Hannelies Taschau hat 1978 einen Roman über die miefige münsterländische Provinz und den Verrat an Idealen der 1968er Bewegung geschrieben. Das Museum für Westfälische Literatur stellt Buch und Autorin in der Reihe „lost/found“ vor.
ER ist Ende, SIE Anfang zwanzig. ER ein smarter, karrierebedachter Junglehrer, dem die Herzen nur so zufliegen. SIE eine introvertierte angehende Journalistin mit Hang zum Trübsinn. Gemeinsam haben sie einen folgenschweren Entschluss gefasst. Raus aus der Stadt, hinein ins Grün, in die münsterländische Provinz. Kann das gut gehen? Natürlich nicht.
Die Lebenslinien passen fortan einfach nicht mehr zueinander. Während er euphorisch in seinem neuen Job aufgeht, will sie sich nicht akklimatisieren. Ekel stellt sich ein. Lethargie. Wut. Sie beginnt zu trinken, nimmt Tabletten, fällt völlig aus der Zeit. Die Beziehung geht peu à peu in die Brüche.
Argwöhnisch belauert sie das, was sich da vor ihren Augen abspielt. Und das ist nichts Gutes, Wahres, Schönes. Da ist Besserer-Leute-Dünkel, chauvinistisches, dumpf-dümmliches Schützenfestgehabe, ein alles erstickender Konservatismus, ein latenter Faschismus ohne Selbstzweifel und Reue. Ein Szenario des Misstrauens, der Lüge und Heuchelei.
Die Fassade ist eben nur Fassade. Und dahinter sieht es erbärmlich aus. Die Unser-Dorf-soll-schöner-Werden-Mentalität entpuppt sich als Abgrund kaputter Existenzen. Und die Jungen? Die sind teilweise um keinen Deut besser. Sie sind von der Wohlstandsgesellschaft geprägt und laufen Gefahr, in die Konformismus-Falle zu geraten. Progressiv und rebellisch zu tut, ist eine Sache, gesellschaftliche Veränderung nicht nur herbeireden, sondern auch wirklich herbeiführen zu wollen, eine andere. ER gibt seine Ideale bereitwillig auf, SIE geht in die innere Emigration und verzweifelt.
Hannelies Taschaus Roman „Landfriede“, schon 1978 veröffentlicht, geht unter die Haut. Weil er den Personen so nahe kommt. Weil er nicht drumrumredet. Weil er kalt, bissig und trotzig gesellschaftliche Zustände glasklar seziert. Und weil er obendrein spannend ist. Denn SIE, Anne, bekommt den Auftrag journalistisch über die Provinz zu berichten. Wie wird Er reagieren, wie die eingeschworene Dorfgemeinschaft?
„Landfriede“ ist ein Sittengemälde, das sich einreiht in ähnlich gelagerte westfälische Gesellschaftspanoramen von Autoren wie Paul Schallück, Thomas Valentin, Ulrich Schamoni, Otto Jägersberg, Hermann Kinder oder Norbert Johannimloh. Hannelies Taschau setzt diesen „Klassikern“ eine starke weibliche Stimme entgegen, die in vielem radikaler und entlarvender ist als die ihrer Vorgänger.
Am Dienstag, den 12.4.2011 um 19.30 begrüßen wir Hannelies Taschau zu einer Lesung aus dem Roman „Landfriede“ und ihrem Lyrikband „Mittellange Lustfahnen“, der von Eric van der Wal 1992 gestaltet und herausgegeben wurde. Die Lesung findet im Rahmen der Sonderausstellung „Bücherlust und Druckertrost“ statt.
Walter Gödden




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