Ab dem 19. Mai in diesem Theater: Die nächste Nottbeck-Ausstellung blickt zurück auf die Dortmunder „Gruppe 61“, die vor 50 Jahren gegründet wurde. Sie hat noch heute einen guten Klang
Man stelle sich das einmal vor: Ein aufrechter Dortmunder Bibliothekar trommelt am Karfreitag 1961, einem arbeitsfreien Tag, all jene Autoren zusammen, die a) im Ruhrgebiet leben und arbeiten und b) diesen ihren Arbeitsalltag literarisch gestalten. Es war eine kleine, fast handverlesene Schar Herren, die sich zu diesem Datum in ihre Anzüge geschmissen hatte, Herren meist schon älteren Semesters, größtenteils langjährige Freunde und Weggenossen jenes umtriebigen Dortmunder Bibliothekars Fritz Hüser, eines beispielhaften Organisators und Multiplikators, der in seinem „früheren Leben“ selbst im Bergbau und in Werkhallen gearbeitet hatte.
Ohne seine Unerschrockenheit, ohne sein nimmermüdes Talent als Motor und Inspirator, hätte es die später legendäre Gruppe 61 nie gegeben. Hüser war ihr Geburtshelfer, geistiger Vater, Mäzen und Pate. Er besaß, wie Hans Werner Richter bei der „Gruppe 47“, ein besonderes Organisationstalent und Gespür für literarische Talente. Max von der Grün verglich ihn später einmal mit einem „Spürhund“, der unentwegt auf der Suche nach neuen Talenten gewesen sei. Hierdurch habe er der Gruppe entscheidende Impulse verliehen.
Es war damals noch niemandem klar, welche Folgen diese erste Sitzung zeitigen sollte. Ob bewusst oder unbewusst – wohl eher Letzeres – trafen die wohlmeinenden Herren in den grauen Anzügen – haargenau den Nerv der Zeit. Sie traten – obwohl alles andere als Provokateure – in Opposition zum gängigen Literaturgeschmack jener Jahre. Und der hatte mit allem etwas zu tun, nur mit einem nicht: der Gegenwart, der Wirklichkeit und, auf unser Thema bezogen, mit der Realität der Arbeitswelt. Und so kam es zum Schulterschluss zwischen jener Gruppe Aufrechter, die eigentlich nur in Dortmund, vor der eigenen Haustür also, allenfalls noch im Ruhr-Revier eine neue Literatur etablieren wollte, und der damaligen Intelligenzia.
Walter Jens hatte schon im Jahr zuvor konstatiert: „Die Welt, in der wir leben, ist noch nicht literarisch fixiert. Die Arbeitswelt zumal scheint noch nicht in den Blick gerückt zu sein. Wo ist das Porträt eines Arbeiters, wo die Zeichnung eines Maurers, wo agieren die Mädchen in der Fabrik, wo bewachen Roboter die rötlichen Lampen… Man beschreibt… den Menschen im Zustand ewigen Feiertages, den Privatier für alle Zeiten. Arbeiten wir nicht? Ist unser tägliches Tun so ganz ohne Belang?“
Martin Walser äußerte sich ganz ähnlich über den Zustand der damaligen deutschen Literatur: „Arbeiter kommen in ihr vor wie Gänseblümchen, Ägypter, Sonnenstaub, Kreuzritter und Kondensstreifen.“
Dass die Gruppe 61 dann so populär und in ganz Deutschland bekannt wurde, hat aus heutiger Zeit fast Züge eines Märchens. Überall wurde über sie berichtet – ein Medienrummel, der nicht nur in der Journalistik, sondern auch in noch schwarzweißen Fernsehwelten seinen Niederschlag fand. Es gab Einzellesungen, öffentliche und interne Gruppenlesungen, Lesungen von Gastautoren, Tagungen, Filmdiskussionen und Vorträge. Insgesamt fanden im Laufe von 12 Jahren fast 60 Veranstaltungen statt.
Mitte der 1960er Jahre befand sich die Gruppe auf dem Höhepunkt ihrer Popularität. Mit allgegenwärtigen Konsequenzen auch für die Literatur. Hunderte schreibender Arbeiter schickten ihre Manuskripte ein und hofften, über die Gruppe die Möglichkeit zur Publikation und zu Lesungen zu erhalten. Auch junge Literaten sandten Texte ein, darunter spätere Literaturgrößen wie Dieter Forte, F.C. Delius oder Günter Herburger.
Heute haben viele Texte der Gruppe eine ungeahnte Aktualität erlangt. In Max von der Grüns Roman „Stellenweise Glatteis“ wird beispielsweise beschrieben, wie eine Firma ihre Mitarbeiter per Gegensprechanlage ausspioniert…
Ein Grund mehr also, einen Blick in „Schreibwelten – erschriebene Welten“ zu werfen. Die Ausstellung wird bis zum 3. Juli 2011 zu sehen sein. Zusammengestellt und kuratiert wurde sie von Gertrude Cepl-Kaufmann, Jasmin Grande und Hanneliese Palm vom Dortmunder Fritz-Hüser-Institut.
Walter Gödden



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