Was war!

Die Antwort auf ping

ping

…ist natürlich pong. Ein kleiner Rückblick auf das Symposium „Neue Konkrete Poesie“ im Bielefelder Kunstverein.

Vor nicht allzu langer Zeit ging es in diesem Blog um Lyrik im Museum (hier). Dass dies ein aktuelles Thema in der Kultur ist, bezeugt auch Eugen Gomringer im Bielefelder Kunstverein. Die sehenswerte Ausstellung ehrt den ‚Vater‘ der Konkreten Poesie, der dieses Jahr 90 Jahre alt wurde und zieht Bezüge zum Schaffen gegenwärtiger DichterInnen und KünstlerInnen. Zu Beginn fand am 29.8. ein Symposium zum Thema „Neue Konkrete Poesie“ statt.

Was aber ist das Konkrete an Konkreter Poesie?

„Konkrete Poesie ist eine elementare und dialogische Poesie, die visuelle, akustische und phonetische Dimensionen der Sprache als literarisches Mittel einsetzt“, steht im Begleitheft der Ausstellung. Das heißt, das Gedicht wird von klassischen Reim- oder Satzformen befreit. Es soll auch nicht von einem Gegenstand oder einer Geschichte abstrahieren. Stattdessen stehen die Wörter, Silben und Buchstaben – ganz konkret – nur für sich selbst, in ihrer ‚simpelsten‘ Bedeutung, in ihrer visuellen Erscheinung oder als reiner Klang. So war es Gomringer möglich, sein berühmtes ‚Ping-Pong-Gedicht‘ zu schreiben:

pingpong

Ein schlichtes, spielerisches, lautmalerisches Gedicht, das wie die Bewegung eines Pingpongballs ein Hin und Her bildet. Ein Hin und Her zwischen den Vokalen i und o, zwischen den Anordnungen der Wörter, möglicherweise sogar eine rudimentäre Form von Kommunikation. So formulierte es jedenfalls Eugen Gomringer selbst, der beim Symposium anwesend war und sinngemäß sagte: Wenn Sie in einen Saal eintreten und sagen „ping“, dann antworten alle „pong“.

Symposium Neue Konkrete Poesie

Das abgehaltene Symposium bezieht sich auf eine lange Tradition: Von 1978 bis 2003 gab es das „Bielefelder Colloquium Neue Poesie“, das Siegfried J. Schmidt initiierte und an dem u.a. Eugen Gomringer, Friederike Mayröcker, Jochen Gerz und Ernst Jandl teilnahmen. Beim Symposium 2015 gab Gomringer in einem einleitenden Vortrag einen Einblick in seine künstlerische Entwicklung, die mit der Konkreten Kunst ihren Anfang nahm. Am diesjährigen Symposium nahmen neben Gomringer hauptsächlich jüngere AutorInnen/KünstlerInnen teil. Ihre Arbeiten und Performances bezeugen ein gegenwärtiges Interesse am ‚Konkreten‘, ein Handeln mit schlichten Strukturen, mit den kleinsten Einheiten der Sprache. Trotzdem sind es immer wieder sehr gegenwärtige und aktuelle Wörter, die in die Texte Eingang finden und deren Sinn und Zusammenhang durch Wiederholung verfremdet und hinterfragt wird, wie z.B. bei der Künstlerin Hanne Lippard:

The internet is 45% instructions, 45% distractions, 10% cat videos
The internet is 45% destructions, 45% erections, 10% cat videos
The internet is 45% appropriation, 45% repetition, 10% cat videos
The internet is 45% paypal, 45% penpal, 10% cat videos
The internet is 45% life, 45% second life, 10% cat videos
The internet is 45% male, 45% mail, 10% cat videos

Die Lyrikerin Cia Rinne performt und schreibt in verschiedenen Sprachen und zeigt, wie leicht Textzeilen zwischen Bedeutungen changieren können, wenn man nur kleine Veränderungen in der Anordnung der Buchstaben vornimmt:

17 questions
(eine frage des charakters)
caractéristi  / qué?
misanthropi / qué?
philosophi / qué?
hédonisti / qué?
sympathi / qué?
hystéri / qué?
grotes / qué?
exoti / qué?
pani / qué?
blo / qué?
ni / qué?
o / qué?
/ qué?
qué?
ué?
é?
?

Bemerkenswerterweise wurde als Grund für das aktuelle Interesse an Konkreter Poesie in der Diskussion u.a. der Überfluss an Informationen vermutet. Konkrete Schlichtheit und Struktur gegen Reiz- und Informationsüberflutung. Dass die Gegenwart dennoch in Form von Markennamen (wie bei Karl Holmqvist) oder Umgangssprache (wie bei Sophia Le Fraga) auch in den Texten stattfindet, verhindert, dass diese Poesie zum weltfremden Rückzugsort wird. Zum anderen trägt diese Art von Konkreter Poesie auch dem Umstand Rechnung, dass wir ohnehin in einer von technischen und digitalen Strukturen geprägten Wirklichkeit leben. Eine Konsequenz daraus ist Tan Lins Online-Projekt „Mastering the Art of French Cooking“, das in der Ausstellung in Bielefeld zu sehen ist. Hier wird ein Kochbuchtext mit der Luhmannschen Systemtheorie automatisch zusammengewürfelt: Eine automatisierte Sprache in einem digitalen Raum.

An Material scheint es der Konkreten Poesie in der Gegenwart also nicht zu mangeln. Das veranschaulichte eindrücklich das Symposium. Noch bis zum 25. Oktober kann man sich in der Ausstellung auch persönlich davon überzeugen.

Interative Webdoku zu Eugen Gomringer:
http://www.agomringerz.de

Reinhören in die Texte von Hanne Lippard:
http://hannelippard.com

Sonja Lesniak

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