginnen wollen wir mit einem kurzen Hinweis auf eine vom Fritz-Hüser-Institut organisierte wissenschaftliche Konferenz zur Gruppenliteratur, die am letzten Wochenende im Dortmunder Rathaus stattfand. Die Tagung war ein gelungenes wissenschaftliches Update der Forschung zur Arbeiterliteratur, die nach einer Hochphase in den „roten“ siebziger und achtziger Jahren ein eher randständiges Dasein in der Literaturwissenschaft fristet. Die Konferenz und die Ausstellung zur Gruppe 61 können – darin waren sich alle Teilnehmer einig – als ein erster erster Schritt betrachtet werden, dass sich diese Situation wieder ändert. Denn die Nicht-Beschäftigung mit der westdeutschen Arbeiterliteratur ist, das haben die Vorträge gezeigt, weniger ihrer Antiquiertheit anzulasten als ein Ergebnis zeitgeistiger wissenschaftlicher Konjunkturen und Moden. Denn „Arbeitswelt“ und Produktionsverhältnisse sind als literarisches und künstlerisches Thema aktueller denn je. Stichworte sind Prekarisierung, Ausbeutung, Arbeitslosigkeit und Flexibilisierung. Ein Rückblick auf die Arbeiterliteratur der sechziger und siebziger Jahre drängt sich geradezu auf.

Autoren der Gruppe 61 wie Max von Grün, Günther Wallraff und Wolfgang Körner (um nur einige zu nennen), besetzten vor 50 Jahren mit literarischen Mitteln die Innenräume der Fabriken und eroberten sich diskutierend und schreibend die Deutung ihrer eigenen „Arbeitswelt“ zurück. Die Produktionsverhältnisse, Entfremdung und Konsumwahn wurden zum Stoff ihrer dezidiert engagierten und politischen Literatur. Methodisch war Stilpluralismus angesagt. Max von der Grün schrieb realistisch, Wallraff dokumentarisch und Körner eklektisch-postmodern. Viele Texte sind lesbar geblieben und wirken – in einer, wie letztens sogar Frank Schirrmacher wetterte, leidenschaftslosen und unpolitischen Gegenwartsliteratur – erstaunlich erfrischend. Die Konferenzteilnehmer erkundeten das literarische Feld der Arbeiterliteratur. Kontinuitätslinien in die Weimarer Republik wurden gezogen, Gruppendynamiken und Widersprüche thematisiert, Berührungspunkte mit der damaligen Gegenkultur aufgezeigt und diskursive Anschlussmöglichkeiten an zeitgenössische Debatten (Digitale Boheme/Prekarisierung) und Theaterprojekte (René Pollesch) diskutiert. Ein Kompendium der Beiträge soll im Frühjahr 2011 erscheinen.

Steffen Stadthaus

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